Was passierte in Kundus?"Es werden Spielchen gespielt"
Wer führt wen vor? Die Presse fordert eine schnelle Aufklärung des Vorfalls. Dabei dürfe die Bundeswehr nicht pauschal als "Gurken-Truppe" abgestempelt werden. Doch über allem schwebt die Frage: "Was sollen wir noch dort?"
Wer führt wen vor? Die Presse fordert eine schnelle Aufklärung des Vorfalls. Dabei dürfe die Bundeswehr nicht pauschal als "Gurken-Truppe" abgestempelt werden. Doch über allem schwebt die Frage: "Was sollen wir noch dort?"
"Wahlkampf ist dafür da, eine Richtungsentscheidung vorzubereiten" - das dürfe man im Fall Afghanistan im Wortsinn nehmen, meint die Süddeutsche Zeitung. "In welche Richtung soll sich der militärische Einsatz bewegen: Gehen? Wenn ja, wann? Bleiben? Und wenn ja, wie lange noch? Die Kanadier haben das Mandat für ihre Truppen bereits auf 2011 limitiert. Auch die deutschen Wähler erwarten so viel Klarheit wie möglich. Es geht nicht um das Ob eines Abzugs, sondern um das Wie und Wann."
"Fünf Tage von einem Luftangriff in Afghanistan zu einer Regierungserklärung der Kanzlerin. Fünf Tage, die den Wahlkampf 2009 verändern?", fragt sich die Frankfurter Rundschau. Eines stehe jedoch fest, "Merkel hat Minister Jung das Heft des Handelns aus der Hand genommen", der wenigstens ein Informationschaos zugelassen, wenn nicht mitverursacht habe. "Da es nicht nur um Militärdienstwege zwischen Hindukusch und Bendlerblock geht, sondern um Menschenleben, obendrein um internationale Politik, ist die Angelegenheit Chef(innen)sache. Sie wäre es auch, wenn ein Oberst der Bundeswehr den fatalen Bombenbefehl zu anderer Zeit gegeben hätte. Was genau da in Afghanistan geschehen ist - auch am Tage fünf danach gibt es nur eine Klarheit: Die erste Darstellung Jungs war falsch, es habe keine zivilen Opfer gegeben. Sie wird nicht richtiger dadurch, dass der Minister das Wort Opfer durch Tote hat ersetzen lassen."
Die Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg sieht eine neue Qualität im Umgang mit den deutsche Truppen in Afghanistan erreicht, denn "plötzlich stehen ausgerechnet die ständig als aggressionsgehemmt kritisierten Deutschen dort in einer Weise am Pranger auch der westlichen Verbündeten, dass die Frage gefährlich weit vorne auf der Zunge liegt: Was sollen wir noch dort?" Unter diesen Umständen sei es jedoch sehr wichtig, die Diskussion auf der Basis gesicherter Informationen zu führen. Dabei dürfe niemand geschont werden - kein verantwortlicher Kommandeur, geschweige denn ein Minister. Das Blatt hebt jedoch auch hervor, dass die Bundeswehr "nicht mit falschen Informationen indirekt von den eigenen Verbündeten zu einer Gurken-Truppe abgestempelt" werden dürfe, "die ohne militärische Not die amerikanischen Luftunterstützung anfordert". Hier seien klare Worte notwendig - auch "auf den diplomatischen Kanälen".
Der Mannheimer Morgen vermutet, dass "Spielchen gespielt werden" - das lasse die enorme Differenz hinsichtlich der Anzahl der getöteten Personen erkennen. Offen sei jedoch, wer wen vorführe. "Die Retourkutsche, die der Bundeswehrverband gestern andeutete, ist nur zum Teil nachvollziehbar. Zwar hat Deutschland bei ähnlichen Einsätzen anderer Nationen immer den Zeigefinger erhoben und die Verhältnismäßigkeit der Mittel angemahnt. Aber dies würde implizieren, dass das deutsche ISAF-Kontingent im aktuellen Fall von amerikanischer Seite in eine Falle gelockt worden ist. Immerhin kamen alle optischen Informationen über die Lage vor Ort von US-Stellen." Die Zeitung sieht das skeptisch, denn "vor dem Hintergrund der Washingtoner Erwartung an weitere deutsche Truppen, die an den Hindukusch verlegt werden sollen, wäre das zumindest eine seltsame Vorgehensweise".
"Wer noch vor drei Jahren durch Kundus fuhr, erlebte einen friedlichen Landstrich, schlenderte unbehelligt über den prallen Markt in der Stadtmitte und bekam sogar ein Bier beim Grillabend im deutschen Gästehaus", erinnert die Märkische Allgemeine und geht auf Problemsuche: "Das größte Problem waren damals die Mohnfelder im bergigen Hinterland. Die Taliban haben den blutigen Krieg zurückgebracht in den Norden, wo die Bundeswehr hoffte, nur Aufbauhilfe leisten zu müssen." Auch das Blatt aus Potsdam fordert eine Aufklärung des Zwischenfalls in Kundus, denn dass "ein deutscher Kommandeur nicht abwarten will, bis ein Selbstmordattentäter mit gestohlenem Truppenbenzin in das Bundeswehr-Lager zurück gerast kommt, dafür haben vermutlich nicht nur die Angehörigen märkischer Soldaten Verständnis".
Zusammengestellt von Nadin Härtwig