Politik
(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 23. Mai 2016

Van der Bellen siegt über die FPÖ: "Halb Österreich atmet auf"

Mit einer denkbar knappen Mehrheit entscheiden die Österreicher über ihren nächsten Bundespräsidenten. Zwar kann ein Sieg des rechtspopulistischen FPÖ-Kandidaten Hofer verhindert werden, doch das Land scheint tief gespalten in zwei Lager: Die, die Hofer für und gegen sich mobilisieren kann. Die Presse warnt vor der Spaltung der österreichischen Gesellschaft und ruft die pro-europäischen Parteien dazu auf, zusammenzuarbeiten.

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Die Leipziger Volkszeitung sieht im Gewinner der Bundespräsidentenwahl den perfekten Gegenentwurf zum Rechtspopulisten Hofer und setzt große Hoffnung in den Grünen Van der Bellen: "Nachdem sein rechter Gegenkandidat Norbert Hofer wochenlang 'ein neues Amtsverständnis' plakatiert hat, könnte van der Bellen das Versprechen wahr machen und das Amt tatsächlich zu neuem Leben erwecken." Van der Bellen verfüge dabei über die wichtigste Waffe des Bundespräsidenten: "dem klaren, ehrlichen, vernünftigen Wort". Mit seiner Gelassenheit, Toleranz und Widerständigkeit gegen die Zumutungen von Konformismus und Spießertum verkörpere der 72-Jährige eine sehr sympathische Seite der österreichischen Identität, loben die Kommentatoren. Der Blick in die Zukunft fällt dementsprechend positiv aus: "Man dürfte sich nicht wundern, wenn der Grüne ein sehr populäres Staatsoberhaupt würde".

Der Tagesspiegel aus Berlin lenkt den Fokus auf den knappen Ausgang der Wahl in Österreich und warnt vor zu viel Euphorie: "Das Patt zwischen den beiden Lagern, das die Präsidentenwahl so dramatisch sichtbar gemacht hat, liegt weiter drohend über dem Land." Im besten Falle, so die Zeitung, habe der Bundeskanzler die Kraft, es aufzulösen. Ebenso könne aber auch sein, dass der Beinahe-Erfolg der FPÖ die österreichische Politik bis zu den nächsten Wahlen in zwei Jahren als Menetekel begleite: "Dann läge über dem Land der Druck eines kalten Bürgerkrieges".

"Halb Österreich atmet auf": so kommentiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Niederlage des FPÖ-Kandidaten Hofer und betont, dass zudem ein großer Teil des Berliner Regierungsviertels und viele Politiker in Brüssel den Sieg des Grünen Van der Bellen begrüßen dürften. Den Grund für das Wahlergebnis sieht die FAZ in der vom FPÖ-Kandidaten Hofer provozierten Spaltung des Landes: "Er verlor (…) äußerst knapp gegen den von einer großen Anti-Hofer-Koalition unterstützten Van der Bellen". Dieser, schreiben die Kommentatoren, habe nie eine Chance auf dieses Amt gehabt, wenn Hofer nicht ganz Österreich mobilisiert hätte: "die eine Hälfte für sich, die andere gegen sich." Der ehemalige Grünen-Vorsitzende Van der Bellen werde nun versuchen, schreibt die FAZ, Präsident aller Österreicher zu sein. "Doch verband schon seine Unterstützer nur eines: Hofer zu verhindern."

Auch für die Kommentatoren der Neuen Presse aus Hannover manifestiert sich im Verlauf der Präsidentschaftswahl die Spaltung der österreichischen Gesellschaft. Die Zeitung sieht klare Unterschiede zwischen den "eher weltoffen orientierten Wählern in den Ballungsräumen", denen der Sieg des ehemaligen Grünen-Chefs zuzuschreiben sei, wohingegen "in ländlich strukturierten Gebieten Hofer punkten konnte". Der 72-jährige Van der Bellen, warnt das Blatt aus Hannover, müsse nun versuchen, den Riss, der durch die Nation gehe, zu kitten. Neben drängenden Problemen wie sozialer Ungerechtigkeit und wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten in der Alpenrepublik müsse Van der Bellen "differenzierte Antworten auf die Flüchtlingskrise finden, die Hofer mit seinen platten populistischen Parolen zu lösen versprach." Nur so, schreiben die Kommentatoren der Neuen Presse, werde es dem neuen Bundespräsidenten gelingen, "auch das konservative Klientel im Land aus der Protesthaltung zu bewegen."

Die Nürnberger Nachrichten appellieren an die pro-europäischen Parteien in Österreich, "damit Van der Bellens Erfolg kein Pyrrhussieg wird, der eher der FPÖ nutzt". Es brauche ein breites Bündnis, das sich bisher nur deshalb zusammengefunden habe, um einen Triumph der Autoritäten zu verhindern. Gleichzeitig mahnt das Blatt aus Nürnberg an, Fairness zu bewahren: "Wer die FPÖ oder in Deutschland die AfD pauschal ausgrenzt, der betreibt exakt das Geschäft dieser Parteien." Denn in der Rolle des Märtyrers gefielen sich die Parteien und sammelten Stimmen, kommentiert die Zeitung. In Deutschland habe AfD-Chefin Frauke Petry das nun vorgeführt, "nach dem vielleicht ganz gezielt geplatzten Treffen mit dem Zentralrat der Muslime."

Zusammengestellt von Judith Günther

Quelle: n-tv.de

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