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(Foto: picture alliance / dpa)

Pressestimmen zur Wahl Infantinos: "Statthalter der arroganten Europäer"

Mit 115 von 207 Stimmen kürt die Fifa Gianni Infantino zu ihrem neuen Präsidenten. In einem Kopf-an-Kopf-Rennen setzt er sich damit gegen den favorisierten Scheich Salman aus Bahrain durch. Mit dem Schweizer hofft der skandalumwitterte Fußball-Weltverband auf einen Neuanfang. Ein zusätzliches Reformpakt soll den guten Willen der Funktionäre beweisen. Die Presse macht sich aber keine Illusionen.

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Die Badische Zeitung aus Freiburg glaubt nicht daran, dass sich die fragwürdigen Methoden der Fifa ändern lassen. Zu sehr würden die Funktionäre an ihrer Macht hängen. "Nach wie vor sitzen in Fifa-Gremien zwielichtige Funktionäre, die sich vermutlich noch mehr als bisher an ihr Amt und ihre Macht klammern werden. Zudem gibt es in einer Handvoll Länder derzeit keine Verbandsspitze, weil sie von den Korruptionsermittlern der Ethikkommission abgesetzt wurde. Und Vorschläge wie der des neuen Fifa-Präsidenten Infantino, eine Weltmeisterschafts-Endrunde mit 40 statt bisher 32 Mannschaften zu bestreiten, lassen arge Zweifel aufkommen, ob künftig die Vernunft bei der Fifa regiert. Aber genau diese Vernunft und ein bisschen Demut wären jetzt gefragt."

Nicht anders sieht es die Saarbrücker Zeitung, die zusätzlich die juristische Aufarbeitung des Korruptionsskandals bemängelt. "Die unsägliche Fifa-Kultur, Deals unter der Hand und in die eigenen Taschen auszuführen, lebt. Nicht nur die Konföderationen aus Nord- und Südamerika sind derzeit eher mit Justizbehörden beschäftigt als mit Gedanken um einen Kulturwandel bei der Fifa. (...) Die Fifa hätte unter Fremdverwaltung gehört, bis die juristische Aufarbeitung der vergangenen Jahre abgeschlossen ist, bis der letzte korrupte Zahn endlich gezogen ist."

Gianni Infantino sei im Vergleich zu Scheich Salman das kleinere Übel, urteilt die Neue Osnabrücker Zeitung. Ob der Fußball-Weltverband aber tatsächlich reformiert werden kann, müsse sich zeigen. Für den Erfolg sei vor allem das Vorgehen des neuen Chefs Infantino entscheidend. "Denn das verabschiedete Reformpaket ist nicht mehr als ein guter Ansatz. Will die FIFA sich und ihr Image tatsächlich wandeln, muss sie tiefer greifen und aussortieren. Zu viele Köpfe stehen für das alte System, auch der des neuen Präsidenten. Seine Wahl ist daher allenfalls besser. Mit Scheich Salman al Khalifa an der Spitze, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, Korruption und Geldwäsche, wäre ein Neuanfang noch weniger zu verkaufen gewesen. Dass der Favorit aus Bahrain sich nicht durchsetzte, kann man als Hoffnungsschimmer werten, oder dafür, dass die alte Schweizer Schule doch noch funktioniert."

Die Wahl Infantinos sei laut Mittelbayerische Zeitung vor allem für Asiaten und Afrikaner ein suboptimales Ergebnis. Denn der Schweizer sei für viele von ihnen "ein purer Statthalter der reichen und arroganten Europäer ... .Wenigstens hält der smarte Schweizer ein Reformpaket in Händen, das diesen Namen auch verdient. Mehr Transparenz, mehr Integrität, schön und gut. Aber mit Verlaub: Der eigentliche Impuls zur Läuterung war die trübe Aussicht, in einer amerikanischen Gefängniszelle zu landen. Die schlechte Nachricht für die Kritiker der Fifa lautet: Es geht nicht ohne eine ordnende Hand im Weltfußball. Irgendwer muss die Regeln und den sportlichen Rahmen definieren."

Zusammengestellt von Katja Belousova

Quelle: n-tv.de

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