Politik
(Foto: picture alliance / dpa)

Erfundener Todesfall am Lageso: "Das Lauffeuer vom toten Flüchtling"

Ein Helfer der Initiative "Moabit hilft" setzt die Nachricht vom Tod eines Flüchtlings in die Welt. Die Meldung schlägt schnell Wellen, auch weil das Hilfsbündnis aus Berlin sie ungeprüft verbreitet. Als sich herausstellt, dass der Tod frei erfunden ist, haben schon etliche Medien darüber berichtet. Die Kommentatoren der deutschen Presse diskutieren über den psychischen Ausnahmezustand von freiwilligen Helfern und über die Zwickmühle, in der Medien in solchen Fällen stecken.

Video

Die Frankfurter Rundschau beleuchtet den psychischen Zustand des Helfers: "Alles erlogen. Ein Flüchtlingshelfer hat sich den Tod eines syrischen Flüchtlings ausgedacht und so die Diskussion über die Zustände am Lageso weiter angeheizt. Die Geschichte sagt nicht nur etwas über die tatsächlich zu erleidende Not der Menschen aus. Sie wirft auch ein Licht auf den psychischen Ausnahmezustand von Helfern, die seit Monaten Außergewöhnliches leisten, ohne dass dem angemessen Rechnung getragen werden könnte. Es mag ein Einzelfall sein, über den die Hilfsorganisationen nun zu recht klagen, dass er ihre wertvolle Arbeit diskreditiert. Darüber hinaus sendet er aber auch ein Alarmsignal, die unzureichende provisorische Registrierung und Versorgung der Flüchtlinge nicht länger als gegeben hinzunehmen. Der hilflose Helfer von Berlin hat sich womöglich strafbar gemacht. Gescheitert ist er aber vor allem auch an der Annahme, dass man spontane Hilfsbereitschaft auf Dauer stellen könne. Verlässliche Hilfe braucht professionelle Strukturen."

Gegen die Behauptung, dass nur die rechte Szene die Öffentlichkeit mit Lügen über Ausländer manipuliere, bezieht die Frankfurter Allgemeine Zeitung Stellung: "Das Berliner Lauffeuer vom toten Flüchtling zeigte, dass es nicht nur die 'rechte' Szene gut versteht, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, um eine bestimmte 'Wahrheit' über Ausländer zu transportieren. Das zweifelhafte Privileg der Rechtsradikalen ist es aber, ausgerechnet diejenigen, die zur Aufklärung ihrer und anderer Lügen beitragen, als 'Lügenpresse' zu diffamieren. Im Lügenbrei, der dadurch angerichtet wird, soll die Saat von Angstmacherei, Fanatismus und Hass vor allem in der bürgerlichen Mitte aufgehen. Deren Polarisierung und Radikalisierung zu verhindern wird dadurch zur Bewährungsprobe der Integrationspolitik. Sie wird mindestens ebenso wichtig werden, wie die Heimatlosigkeit der Flüchtlinge aufzufangen."

Im Zeitalter der Digitalisierung können Journalisten im Hinblick auf einen Schwall an nicht verifizierten Nachrichten nichts richtig machen, argumentiert der Nordbayrische Kurier: "Wenn die Gerüchteküche in der hypernervösen Netzgemeinde hochkocht, können seriöse Medien nur noch alles falsch machen: Überprüfen sie Hinweise und nehmen sie sich die nötige Recherchezeit, heißt es, sie wollten vertuschen, die 'Wahrheit' sei im Netz längst nachzulesen. Werden solche Meldungen - wie die aus Berlin - aber selbst unter Vorbehalt verbreitet und sie erweisen sich als falsch, haben sie die Unwahrheit veröffentlicht. So oder so ist es modern geworden, über 'Lügenpresse' zu geifern."

Die Mitteldeutsche Zeitung rät Journalisten sich dem Tempodruck, der besonders in den sozialen Medien herrscht, zu verweigern: "Dabei wird jetzt, gerade durch den Druck der sogenannten Sozialen Medien, zugleich ein Tempo vorgegeben, das man als seriöser Journalist nicht mitgehen darf. Entschleunigung tut Not. Der Fall des angeblich gestorbenen Flüchtlings vor dem Lageso, der umstrittenen, zentralen Anlaufstelle in Berlin, belegt es einmal mehr: Alle, Redakteure, Blogger, Facebooker und ihre Leser, sind zu Mäßigung und Prüfung angehalten. Sonst dreht sich das Karussell von Wahrheit oder Lüge (wie es in diesem Fall gewesen ist) immer schneller - bis am Ende Jeder Keinem mehr traut."

Dem widerspricht der Münchner Merkur und sieht viel mehr die Aufregung von Nutzern in den sozialen Medien als Ursache: "Nur ein Tempo-Schaden der Digitalisierung? Nein, das wäre zu einfach. Das Internet hat mal wieder gezeigt, was es nicht kann: trotz Zweifel an der Story abwarten, nachfragen, sachlich bleiben. Der Fall des erfundenen Flüchtlingstoten zeigt exemplarisch, was leider zunehmend zu beobachten ist: Die vernetzte Republik verfällt auf dem Schlachtplatz der Moral immer enthemmter in Hysterie. Verdächtigungen, Lügen und Gerüchte werden für bare Münze genommen. Die qualitative Aufklärung erledigten Journalisten von - vorzugsweise im Netz als Lügenpresse verunglimpften - seriösen Medien."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen