Politik
Dienstag, 19. Mai 2015

AfD-Flügelkampf spitzt sich zu: "Die Partei frisst ihren Gründer"

Mit seinem "Weckruf 2015" will AfD-Gründer Bernd Lucke die wirtschaftsliberalen Kräfte hinter sich mobilisieren und teilt gegen den nationalkonservativen Flügel aus. Die Mitglieder wollten eine Alternative für Deutschland sein, schaffen es aber nicht, alternative Strömungen innerhalb der Partei zusammenzubringen. Nun wird der Parteitag im Juni zum Showdown der AfD-Flügel, aus dem zwei Verlierer hervorgehen könnten. Dieser Streit wird zur Zerreißprobe für die AfD und könnte ihr Ende einleiten, prognostiziert die Presse.

Das Bild, das die AfD zur Zeit abgebe, sei ein "inhaltliches wie personelles Chaos", kritisiert die Ludwigsburger Kreiszeitung. Der Partei gehe es nur noch um persönliche Empfindlichkeiten und Macht und nicht mehr um Inhalte. "Die Partei frisst ihren Gründer, den Herrn Professor Lucke, der freilich nicht begreift, dass er allein auch nicht wählbar ist. Und sie frisst ihre Kinder, von Gauland bis Petry, die nicht sehen, dass sie mit ihrem Liebäugeln für Pegida im politischen Abseits agieren." Das bräuchte niemand mehr in Deutschland, das könne weg, fasst die Zeitung zusammen. "Mag der Sektenbeauftragte sich um die Reste kümmern."

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 Die Ansicht, dass sich die AfD langsam selbst abschafft, teilt auch die Westdeutsche Zeitung aus Wuppertal: "Der 'Weckruf' von Bernd Lucke ist in Wahrheit die Totenglocke für die AfD. Es geht jetzt nur noch darum, ob sie in einem Stück oder in mehreren Teilen beerdigt wird", heißt es in dem Blatt. Entweder spalte sich die Partei bald in eine "Anti-Euro-Partei um den Gründer und in eine Pegida-Partei um Frauke Petry", wobei keiner der beiden Teile eine hohe Lebenserwartung habe. Auch, wenn Bernd Lucke es durch die drohende Spaltung schaffen sollte, seine Gegner zum Kuschen zu bringen, würde der Konflikt andauern. "Schon jetzt dürften viele Bürger bereuen, dass sie aus einer schlechten Laune heraus für diesen Haufen gestimmt haben."

Die Pforzheimer Zeitung sieht durch den Flügekampf diejenigen bestätigt, die Zweifel daran hegten, "dass das politische Vakuum rechts von der Union mit der AfD vernünftig gefüllt werde." Auf diese Einsicht reagiert das Blatt etwas wehmütig, denn eine seriöse Partei am rechten Rand des Parteienspektrums wäre eine Bereicherung. "So aber scheint es unabwendbar, dass sich die Alternative für Deutschland aufsplitten wird und damit den Weg ins politische Nirwana einschlagen wird. Denn für zwei Alternativen rechts der Unionsparteien ist das Vakuum gewiss zu klein."

Bernd Lucke sei "kein Unschuldslamm", sondern trage Mitschuld an dem Zerwürfnis seiner Partei, so die Schwäbische Zeitung aus Ravensburg. "Mit seiner Kritik am Euro, vor allem aber an der Flüchtlings- und Ausländerpolitik hat er selbst jene Geister gerufen, die er jetzt so gerne wieder loswerden will. Das dürfte ihm kaum gelingen." Doch der Unmut der AfD sorge an anderer Front für Erleichterung. "Parteien wie die FDP, die im Falle einer Lucke-Prägung weit mehr um ihre Klientel hätten fürchten müssen, aber auch Parteien wie die CSU, die rechts neben sich niemand dulden will, können aufatmen." Die AfD werde sich verabschieden, aber ihre Wähler werden bleiben.

Der gleichen Ansicht ist der Reutlinger General-Anzeiger und zieht Bernd Lucke zur Verantwortung. "Als die AfD in den neuen Bundesländern einen Überraschungserfolg nach dem anderen feierte, war jede Stimme recht. Bewusst wurde mit Themen wie Zuwanderung und Sicherheit am rechten Rand gefischt." Über die Folgen dieser Taktik habe die Partei hinweggesehen. Nun zahle Lucke die Zeche für diese Ignoranz. "Diese explosive Mischung aus Europa-Hassern, enttäuschten Liberalen, Wertkonservativen, Rechtsnationalen und Wutbürgen droht ihm nun um die Ohren zu fliegen."

Eine wahre Alternative sei diese Partei auch dann nicht, wenn sie den Machtkampf vereint überstehen sollte. Davon ist der Berliner Tagesspiegel überzeugt. "Nicht viel ist geblieben von dem interessanten Versuch politisierter Bürger und Professoren, zum Antrieb ihrer Politik ein Unbehagen zu machen, das im kollektiven Euro-Glauben des CDU/CSU/SPD/Grüne/Linke-Bundestags so gut wie keine Repräsentanten hatte." Das Scheitern der AfD hätte schon lange vor den internen Querelen eingesetzt. Der Nicht-Einzug in den Bundestag 2013 sei zwar ein "Achtungs- und Parteien-Schreck-Erfolg" gewesen, zugleich jedoch auch die erste große Niederlage der Partei.

Zusammengestellt von Katja Belousova

Quelle: n-tv.de

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