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Der Absturz kommt für die meisten völlig überraschend.
Am 24. Oktober 1929, dem "Black Thursday", rauschen die amerikanischen Aktienkurse in die Tiefe.
Die Werte fallen rasant, binnen kürzester Zeit sind Millionen Aktien nichts mehr wert.
Es ist das Ende der so genannten Goldenen Zwanziger, ...
... der Beginn der ersten Weltwirtschaftskrise.
Die Große Depression verändert das Weltgeschehen wie keine andere Wirtschaftskrise zuvor. Selbst in Australien und Japan spürt man noch ihre Auswirkungen.
Millionen Unternehmen und Menschen sind betroffen, unzählige Existenzen vernichtet.
Schon am 25. Oktober kann der spätere britische Premierminister Winston Churchill bei einer Reise nach New York erste Auswirkungen beobachten. "Direkt unter meinem Fenster hatte sich ein Gentleman 15 Stockwerke in die Tiefe gestürzt", so Churchill.
Der Gentleman hatte sein Vermögen verloren und keinen Ausweg mehr gewusst. Er ist einer von vielen.
Noch ein Jahr zuvor, 1928, hatte sich US-Präsidentschaftskandidat Herbert Hoover optimistisch gezeigt: "In Amerika sind wir heute dem Triumph über die Armut näher als jemals zuvor in der Geschichte irgendeines Landes."
Die Welt sieht noch rosig aus: Die Nachfrage nach neuen Konsumgütern wie Kühlschränken, Fotoapparaten und Autos scheint in den 1920ern in den USA unersättlich, die Wirtschaft brummt, es beginnt ein beispielloser Run auf die Aktienmärkte.
Immer mehr Menschen wollen am Aktienboom teilhaben - und verschulden sich für Papiere. Mit den Kursgewinnen, so die weitverbreitete Ansicht, können sie ja später die Schulden tilgen.
Auch drei Viertel aller Möbel, die Hälfte aller Autos sind auf Pump finanziert. Eine "Massenflucht aus der Wirklichkeit", diagnostiziert der Ökonom John Kenneth Galbraith.
Nach Hoovers Amtsantritt Anfang 1929 mehren sich die Anzeichen für einen drohenden Crash: Die Bauaufträge gehen zurück, der Inlandsmarkt ist weitgehend gesättigt, die US-Automobilproduktion sackt bis zum Herbst 1929 um ein Drittel ab, ...
... viele Farmer können nach einem Anstieg der Zinsen ihre Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen.
"Früher oder später wird der Crash kommen, und er kann schrecklich werden", warnt im September 1929 der Ökonom Roger Babson.
Doch dass es so schlimm kommen würde, hat wohl auch er kaum erwartet.
Denn der Zusammenbruch in den USA hat weltweite Auswirkungen. (Bild: Trafalgar Square in London.)
Die USA, die 1929 mehr als 40 Prozent der weltweiten Industriegüter erzeugen und die größte Exportnation sind, ziehen innerhalb kürzester Zeit ihre Kredite aus dem Ausland ab.
In Zeiten der Krise brauchen sie jeden Cent für sich.
Dies führt weltweit zu weiteren Zusammenbrüchen und einer allgemeinen Verschlechterung der Wirtschaftslage, was wiederum auf die USA zurückschlägt.
Das Bruttosozialprodukt, das private Einkommen und der Außenhandel schrumpfen in den USA in den nächsten vier Jahren auf die Hälfte. Werden 1929 10 Milliarden Dollar investiert, ist es 1932 nur noch eine Milliarde.
Der Dow-Jones-Index sackt von einem Vorkrisenstand von 381 Punkten im Juli 1932 auf einen Tiefstand von 41 Punkten - und es dauert 22 Jahre, bis er im November 1954 das alte Niveau erreicht.
Die Bautätigkeit erlahmt fast vollständig, ...
... auch die Folgen für die Bauern sind katastrophal. Die Agrarpreise sinken im Schnitt um 60 Prozent, zehntausende Bauern sind zahlungsunfähig.
Allein 1933 werden 5 Prozent der amerikanischen Farmen konfisziert oder zwangsversteigert.
Die Zahl der Konkurse übersteigt bis Ende 1932 die Zahl 100.000, bis Ende 1933 sind 9000 Banken zusammengebrochen.
Die Arbeitslosenrate schnellt in die Höhe.
