Bundesweiter Bildungsstreik"Es gilt sich zu beeilen"
Die Stimmung an den deutschen Universitäten kocht: Zehntausende Studenten machen ihrer Wut über Mängel im deutschen Bildungssystem Luft. Die Presse zeigt Verständnis.
Die Stimmung an den deutschen Universitäten kocht: Bundesweit demonstrieren zehntausende wütende Studenten für mehr Geld und gegen gravierende Mängel im deutschen Bildungssystem. Grund sind die im Zuge der Bologa-Reform eingeführten neuen Bachelor- und Masterstudiengänge, die aus Sicht der Studenten kaum noch Freiräume beim Studium lassen. Die Presse zeigt Verständnis.
"Das deutsche Bildungssystem geht am Krückstock", konstatiert der Express. "Alle Versuche, das grundlegend zu ändern, blieben bisher in Ansätzen stecken oder scheiterten am Egoismus der Länder, die in Sachen Bildung nicht am gleichen Strang ziehen." Die Leidtragenden seien letztlich die endlich aufmuckenden Schüler und Studierenden. Der Appell des Kölner Blattes lautet: "Die Politiker sollten den Unmut ernst nehmen und sich flächendeckend für Reformen im Bildungssystem einsetzen, die diesen Namen auch verdienen - nicht nur an den Universitäten, sondern auch an den Schulen. Dazu muss allerdings weit mehr Geld in die Hand genommen werden als bislang. Dies wäre eine sinnvolle Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft."
Dass an den Hochschulen "dringend nachgebessert" werden muss, betont auch die Pforzheimer Zeitung. Egal wie unkonkret die Forderungen der Studenten auch ausfielen: "Sie haben ihre Berechtigung". Politik wie Universitäten seien deshalb gut beraten, "zügig zu handeln. Dass sie seit den Sommerprotesten vordringlich damit beschäftigt sind, sich gegenseitig den Schwarzen Peter über die missglückte Reform zuzuschieben, ist dabei wenig hilfreich und den Studenten gegenüber alles andere als fair".
"Rührt sich das schlechte Gewissen?", fragt die Heilbronner Stimme angesichts des in seltener Einmütigkeit hagelnden Verständnisses. Die Frage sei aber, was dies den Studenten nütze. "Denn eine Lobby haben sie nicht. Es streiken ja keine Eisenbahner, es gibt nichts zum Aushandeln. Minister und Hochschulfunktionäre sollten sich dennoch ans Werk machen. Mit einer Bafög-Reform ist es nicht getan. Und es gilt sich zu beeilen, damit nicht halbe Jahrgänge von verlorenen Semestern reden müssen."
Die Frankfurter Neue Presse bemerkt bissig: "Deutschland wollte mal wieder Musterknabe sein und hat sich gerade deshalb in die Nesseln gesetzt. 1999 beschlossen 29 europäische Bildungsminister in der Bologna-Erklärung, die Hochschul-Abschlüsse stärker anzupassen, um die Mobilität der Studenten zu erleichtern". Von völliger Angleichung sei dabei nie die Rede gewesen. "Doch in Deutschland wurde es so verstanden und in vorauseilendem Gehorsam die Hochschul-Landschaft binnen kurzem umgepflügt". Die Studenten-Proteste seien daher die Folge des überhasteten Anpassungsprozesses und "berechtigt".
"Der Versuch, das System im Turbotempo umzukrempeln, hinterlässt Chaos für viele junge Menschen, die jetzt durch das entstandene Provisorium geschleust werden", stellen die Westfälischen Nachrichten aus Münster fest. "Bildungsreformen sind notwendig und gut, aber sie brauchen Umsicht und gründliche Planung. Es wird Zeit, damit endlich anzufangen und die Schäden zu reparieren."