Archiv

Afghanistan-Konferenz in Bonn"Ein Gipfeltreffen des Scheiterns"

05.12.2011, 20:06 Uhr

Wie geht es mit Afghanistan nach dem Abzug ausländischer Truppen 2014 weiter? Die Zeitungen malen ein düsteres Bild. Denn zum einen haben die USA einen Bock zum Gärtner gemacht, zum anderen fehlt auf der Konferenz in Bonn der wichtigste Gesprächspartner.

Wie geht es mit Afghanistan nach dem Abzug ausländischer Truppen 2014 weiter? Präsident Hamid Karsai verspricht auf der Afghanistan-Konferenz Reformen und bittet um mehr Geld. Die internationale Staatengemeinschaft ihrerseits will das Land nicht hängen lassen. Reine "Lippenbekenntnisse" meinen die Zeitungen. Sie malen ein düsteres Bild für die Zukunft des Landes am Hindukusch. Denn zum einen haben die USA einen Bock zum Gärtner gemacht, zum anderen fehlt in Bonn der wichtigste Gesprächspartner.

1323089349-jpg6642073177399782683
Hamid Karasi spricht in Bonn zu den Delegierten. (Foto: dapd)

Der Mannheimer Morgen sieht die Zukunft Afghanistans eher pessimistisch: "Der Westen will bloß noch weg, und das möglichst kostengünstig. Die Afghanen andererseits wollen vor allem Geld, weil sie den weiteren Aufbau von Staat und Sicherheitskräften in der Tat allein nicht stemmen können. Die Staatengemeinschaft fordert dafür Gegenleistungen. Aber was ist die Zusage Präsident Karsais zu demokratischen Reformen sowie der Bekämpfung von Korruption und Drogenhandel wirklich wert? Gemessen an den Erfahrungen der Vergangenheit wohl nicht einmal das Papier, auf dem die Abschlusserklärung der Bonner Konferenz verfasst ist. Reines Wunschdenken."

"Die inzwischen vierte Afghanistan-Konferenz in Deutschland ist ein Gipfeltreffen des Scheiterns", schreibt daher auch die Mittelbayerische Zeitung aus Regensburg. "Da kommen unter großem Brimborium 57 Außenminister zusammen, um über die Zukunft des geschundenen Landes zu beraten. Und ausgerechnet der Schlüsselstaat Pakistan sitzt nicht mit am Tisch. Dabei braucht man ohne den großen Bruderstaat Afghanistans erst gar nicht verhandeln. Wäre das nicht schon demütigend genug, ist der Hauptverhandlungspartner in Bonn erneut der korrupte und im eigenen Land zunehmend verhasste Präsident Hamid Karsai. Wenn die Siegermacht USA je einen Bock zum Gärtner gemacht hat, dann ihn.

Für die Landeszeitung Lüneburg endet das "große Afghanistan-Palaver … mit Lippenbekenntnissen: Der Westen verspricht, 2014 nur seine Soldaten abzuziehen, nicht sein Geld. Und Kabul verspricht, eine bessere Regierung zu werden. Mehr war in Bonn nicht zu erwarten, zumal weder die aufständischen Taliban am Verhandlungstisch saßen noch Nachbar Pakistan, dessen Geheimdienst ISI die Taliban - sein Geschöpf - immer noch als Waffe gegen Indien betrachtet." Das Blatt aus Niedersachsen prognostiziert für 2014 zwei Entwicklungen: "Erstens werden die Warlords wieder einen Bürgerkrieg anstreben. Zweitens wird das 'great Game' um Afghanistans Riesenschatz an seltenen Erden weitergespielt. Afghanistans Zukunft sieht aus wie seine Vergangenheit."

Auch die Frankfurter Neue Presse malt ein düsteres Bild: "Lokale Machthaber, Stammesführer, Milizenchefs werden um ihre Einflussbereiche rangeln; korrupte Minister, Beamte und Gouverneure weiterhin um ihre Pfründe kämpfen. Die schwache, gering geschätzte Zentralregierung hat dem wenig entgegenzusetzen. Und so lange Polizeireviere gekauft statt vergeben werden, wird sich daran nichts ändern. An den Grenzen - und ein wenig darüber hinaus - lauern Pakistan und der Iran, um Einfluss auf die Geschicke im Nachbarstaat zu nehmen."

Quelle: zusammengestellt von Katja Sembritzki