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(Foto: picture alliance / dpa)

Übergriffe in der Silvesternacht: "Köln könnte ein Weckruf sein"

Massive sexuelle Übergriffe und zahlreiche Diebstähle - die traurige Bilanz der Silvesternacht in Köln erregt die Gemüter der Bundesrepublik und erhitzt die Debatte über die Integrationsfähigkeit muslimischer Migranten. Die Täter sollen überwiegend aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum stammen. Darüber, welche Bedeutung dem kulturellen Hintergrund der Täter beizumessen sei, streiten sich auch die Kommentatoren der deutschen Presse. Massiv in der Kritik steht zudem die Polizei, die am Neujahrsmorgen fälschlicherweise von einer friedlichen Silvesternacht gesprochen hatte.

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Die Frankfurter Rundschau kritisiert die Informationspolitik der Polizei im Zusammenhang mit den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht: "Manche glauben, die Übergriffe der Kölner Silvesternacht seien erst deshalb so spät so deutlich geschildert worden, weil die mutmaßlichen Täter aus Nordafrika stammen sollen. Denn sicher: diese Feststellung ist Öl im Feuer der Rassisten. Doch die Sache aus politischen Gründen herunterzuspielen, ist falsch, weil es die grauenhaften Erlebnisse der Opfer verhöhnt. Und es ist gefährlich, weil nicht durch das Herunterspielen solcher Nachrichten Rassisten der Wind aus den Segeln genommen wird - sondern nur durch die größtmögliche Transparenz im Umgang mit solchen Ereignissen. Denn eins ist vor allem wichtig: In einem Rechtstaat ist es gleichgültig, woher die Täter stammen. Ob aus Nordafrika oder Köln-Deutz. Sie gehören bestraft."

Auch der Kölner Stadt-Anzeiger rügt das Vorgehen der Kölner Polizei in der Silvesternacht: "Es ist eine unwürdige Informationspolitik der Kölner Polizei und sie erinnert an einen Angeklagten im Verhör, der nur unter Druck aussagt. Aber nie mehr als notwendig. Mit einer souverän agierenden Polizei hat das nichts zu tun. Deren Führung muss sich die Frage stellen, ob sie ihren Aufgaben noch gerecht wird, ob sie verfälschende Pressemitteilungen wie am Neujahrstag herausgibt, weil sie es nicht besser weiß. Oder weil sie glaubt, politischen Interessen dienen zu müssen.

Der Kritik schließt sich die Welt an und fordert eine Verschärfung der polizeilichen Kontrolle des öffentlichen Raumes sowie empfindlichere Strafen für Täter: "Warum hat es so lange gedauert, bis die Dimension der Kölner Silvester-Nacht allen - der Stadt selbst, der Polizei, der Politik und der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit - bewusst wurde? Weil hier in der Kombination aus massenhafter sexueller Belästigung von Frauen und Diebstahl etwas Neues entstanden ist. Köln könnte ein Weckruf sein. Feigheit, als Vorsicht getarnt, freut nur die Feinde der Demokratie. Einzig Sicherheit garantiert Freiheit. Der polizeilichen Kontrolle des öffentlichen Raumes, einer strengeren rechtsstaatlichen Ahndung von Vergehen muss endlich viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Um als Gesellschaft großzügig, fair und liberal zu sein - und in diesen aufgewühlten Zeiten auch bleiben zu können."

"Ja, wir dürfen uns in Europa zugutehalten, dass die Beziehungen der Geschlechter mittlerweile in der Regel von Respekt geprägt sind, so dass sich Frauen frei und ohne Angst bewegen können", meint die Berliner Zeitung. Die Zeitung fordert, "dass auf diese Umgangsformen nicht nur in Migranten-Wegweisern durch die deutsche Leitkultur hingewiesen wird, sondern, dass dieser mühsam errungene Zivilisationsgewinn mit allen Mitteln des Rechtsstaates verteidigt wird". Damit die Hirngespinste überängstlicher Fremdenfeinde nicht das Klima bestimmten, so das Blatt abschließend, "müssen sich alle für den Schutz von Recht und Ordnung Zuständigen mehr einfallen lassen, um real heranziehende Übel wie Sexualterror eindämmen zu können".

Die Zeitungsgruppe Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung warnt vor einer zu starken Fokussierung auf den kulturellen Hintergrund der Täter: "Die Ethnie der mutmaßlichen Täter kann keine Entschuldigung sein; Kulturrabatte für Sexualstraftäter darf es nicht geben, auch wenn sie aus Gesellschaften kommen sollten, in denen antiquierte, abwertende Frauenbilder vorherrschen. Aber klar muss auch sein: Nicht Ethnien begehen Verbrechen, sondern Straftäter. Die Übergriffe von Köln sind aber Wasser auf die Mühlen von Fremdenhassern, die sich in all ihren dumpfen Vorurteilen bestätigt fühlen und nach den Geschehnissen in der Silvesternacht das Netz mit hasserfüllten Vernichtungs- und Gewaltfantasien fluten. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist kein kulturspezifisches Problem, auch wenn das jetzt wieder von zig Bewahrern des Abendlandes herbeigeredet wird. Sie findet täglich statt, auch in urdeutschen Schlafzimmern. Wenn sie nur dann thematisiert wird, wenn Ausländer die Täter sind, dann wird sie schändlich instrumentalisiert."

Zusammengestellt von Aljoscha Ilg.

Quelle: n-tv.de

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