Politik
Das Projekt zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ist vorerst gescheitert.
Das Projekt zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ist vorerst gescheitert.(Foto: picture alliance / dpa)

Geplatzte Missbrauchsstudie: "Die Kirche bleibt in der Pflicht"

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ist vorerst gescheitert. Der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer wirft der Kirche Zensur vor, Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger kritisiert eine Aufarbeitung des jahrzehntelangen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen als überfällig. Auch die Presse nimmt die Kirche in die Verantwortung.  Manch einer empfiehlt ihr sogar die Delegation der Aufarbeitung an den Bundestag.

Heftige Kritik an der Kirche übt die Badische Zeitung aus Freiburg: "Bei der Studie ging es nicht um Befindlichkeiten, sondern um unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung. Die ist schlicht unmöglich, wenn sich der Auftraggeber - entgegen  ursprünglicher Abrede - vertraglich das Recht zuschanzen will, die Ergebnisse im Zweifel unter den Kirchenteppich zu kehren. Drei Jahre sind vergangen, seit die ersten Missbrauchsfälle bekanntgeworden sind. Der Skandal ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Anscheinend hat ein Teil der Bischöfe daraus den Schluss gezogen, Schuld und Sühne seien allmählich Genüge getan. Von dieser Haltung zur alten Überheblichkeit ist der Weg  nicht weit."

Die Neue Westfälische aus Bielefeld erwartet einen massiven Imageschaden für die Kirche: "Es stellt sich die Frage, ob die katholischen Bischöfe klug beraten waren, es so weit kommen zu lassen. Der Imageschaden dürfte jedenfalls ähnlich groß sein wie beim Bekanntwerden der bislang ungezählten Missbrauchsfälle von Priestern und Diakonen. Denn Pfeiffer ist nicht irgendwer; Pfeiffer ist, der Vergleich sei erlaubt, der Papst der Kriminologie. Wer ihm den Stuhl vor die Tür setzt, muss mit dem Vorwurf rechnen, dass die katholischen Bischöfe wohl immer noch nicht zu einer unabhängigen Aufarbeitung und Ursachenforschung sexualisierter Gewalt bereit sind."

Auch die Westdeutsche Zeitung hält das Handeln der Kirche für einen enormen Fehler - und sieht kaum mehr eine Chance zur erfolgreichen umfassenden Aufklärung der Missbrauchsfälle: "Mit ihrer Entscheidung gegen den vielleicht eigenwilligen, aber sehr renommierten Wissenschaftler Pfeiffer hat die katholische Kirche ihre Aufklärungsarbeit ad absurdum geführt. Sie ist hinfällig geworden, weil sich jeder neue Forscher dem Vorwurf aussetzt, die Restriktionen durch die Kirche akzeptiert zu haben, die Pfeiffer ablehnte. So bleibt es wohl bei vielen Halbwahrheiten und Spekulationen. Und die katholische Kirche steht weiter unter Generalverdacht."

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beurteilt die gescheiterte Aufarbeitung differenziert: "Wer daran schuld ist, dass die wissenschaftliche Studie über sexuellen Missbrauch an Jugendlichen in der katholischen Kirche nicht wie geplant zustande kommt, ist von außen schwer zu beurteilen: Der Verband der Diözesen Deutschlands und das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen unter seinem Direktor Pfeiffer schieben sich gegenseitig die Verantwortung dafür zu. Klar ist dagegen jetzt schon, wer in dieser Auseinandersetzung am Schluss der Verlierer sein wird: die Kirche. Das lässt sich schon am asymmetrischen Verhältnis der Streitenden ablesen. Auf der einen Seite steht der mediengewandte Professor mit politischer Erfahrung; auf der anderen eine Institution, die sich mit ihrer medialen Selbstdarstellung immer schwergetan hat."