Sind 1929 noch weniger als 5 Prozent ohne Arbeit, sind es 1932/33 bereits ein Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung in den USA: rund 15 Millionen.
Neun Millionen Amerikaner, meist Angehörige der Mittelschicht, verlieren ihre Ersparnisse in einer Höhe von insgesamt rund 2,5 Milliarden Dollar. Aber es trifft auch Millionäre, wie "Champagner-Fred" Bell (im Bild), der bei der Krise alles verliert.
Da es in den USA so gut wie keine staatliche Fürsorge gibt, sind die sozialen Folgen fatal.
Die amerikanischen Arbeitslosen haben keinen Rechtsanspruch auf Unterstützung.
Sie hängen von Armenhilfe der Gemeinden und der Wohltätigkeit privater Spender ab.
Vor den Suppenküchen bilden sich lange Schlangen, ...
... Obdachlosenheime sind voll.
Besonders schlimm ist die Lage für Bauern im Mittleren Westen und im Südwesten.
Sie sind in den Jahren 1930 bis 1941 noch zusätzlich gebeutelt durch anhaltende Dürren, Sandstürme und Bodenerosion.
Mehr als 350.000 Menschen verlassen ihre Farmen und ziehen nach Kalifornien.
Doch auch der Goldene Staat kann nicht alle Neuankömmlinge beschäftigen.
US-Präsident Hoover erweist sich als schlechter Krisenmanager; er vertraut auf die "Selbstheilungskräfte des Marktes".
Wie viele Wissenschaftler seiner Zeit glaubt der Republikaner, Wirtschaftskrisen durch "Gesundschrumpfen" überwinden zu können.
Direkte Hilfen oder massive Eingriffe der Regierung in die Wirtschaft lehnt er ab, stattdessen verfolgt er die klassischen Mittel einer Stabilisierungspolitik wie Zollerhöhungen zum Schutz der heimischen Industrie.
Dies allerdings beschleunigt die Talfahrt weiter, der Welthandel wird stranguliert, die Deflationsspirale vorangetrieben.
Hoover vermittelt den Endruck staatlicher Passivität und Konzeptionslosigkeit. Sein Ausspruch "Properity is just around the corner" ist mehr Wunschdenken, als dass er zur Beruhigung der Märkte beiträgt.
Erst mit dem erdrutschartigen Wahlsieg des Demokraten Franklin D. Roosevelt ändert sich die US-Politik.
Roosevelt zeigt Sympathie und Mitgefühl für den "vergessenen kleinen Mann", bei seiner Antrittstrede 1933 sagt er: "Das Einzige, was wir fürchten müsse, ist die Furcht selber".
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger geht er, beeinflusst vom Ökonomen John Maynard Keynes (im Bild), die Krise entschlossen an.
Mit dem "New Deal" führt er einschneidende Wirtschaftsreformen ein.
Sie erstrecken sich auf jeden Wirtschaftsbereich: Das Geld- und Kreditsystem, den industriellen Sektor, den Arbeitsmarkt, das Sozialwesen und die Landwirtschaft.
Um zunächst der Bankenkrise Herr zu werden - am Vortag seines Amtsantritts hatten 38 Staaten ihre Banken geschlossen - erklärt er mehrere Bankfeiertage und greift massiv in die Markwirtschaft ein.
Die Börsen werden fortan staatlich überwacht, Mindestpreise für Agrarprodukte eingeführt.
Die Regierung ergreift zahlreiche soziale Maßnahmen, verbietet Kinderarbeit und führt eine staatliche Rente und Arbeitslosenversicherung ein.
Zugleich fördert Washington gezielt Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und führt viele Infrastrukturmaßnahmen durch.
So werden unter Roosevelt 122.000 öffentliche Gebäude, eine Million Kilometer Straßen und 77.000 Brücken gebaut.
Insgesamt gibt die Bundesregierung für die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen 11 Milliarden Dollar aus und unterstützt durchschnittlich 2 Millionen Menschen im Jahr.
Dennoch geht die Zahl der Arbeitslosen vergleichsweise langsam zurück; erst mit dem Kriegseintritt der USA 1941 und der Ausweitung der Rüstungsproduktion erholt sich die Wirtschaft von der Großen Depression.
Neben den USA bekommt besonders ein Land die katastrophalen Folgen der Weltwirtschaftskrise zu spüren: Das Deutsche Reich.
