Politik
Dienstag, 03. November 2015

Person der Woche: James Bond: Total geschüttelt, nicht gerührt

Von Wolfram Weimer

Der neue James-Bond-Film startet und wird ein Kino-Welthit. Dabei wankt der Held immer gebrechlicher daher, die Feinde kommen aus der eigenen Familie, seine Welt scheint eine Neurose. Der Film wird zusehends zum Fall für Psychologen. So kann es nicht weitergehen.

Früher gab es noch Kommunisten, den KGB und den Kalten Krieg. Das Böse wohnte in Moskau und James Bond rettete uns die westliche Welt - witzelnd, flirtend und in britischen Maßanzügen. Der Mann kam aus einer Zeit, in der Männer noch Männer, aber keine Gender-Versteher waren - und Autos noch PS hatten, aber keine Abgaswerte. James Bond war vor allem eines: selbstbewusst und unerschütterlich. Heute kränkelt der Action-Held, wird zusehends selbstzweifelnd und zerbrechlich. Die Filmemacher von "Spectre" verkleinern sein Ego zur Spiegelscherbe. Der Held wird zum Psycho, seine Welt zum Vexierspiel des intimen Verrats. Die Feinde sitzen nicht mehr in Moskau oder Pjöngjang oder Peking, sie sitzen im eigenen Büro und in der eigenen Familie. Alles vertauscht sich, Böses und Gutes, Gestern und Morgen, Freund und Feind.  

Ist nicht mehr der Alte: Daniel Craig alias James Bond.
Ist nicht mehr der Alte: Daniel Craig alias James Bond.(Foto: AP)

Der neue Bond (glänzend gespielt von Daniel Craig) ist damit kein Fall mehr für die Majestät, er ist ein Fall für die Couch von Sigmund Freud. In "Skyfall" wurden wir bereits - das wollten wir eigentlich gar nicht wissen - über den Tod der Eltern informiert und wir ahnten plötzlich, was das an Killer-Neurosen beim armen James ausgelöst haben könnte, dessen Chefin in Wahrheit Mutterersatz geworden ist. Nun werden wir in "Spectre" noch weiter hineingeführt in den pathologischen Befund einer schwierigen Kindheit. Mit "Spectre" lernen wir, dass James mit 12 Jahren adoptiert wurde und sein Stiefvater ihn mehr liebte als seinen eigenen Sohn, worauf dieser komplexbeladen erst den Vater tötete, Spectre gründete und die Bond-Welt in Bosheiten verstrickte.

Alles ist irgendwie phantomhaft

Die Bond-Saga wandelt sich vom Actionfilm zur cineastischen Gruppentherapie, denn selbst das Bond-Girl hat ein schweres Vaterproblem. Niemand kann sich auf nichts mehr verlassen. Die Vaterlosigkeit wird zur Grundmelodie der neuen Bond-Filme. Nicht einmal der Geheimdienst ist noch väterlich sicher, er soll sogar aufgelöst werden, das Böse wartet nicht mehr draußen, sondern im eigenen Überwachungsapparat, ja in einem selbst - sogar das eigene Blut wird als "smart blood" zur verräterischen Waffe.

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Der neue Bond-Film wird sicher ein Welterfolg, die Kinokassen dürften millionenfach klingeln und, ja, er ist gut gemacht, es fliegen Autos und Kugeln und Bösewichter durch die Landschaften. Sogar Martinis werden wieder geschüttelt und nicht gerührt. Doch zugleich ist der Charakter des Helden und des ganzen Filmes derart geschüttelt, dass man sich ernste biografische Sorgen um James Bond machen muss. Denn die Botschaft lautet - alles ist irgendwie "spectre", also phantomhaft. Die Welt ward ein Psychodrama. "Casino", "Quantum", "Skyfall", "Spectre" erzählen uns diese Geschichte immer komplizierter, als eine zusammenhängende Erzählung einer psychosozial deformierten Welt.

Man merkt dieser Psychologisierung eines Helden an, dass hier ein ehemaliger Theaterregisseur am Werke ist. Sam Mendes hat mit seiner Bond-Filmfolge das größte Kammerspiel der Kulturgeschichte inszeniert. Die Bilder sind symbolisch überladen wie die Freudianischen Verletzungen und am Ende muss Bond sich buchstäblich - hoho, wie beziehungsreich - in den Kopf bohren lassen.

"Spectre" hinkt hinterher

Für wahre Bond-Fans wird die Deformation ihres Helden zum verhaltensgestörten Soziopathen langsam eine Zumutung. Was kommen als Nächstes noch für Traumata seines Lebens zutage? War seine Mutter ein Ödipus-Opfer? Tauchen noch neurotische Schwestern auf, die bereits in der Klapse stecken oder gekränkte Brüder in Selbstfindungsseminaren? Und ist beim nächsten Mal das Böse endgültig zu gut für das Gute? Vielleicht ist dann Bond selber der Böse, der mit sich und gegen sich selbst kämpfen und sich töten muss, um weiter zu leben.

Bei allem Spaß am großen Kino, an lustigen Dialogen und großartigen Effekten - es wird Zeit, dass James Bond wieder James Bond sein darf. Die Geschichte vom Psycho in einer jämmerlich indifferenten Welt ist auserzählt - schon alleine deswegen, weil die Welt des 21. Jahrhunderts leider nicht in psychologischer Ambivalenz zerfließt, sondern ganz im Gegenteil wieder echte Bösewichte die Geschichte bestimmen. Wenn Neo-Imperialisten Kriege anzetteln, Neo-Kalifate Massenmorde begehen, Neo-Sultanate und Neo-Saudis ganze Erdteile in Flammen setzen, dann ist das Böse keine Varianz mehr eigener Familienprobleme und westlicher Burnout-Seminare oder diffuser Überwachunsängste. Es ist schlichtweg wieder da. 

James Bond war immer ein Abbild der jeweiligen Weltlage und des aktuellen Zeitgeistes. "Spectre" hinkt insofern den Zeitläuften hinterher. Man ahnt, dass die Jahre der Beschäftigung mit dem eigenen Ich zu Ende gehen und wieder ernste Aufgaben auf ihn warten werden. "Bond will return" heißt es am Ende jedes Bond-Abenteuers. Das wollen wir hoffen, aber bitte nicht mehr als total geschüttelter Psychofreak.

Quelle: n-tv.de

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