Westerwelle spricht"Der Fehlerlose kennt keine Selbstkritik"
Guido Westerwelle gibt sich selbstbewusst. Überzeugen kann er die Presse nicht, im Gegenteil. Fehlende Selbstkritik wird ihm ebenso vorgeworfen wie die Unfähigkeit zu reflektieren. Der "Kongress der Gesundbeter" hat gezeigt: Die FDP steckt mächtig in der Klemme.
Guido Westerwelle gibt sich bei seiner Rede auf dem Dreikönigstreffen voller Zuversicht und Selbstbewusstsein. Seine Worte überzeugen die Presse jedoch nicht, im Gegenteil. Fehlende Selbstkritik wird ihm ebenso vorgeworfen wie die Unfähigkeit zu reflektieren oder gedankliche Tiefe in seine Reden zu bringen. Der "Kongress der Gesundbeter" hat gezeigt: Die FDP steckt mächtig in der Klemme.
"Es war keine schlechte, aber auch keine brillante Rede, die FDP-Chef Guido Westerwelle beim Dreikönigstreffen seiner Partei gehalten hat", schreibt die Märkische Allgemeine. Er sei jedoch die Antwort auf die Frage schuldig geblieben, "mit welchen Themen er selbst und seine Partei die Krise überwinden wollen". Doch, so das Blatt aus Potsdam, "vielleicht kommt es auf Westerwelles Antwort gar nicht mehr an, denn er ist ein Parteichef auf Bewährung. Wenn die Landtagswahlen am 27. März in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg für die Liberalen verloren gehen, ist seine Zeit als FDP-Chef vorbei. Schneidet die Partei aber gut ab und schafft vielleicht sogar wieder den Einzug in eine Landesregierung, kann Westerwelle bleiben. Spätestens dann sollte er aber auch ein paar neue Antworten auf die Frage geben, wohin die FDP in Zukunft will."
Die Frankfurter Neue Presse bewertet die Rede Westerwelles negativer: "Er ist der Vorsitzende. Er müsste sagen, wie die Partei in diese missliche Lage geraten ist und wie sie wieder rauskommt. Er müsste sich zu Fehlern bekennen; das hat, übrigens, der Reputation noch nie geschadet. Aber der Fehlerlose kennt keine Selbstkritik. Da redet einer, der schon irgendwie entrückt wirkt. Da sprühen keine Funken, und der dreiminütige Schlußapplaus ist eher höflich als begeistert. Die Nachfolge-Kandidaten, Generalsekretär Christian Lindner vorneweg, belauern ihn bereits. Denn mit seiner matten Ansprache hat Westerwelle der Partei demonstriert: Es ist besser, wenn er seinen Platz räumt. Irgendwann nach den Landtagswahlen im März."
"Westerwelles Unfähigkeit zuzuhören, zu reflektieren und gedankliche Tiefe in seine Reden zu bringen, hat ihm bereits als Außenminister geschadet. Jetzt ist die Partei an dem Punkt, an dem sie bemerkt: Der Kaiser trägt keine Kleider", lautet das vernichtende Urteil der Wetzlarer Neuen Zeitung, die auch sein Ende als Parteichef voraussagt: "Die Ablösung wird in diesem Jahr erfolgen. Christian Lindner arbeitet mit weiteren jüngeren Hoffnungsträgern an der programmatischen Erneuerung. Langsam reift die Erkenntnis bei den Liberalen, dass Westerwelle dem Herzen und dem Verstand der FDP nicht gut getan hat."
"Es mag unfreiwillig sein, aber vermutlich tut Westerwelle mit seiner forschen Augen-zu-und-durch-Politik der FDP sogar einen Gefallen", mutmaßen die Lübecker Nachrichten. "Denn im Frühjahr nach den ersten Wahlniederlagen wird mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein Sündenbock gesucht werden für den Niedergang der Partei. Der den Weg dann frei macht für einen neuen Mann an der Spitze, eine Frau ist nicht in Sicht, der Glanz verbreitet und hinter dem sich die Partei neu formieren kann. Einer hat sich dafür (...) schon einmal empfohlen, mit einer fundierten Rede, die den tatsächlichen Zustand der Partei treffender beschrieb, als die des Parteichefs. Noch trägt Christian Lindner aber nicht das Mäntelchen des Königsmörders."
Und auch die Heilbronner Stimme lässt kein gutes Wort am Dreikönigstreffen, das "ein Kongress der Gesundbeter" gewesen sei, "keine ernsthafte und kritische Lageanalyse einer implodierenden Partei, der sogar in ihrem Stammland die Marginalisierung droht". Im Moment bleibe "den Liberalen nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Jagt die Partei ihren ungeliebten Vorsitzenden Guido Westerwelle aus dem Amt, fehlt ein Sündenbock für die absehbaren Wahlkatastrophen ab März in den Ländern. Und ein neu auf den Schild gehobener Hoffnungsträger müsste damit rechnen, in Mithaftung für den Absturz in die Bedeutungslosigkeit genommen zu werden."