Das Land leidet Ende der 1920er Jahre noch immer unter den Reparationszahlungen infolge des Ersten Weltkrieges.
Erst 1923 hatte es die Hyperinflation verschmerzen müssen, die schlimmste Geldentwertung, die je eine fortgeschrittene Industriegesellschaft heimgesucht hatte.
Die Weimarer Republik hängt am Tropf der Auslandskredite, die meisten aus den USA und mit nur kurzfristigen Kündigungsfristen.
Mit dem Börsencrash an der Wall Street bricht auch der deutsche Aufschwung auf Pump in sich zusammen, die "Dollarscheinblüte" ist beendet. Geben 1928 die USA dem Deutschen Reich noch Kredite im Wert von fast 180 Millionen Dollar, ...
... sind es 1929 keine 30 Millionen mehr. Besonders schnell erreicht die Wirtschaftskrise in Deutschland die Bauwirtschaft. Die Zahl der Beschäftigten sinkt von 1928 bis 1932 um mehr als 60 Prozent - von zwei Millionen auf 775.000.
In anderen Branchen ist der Trend ähnlich. Zwischen 1930 und 1932 sinkt die deutsche Industrieproduktion um 40 bis 50 Prozent.
Die Zahl der Arbeitslosen steigt von 1,3 Millionen im September 1929 auf faktisch über 7 Millionen Anfang 1932. (Im Bild: Arbeitslose, die in Berlin in ausrangierten Waggons wohnen.)
Dies verstärkt den Teufelskreis: Mehr Arbeitslose führen zu einer sinkenden Nachfrage, diese wiederum zu weiteren Entlassungen und Zusammenbrüchen.
Verschärft wird die Krise 1931, als die größte Geschäftsbank Österreichs, die Österreichische Creditanstalt, ein Defizit von 140 Millionen Schilling angibt. (Bild: Schloss Schönbrunn in Wien)
Aus Angst vor Auswirkungen in Deutschland ziehen daraufhin Anleger in aller Welt bei deutschen Banken Geld ab. Am 13. Juli 1931 stehen deutsche Sparer bei der Danatbank vor verschlossenen Türen.
Panik greift um sich, vor anderen Bankhäusern und Sparkassen bilden sich daraufhin riesige Schlangen. Die Regierung reagiert - mit der Schließung aller Kreditinstitute für zwei Tage. Die Börsen werden für sieben Wochen geschlossen.
Ansonsten versucht die Regierung unter Reichskanzler Heinrich Brüning (4.v.l.) die Krise vor allem mit einem unerbittlichen Sparkurs zu bekämpfen.
Der "Hungerkanzler" kürzt radikal öffentliche Ausgaben für Wohnungsbau, für Subventionen, für Staatsangestellte. Zugleich steigen die Steuern in die Höhe, die Wirtschaft kommt nahezu zum Erliegen.
Brüning glaubt an ein Gesundschrumpfen der Wirtschaft, oberste Priorität hat für ihn der Abbau der Reparationszahlungen.
In einer amtlichen Mitteilung heißt es: "Bei der großen wirtschaftlichen Not, mit der weiteste Kreise des deutschen Volkes zu kämpfen haben, muss jedes Übermaß an Feiern und Vergnügen vermieden werden."
Nur den wenigsten ist wohl überhaupt danach zumute. Die Zahl der Suizide steigt rasant. Auf eine Million Einwohner kommen 260 Selbstmorde - in den USA sind es lediglich 133, in Großbritannien 85.
"Die Leute fühlten, wie der Boden unter ihren Füßen nachgab", so der zeitgenössische Ökonom Joseph Schumpeter.
Dennoch will Brüning nicht von seiner Deflationspolitik abweichen, er glaubt sich "die letzten hundert Meter" vor dem Ziel.
Trotz der wirtschaftlichen Not, der Massenarbeitslosigkeit und einem wachsenden Misstrauen gegenüber den großen Konzernen.
Dabei übersieht der Kanzler, dass die Krise inzwischen eine soziale Dynamik erreicht hat, die sich nicht mehr eindämmen lässt.
Immer mehr erstarken in Deutschland die radikalen Kräfte.
Während die Weltwirtschaftskrise in den USA 1932 zum Wahlsieg des Demokraten Roosevelt führt, gewinnen in Deutschland neben den Kommunisten vor allem die Nationalsozialisten massiv an Zulauf.
Das Ende ist bekannt. (Text: Gudula Hörr)
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