Die Stuttgarter Zeitung sieht einen Imageverlust der katholischen Kirche als Folge der geplatzten Studie: "Für die katholische Kirche ist es ein Desaster: ihre Forschungszusammenarbeit mit dem renommierten Kriminologen Christian Pfeiffer ist geplatzt, die wissenschaftliche Aufklärung sexueller Übergriffe somit gebremst und die Öffentlichkeit erneut in Zweifel, ob es die hohe Geistlichkeit mit ihrem Läuterungsprozess nach dem Missbrauchsskandal ernst meint. Nun tauchen die Fragen wieder auf, ob Taten unter den Teppich gekehrt werden. Ob die Bischöfe eher die Kirche schützen wollen als den Opfern zu helfen. Ob sie bereit sind, Konsequenzen zu ziehen und Reformen einzuleiten."

Die Münsteraner Westfälischen Nachrichten fordern die Kirche zu weiterem Handeln auf: "Einseitige Schuldzuweisungen helfen nun wenig. Doch letztlich ist die schmutzige Wäsche, die jetzt gewaschen wird, nur ein Nebenkriegsschauplatz. Die Kirche bleibt in der Pflicht vorzuführen, dass sie eine wissenschaftliche Untersuchung auch der gesamten Missbrauchsthematik, auch über die reine Täterbetrachtung hinaus, zuwege bringt. Sie hat versichert, dass die Aufklärung weitergeht. Es wird allein zählen, ob sich das bewahrheitet."

Die Welt mahnt die Kirche zu Transparenz im Umgang mit den Missbrauchsfällen: "Der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bereich der katholischen Kirche wurde abermals schwerer Schaden zugefügt. Nachdem der Vertrag zwischen dem Verband der Diözesen Deutschlands und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen über eine Studie zu den Verbrechen geplatzt ist, regieren weiter Verdacht und Verschweigen, wo Wahrheit und Offenheit nötig wären. Wie viele Fälle gab es? Was sind die Gründe? Wie wurde mit Tätern und Opfern umgegangen? Was muss sich ändern? Es ist bestürzend, dass die Antworten auf diese Fragen im Halbdunkel bleiben und nach wie vor der Empörung und Beschwichtigung überlassen sind."

Auch die Heilbronner Stimme warnt die Kirche vor einem weiteren Vertrauensverlust: "Das Ausmaß des Skandals war schon 2010 weitgehend bekannt, die Fälle liegen zumeist Jahrzehnte zurück. Also, was fürchten die Bischöfe eigentlich? Offenbar haben sich die Hardliner durchgesetzt, die schon immer dem Mantel des Schweigens den Vorzug gaben. Eins steht fest: Neues Vertrauen gewinnt die Papst-Kirche so nicht zurück."

Fehlenden Mut und eine veraltete Organisation attestieren die Nürnberger Nachrichten der Kirche: "Die katholische Kirche ist doch nicht so mutig, noch nicht so weit, wie es zunächst den Anschein hatte. Etliche Konservative in ihren Reihen halten nicht die Opfer für die eigentlich Betroffenen, sondern die Täter, die es teils zu schützen gilt - anders sind die Vorwürfe nicht zu erklären, die der nun ausgebootete Kriminologe Pfeiffer gegen den Klerus erhebt. Mit Zensur und unannehmbaren Bedingungen für Forscher lässt sich echte Aufklärung nun mal nicht herstellen. Aber auch da gilt leider, was Pater Klaus Mertes immer wieder sagt: Missbrauch ist auch eine Frage und Folge der Organisation der katholischen Kirche, ihrer rein männlichen Hierarchie. Die ausgebremste Studie folgt diesem Credo zu vieler Kirchenfunktionäre: Lieber mauern statt Türen öffnen."

Auch der Mannheimer Morgen fragt nach Gerechtigkeit für die Opfer: "So undurchsichtig diese Gemengelage auch ausfällt: Die Kirche muss damit rechnen, dass ihr in der Öffentlichkeit die Schuld für das Scheitern dieses hoffnungsvollen Ansatzes angehängt wird. Auch wenn sie den Willen zum zweiten Anlauf betont, dürfte sich Argwohn breitmachen, wie es um die Unabhängigkeit der nächsten Untersuchung bestellt sein wird. Und es wird wertvolle Zeit verstreichen, bis die bitter notwendigen Ergebnisse vorliegen. Und wo bleiben die erneut aufgewühlten Opfer? Nach all den bekanntgewordenen jahrzehntelangen Vertuschungen müssen sie weiter auf eine innere Genugtuung warten."

