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(Foto: picture alliance / dpa)

Spuren der dritten RAF-Generation: "Neuer Terror ist nur eine Frage der Zeit"

Im Zuge der Ermittlungen zu einem Raubüberfall auf einen Geldtransporter bei Bremen im vergangenen Sommer stößt die Polizei auf DNA-Spuren untergetauchter RAF-Terroristen. Dabei handelt es sich offenbar um die 57 Jahre alte Daniela Klette, den 58 Jahre alten Volker Staub und den ebenfalls als Terrorist gesuchten Burkhard Garweg, dessen Alter unbekannt ist. Die Presse nutzt den Anlass, um vor dem Wiedererwachen böser Geister zu warnen.

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Die Landeszeitung aus Lüneburg begrüßt die Chance, die letzte RAF-Generation schließlich noch zur Rechenschaft zu ziehen, betont jedoch die Gefahr eines anderen totgeglaubten Schreckgespenstes: "Gespenster der Vergangenheit gehen nicht in Ruhestand, sie lullen lediglich die Gegenwart ein, um dann bei ihrem überraschenden Comeback auf der Bühne für umso mehr Schrecken zu sorgen. Im Moment haben die Untoten Konjunktur. Nationalismus erlebt ausgerechnet in Europa eine Renaissance, dem Kontinent, der wie kein anderer von der Überwindung nationalstaatlichen Denkens profitiert hat. Sogar völkisches Gedankengut wird von den populistischen Profiteuren der Flüchtlingskrise wieder nach oben gespült. Die Geschichte entpuppt sich als ewiger Kreislauf, als die Wiederkehr des Gleichen im neuen Gewand. Wie gut, dass zumindest die Wiederkehr des RAF-Gespenstes eine Fortschrittsmöglichkeit eröffnet. Dass die bisher denkbar erfolglosen Fahnder endlich die geistergleich verschwundene, dritte Generation der RAF-Mörder aufspüren."

"Gewalt ist als Mittel der politischen Auseinandersetzung bei uns virulenter denn je - von Islamisten, von Rechtsextremisten, von Linksextremisten", kommentiert der Kölner Stadt-Anzeiger. Dies seien nur die Anfänge, so das Blatt weiter: "Es beginnt mit einem ausgesprochenen Freund-Feind-Denken und der Entmenschlichung von Gegnern. Und es mündet in grausame Taten. Neuer Terror ist auch ohne RAF lediglich eine Frage der Zeit."

Die Stuttgarter Zeitung sieht die neuen Ermittlungsergebnisse als Möglichkeit ein Stück deutscher Geschichte aufzuarbeiten: "Die Ermittlungen gegen die so genannte dritte RAF-Generation gehören nicht zu den Ruhmesblättern der deutschen Polizeigeschichte. Von 22 bekannten Taten gelten gerade einmal zwei als aufgeklärt. Jetzt gibt es eine neue Chance, dies zu ändern. Ganz offensichtlich gibt es unter den ehemaligen Terroristen noch einen Zusammenhalt und Kommunikationsstrukturen. Das müsste und sollte den Ermittlern neue Ansatzmöglichkeiten geben. Auch wenn aktuell andere Themen drängender sind: auch dieses Stück deutscher Geschichte gehört aufgearbeitet."

Die Heilbronner Stimme gibt sich hinsichtlich der Aufarbeitung der RAF-Taten weniger optimistisch: "1998 hatte sich die Organisation für aufgelöst erklärt. Der Staat hat seither seinen Frieden mit der RAF gemacht, er hat sich in einigen Fällen generös mit vormals inhaftierten Tätern gezeigt. Die Hysterie im Umgang mit dem Phänomen, die vor allem in den 70er Jahren zu spüren war, ist längst verflogen. Dennoch. Eine offene Wunde sind vor allem die noch immer völlig ungeklärten Mordanschläge der dritten Generation. Die Angehörigen haben auch heute noch ein moralisches Recht auf Ermittlung der Täterschaft. Doch dass diese Morde jemals aufgeklärt werden, ist mehr als ungewiss. Daran ändern wohl auch die neuen Spuren nichts."

Die Neue Presse widmet sich den mutmaßlichen Umständen, unter denen die flüchtigen RAF-Mitglieder leben müssen, und zeichnet ein düsteres Bild: "Beinahe verblüffend (…) ist, wie es drei Terroristen gelang, Jahrzehnte unentdeckt zu bleiben. Sie leben vermutlich mitten in unserer Gesellschaft, grüßen die Nachbarn freundlich, fahren mit dem Bus zum Einkaufen. Offenbar schlagen sie sich - deutlich gealtert - mit falschen Ausweisen durch, ohne Krankenversicherung, ohne Aussicht auf Altersversorgung. Die jüngsten Überfälle sind, so scheint es, bloße 'Beschaffungskriminalität'. Sie benötigen das Geld, um in dieser Gesellschaft, die sie einst so überzeugt bekämpft haben, zu überleben. Aber sie zucken bei jedem Blaulicht zusammen, jede Minute in der Angst, doch noch entdeckt zu werden. Und das ist nur eine Frage der Zeit."

Zusammengestellt von Aljoscha Ilg.

Quelle: n-tv.de

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