Die großen Schuhe der SPD"Ausgerechnet" Steinmeier?
Die SPD trifft erste Personalentscheidungen. "Überzeugend ist das alles bislang nicht", findet die Presse und fragt sich: "Ausgerechnet" Steinmeier soll Oppositionschef werden?
Die SPD hat nach der Wahl-Niederlage ihre ersten Personalentscheidungen getroffen. "Überzeugend ist das alles bislang nicht", findet jedoch die Presse. Vor allem eines stört: "Ausgerechnet" Steinmeier soll neuer Oppositionschef werden?
"In den härtesten Oppositionszeiten der SPD lagen der Partei- und Fraktionsvorsitz in einer Hand", blickt die Münchener Süddeutsche Zeitung zurück. "Erich Ollenhauer hatte von 1952 bis zu seinem Tod 1963 beide Ämter inne. Hans-Jochen Vogel, Nachfolger von Herbert Wehner als Fraktionschef ab 1983, war zugleich ab 1987 Nachfolger Willy Brandts als Parteichef. Deren Schuhe sind so groß, dass Gabriel und Steinmeier wohl lieber zu zweit hineinschlüpfen." Doch "nicht das Hineinsteigen in die Schuhe ist das Problem", lautet das Fazit, "sondern das damit Vorankommen".
"Sigmar Gabriel ist vielleicht nach mehreren Seiten vermittelbar", schreibt der Westfälische Anzeiger aus Hamm, "aber beileibe keine glanzvolle Lösung. Andrea Nahles wäre als Generalsekretärin womöglich eine Fehlbesetzung; sie wird sich mit einer dienenden Rolle auf Dauer nicht zufrieden geben." Auch NRW-Parteichefin Hannelore Kraft komme nicht wegen großartiger Leistungen an die Spitze, sondern weil sie für die Landtagswahl aufgebaut werden soll, so der Kommentar. "Überzeugend ist das alles bislang nicht, durchdacht schon gar nicht", lautet denn auch das Fazit. "Die Architekten der neuen SPD brauchen noch Zeit. Immerhin ist es das Privileg der Opposition, dass man sich diese Zeit nehmen kann. Ein kleiner Trost in schweren Zeiten."
Zweifel am neuen Fraktionschef Steinmeier meldet die Tageszeitung aus Berlin an: "Oppositionsführer - das klingt gut: machtvoll, kräftig, wichtig, etwas verwegen, gefährlich. Wenn man schon nicht Kanzler sein kann ... Wie allerdings Frank-Walter Steinmeier auf die Idee gekommen ist, er könnte ein guter Oppositionsführer sein, ausgerechnet nach dieser Niederlage, inmitten einer orientierungslosen Truppe, das gehört zu den ungelösten Rätseln dieser Tage. Kampfgeist, Leidenschaft, Tempo, Autorität und unbändige Angriffslust, das zeichnet große Oppositionsführer aus; dazu die Kunst der kleinen Gemeinheit, Hinterlist, Chuzpe, Skrupellosigkeit - und dann auch noch die Zähigkeit, jeden Dienstag in der Fraktion eine Art kleinen Parteitag mit der eigenen hungrigen Meute unangefressen zu überstehen. Dieser Steinmeier wurde dem Land jedenfalls noch nicht bekannt gemacht."
Ähnlich sehen es die Aachener Nachrichten, die sich mit der Vergangenheit Steinmeiers beschäftigen: Entscheidend für seinen Erfolg dürfte "die Frage werden, wie er als Mann der 'Neuen Mitte' mit einem sich abzeichnenden Linksruck seiner Partei umgehen wird. Denn der neue SPD-Fraktionsvorsitzende steht für all das, was seine Partei klein und die Linke indirekt groß gemacht hat: die Rente mit 67 und die Agenda 2010. Ausgerechnet er soll nun die Fraktion einen, sie möglicherweise gegenüber den Linken öffnen?"