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(Foto: REUTERS)

Pressestimmen zum Pferdefleischskandal: "Marktversagen Etikettenschwindel"

In großen Mengen wurde rumänisches Pferd in Westeuropa als Rindfleisch verkauft und gegessen. "Wer sich über die immer wiederkehrenden Fleischskandale ärgert, sollte einen Bogen um Billig-Fleisch und billige Fertigprodukte machen", schreibt Peter Poprawa auf n-tv.de. Viele Kommentatoren sehen es ähnlich: Der Verbraucher sollte auf billigste Tiefkühlware am besten ganz verzichten.

Die Billig-Mentalität prangert auch der Nordbayerischer Kurier an: "Das Ritual wiederholt sich – wie bei jedem Lebensmittelskandal. Politiker versprechen hoch und heilig schärfere Kontrollen. Heuchler in Talkshows werden das System der Massenproduktion verurteilen, aber nichts ändern können. Denn der Verbraucher greift unverdrossen zum billigsten Produkt – und bleibt resistent gegen den Einwand, dass Qualität einfach ihren Preis hat."

Die Rhein-Zeitung vermutet ein Problem im System: "Analogschinken, BSE, Dioxineier und Gammelfleisch – die Liste der Lebensmittelskandale ist lang und lässt sich beliebig durchs Alphabet buchstabieren. In der EU gilt das Gesetz des freien Warenverkehrs, die Frequenz der Kontrolle von Lebensmitteln richtet sich nach der Höhe ihres Gesundheitsrisikos. So kommt es, dass vieles den deutschen Zoll unbesehen und unkontrolliert passiert. Mängel und Etikettenschwindel fallen allenfalls bei Stichproben auf. Lange Lieferketten und Tiefstpreise bei Fleischprodukten laden zum Betrug regelrecht ein. Da ist gut beraten, wer seine Lasagne möglichst oft selbst kocht."

An die Schwere des Delikt erinnert der Mannheimer Morgen: "Bei der falschen Etikettierung handelt es sich nicht etwa um ein Kavaliersdelikt, sondern um eine massive Verbrauchertäuschung. Schuld am Skandal sind allerdings nicht nur diejenigen, die das falsche Etikett auf die jeweiligen Chargen geklebt haben. Schuld trägt auch ein System, das mit seinen verschlungenen Lieferwegen im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen für kriminelle Machenschaften ist. Sicher, der Gesetzgeber sollte verlangen, dass jedes Nahrungsmittel eindeutig zurückverfolgt werden kann. Aber solange der Verbraucher zu Billigstprodukten greift, trägt auch er eine Mitschuld. Für 1,25 Euro lässt sich nun mal keine gesunde, unproblematische Mahlzeit zubereiten. Gesetze hin oder her."

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geht es vor allem um ein Imageproblem der gern verzehrten Tiere: "Dem Rind, obschon vom Schöpfer ebenfalls mit großen runden Augen beschenkt, war die Märchenkarriere, die das edle Ross machte, nicht vergönnt, vom Schwein mit seinen kleinen Äuglein ganz zu schweigen. Dessen Leichenteile (so sagt man unter Vegetariern) vertilgt der Deutsche völlig skrupellos. Weil er aber der tiefgekühlten Fleischeslust nur frönen will, wenn sie ihn nicht viel kostet, fand jetzt auch das Pferd zurück in seine Nahrungskette. Rumänisches Pferdefleisch ist billiger als deutsches, britisches oder französisches Rindfleisch, und dann regelt der Markt den Rest, das kleine Marktversagen namens Etikettenschwindel eingeschlossen. Der eigentliche Skandal aber wird natürlich wieder vertuscht, wir wollen ja keine Unmenschen sein: Kein Schwein hat gemerkt, dass es Pferd aß.

Die Süddeutsche Zeitung sieht gleich ein Kulturproblem in der Gesellschaft: "Menschen müssen sich ernähren, um zu sein. Ob sie das mit Wurst, Tütensuppe oder Keksen tun, ist ihre eigene Sache. Es schadet aber nicht, sich in eigener Sache ab und zu in Erinnerung zu rufen, dass nicht alles, was der Mensch essen kann, ihn auch gut ernährt. Und dass Ernährung mehr ist als Nahrungsaufnahme. Ernährung ist Ritual, Kultur, Sitte. Die Sitten verlottern. Sie werden stets für einige Tage besser, wenn ein Skandal die Ruhe stört, eine Dioxinspur im Ei, eine wahnsinnige Kuh, ein Pferd in der Lasagne. Dann ist das Gruseln groß, der Aufschrei leidenschaftlich, Verbraucher ändern kurzfristig ihr Verhalten – und kehren, wenn die Berichterstattung nachlässt, meist doch wieder zu alten Mustern zurück."

Quelle: n-tv.de

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