Der Kölner Stadt-Anzeiger bedauert den Rückfall der Bischöfe in die Zurückhaltungsmethoden vor dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals: "Mancher Bischof hielt die Aufregung über den Missbrauchsskandal für übertrieben und ideologisch motiviert. Diese Fraktion nimmt das Bemühen um Aufklärung wahr als ein 'Getriebensein', dem sich die Kirche tapfer verweigern müsse. Damit gerät aber aus dem Blick, dass ein Antrieb auch von innen kommen kann und erst dann echte Fortbewegung ermöglicht. Das gegenteilige Ergebnis ist jetzt zu besichtigen. Alles, was die Bischöfe in durchaus vorbildlichem Bemühen um Reue und Umkehr (elementar christliche Kategorien) unternommen haben, ist durch den Streit über die Pfeiffer-Studie wiederum in Misskredit geraten. Die Bischöfe gleichen einem Rafting-Team, das sich auf Wildwasser-Tour begibt, aber aus Angst vor Stromschnellen sein Boot versenkt."

Die Lüneburger Landeszeitung empfiehlt der Kirche, die Aufklärung einer unabhängigen Einrichtung zu überlassen - und hat auch schon eine Idee, wer diese sein könnte: "Als der jahrzehntelang praktizierte sexuelle Missbrauch von Kindern durch Priester oder Heimarbeiter bekannt wurde, stürzte die katholische Kirche in eine schwere Krise. Von dem Versprechen, alles schnell aufzuklären, ist drei Jahre danach nicht viel übrig geblieben. Vielmehr sieht sich die Kirche mit dem vorläufigen Aus der Studie zur Aufklärung nun dem Vorwurf ausgesetzt, Akten vernichtet oder bewusst zurückgehalten zu haben. Ein verheerendes Signal, das die Glaubwürdigkeit katholischer Bischöfe erneut erschüttert. Die Situation ist in jedem Fall festgefahren. Die Kirche wäre gut beraten, die Aufklärung einer unabhängigen und unverdächtigen Institution zu überlassen - etwa dem Bundestag."

Auch die Kieler Nachrichten sehen nach dem Scheitern der Kooperation mit Pfeiffer wenig Hoffnung für eine umfassende Aufarbeitung: "Die Ergebnisse künftiger Studien stehen nun automatisch unter dem Verdacht, Resultat einer Auftragsarbeit zu sein. Der Nimbus der Unabhängigkeit, für den der renommierte - wenn auch menschlich nicht einfache - Wissenschaftler Pfeiffer steht, wurde verschenkt. Der Vorgang nährt zudem einmal mehr den Verdacht, dass innerhalb der Bischofskonferenz der konservative Flügel immer mehr Einfluss bekommt. Es sind Männer, die die Vergehen in den eigenen Reihen unbedingt als Einzelfälle abstempeln wollen und jeden Zusammenhang mit kirchlichen Strukturen von vornherein ausschließen."

Die Thüringische Landeszeitung sieht die offenen Bischöfe in der Kirche in der Verantwortung, sich durchzusetzen: "Die Betroffenen leiden schwer unter ihrem Schicksal. Wer einmal mit einem Opfer gesprochen hat, weiß, dass die Wunden vernarben, aber niemals ganz verheilen. Die Opfer haben Anspruch auf Offenheit und Ehrlichkeit. Auch unter den Bischöfen gibt es Vertreter, die für eine radikale Offenheit plädieren. Im Klerus - und da muss man sich nichts vormachen - gibt es aber auch genug, die sagen, es müsse Schluss sein mit öffentlicher Demütigung und Selbstkasteiung. Diese dürfen nicht die Oberhand gewinnen - auch nicht nachdem der gewiss nicht unumstrittene und um es einmal vorsichtig auszudrücken medienaffine Pfeiffer mit großem Brimborium der Kirche die Brocken vor die Füße geworfen hat."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen