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Größter Rentenanstieg seit Langem: "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste"

Es klingt toll: Die gut 20 Millionen Rentner in Deutschland stehen vor der stärksten Rentenerhöhung seit mehr als 20 Jahren. Zum 1. Juli steigt die Rente in Westdeutschland um 4,25 Prozent, im Osten um 5,95 Prozent. Doch ist die Nachricht tatsächlich ein Anlass zur Freude? Die Kommentatoren der deutschen Presse diskutieren.

Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) sagte, die Rentner profitierten nun von der guten Arbeitsmarktlage und vom Wachstum.
Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) sagte, die Rentner profitierten nun von der guten Arbeitsmarktlage und vom Wachstum.(Foto: imago/Christian Ohde)

"Die gesetzliche Rente ist damit wieder einmal besser ihr Ruf", kommentiert die Ludwigsburger Kreiszeitung. Zumal, so das Blatt aus Baden-Württemberg, das System bei aller Kompliziertheit im Detail eigentlich einer einfachen Logik folge: "Wenn die Wirtschaft floriert und die Beschäftigten ordentliche Lohnerhöhungen bekommen, sind auch die Ruheständler mit im Boot. Sie profitieren ebenfalls von der Entwicklung." Bei schlechten Konjunkturdaten gelte das umgekehrt freilich genauso.

"Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste" - die Westfälischen Nachrichten aus Münster bemühen ein altes Sprichwort, um ihrer Skepsis Ausdruck zu verleihen: "Zweifellos profitieren die Bestands- und die Neurentner - zeitverzogen - von der florierenden Beschäftigungsquote und den als Folge 'besserer' Lohnabschlüsse gestiegenen Bezügen der Arbeitnehmer; so sieht es die Rentenformel vor. Der Anstieg fällt aber 2016 auch deshalb besonders hoch aus, weil es einen einmaligen statistischen Sondereffekt gibt, der ein Hochrechnen des jetzigen Rekord-Anstieges auf die Zukunft nicht zulässt." Und somit steht für die Zeitung aus Münster fest: "Der berühmte 'Schluck aus Pulle' fällt also nur in diesem Jahr besonders üppig aus."

Nach Ansicht der Heilbronner Stimme verstellt die starke Erhöhung der Rente den Blick auf die wahren, eher düsteren Perspektiven der Rentenkassen: "Schon bei den jetzt noch aktiven Älteren sind viele von Altersarmut bedroht, Tendenz steigend. Das Vertrauen in die staatliche Rentenfürsorge ist allgemein gesunken. Und die Aussicht auf hinreichende private Vorsorge wegen der langen Niedrigzins-Phase stark gedämpft." Deshalb sei es für die Politik "höchste Zeit" zu handeln. "Lebensleistungsrente heißt gerade ein Zauberwort, das so neu nicht ist. Man wagt kaum zu hoffen, dass die Großkoalitionäre sich noch vor dem Bundestagswahlkampf einigen. Denn Wahlgeschenke brauchen wir nicht, sondern nachhaltige Lösungen. Das heißt vor allem, die Finanzierung muss die Gesamtgesellschaft tragen, aus Steuermitteln, nicht aus der Rentenkasse."

Auch der Kölner Stadt-Anzeiger setzt sich mit der von der Großen Koalition geplanten Lebensleistungsrente, bei der Geringverdiener einen Ausgleich für ihre niedrigen Rentenansprüche bekommen sollen, auseinander: "Den satten Zuschlag auf ihr Altersgeld haben die Senioren nicht der Politik zu verdanken. Er folgt einer komplizierten Rechenformel. Mit einigen Abschlägen entwickeln sich die Renten ähnlich wie die Bezüge der Beschäftigten. Und der Aufschlag bringt den Rentnern mehr, als die nun von der Politik diskutierte Lebensleistungsrente jemals abwerfen wird." Das, so der Kommentator, spreche keinesfalls gegen Reformen. Es zeige aber, "dass eine gute Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt die wichtigsten Stützen der Sozialsysteme sind. Für die SPD, die den Markenkern 'Soziale Gerechtigkeit' gerade wieder ganz ins Zentrum ihrer Programmatik rückt und dabei vor allem an Umverteilung denkt, könnte das ein interessanter Gedanke sein."

Der Nordbayerische Kurier schreibt: "Die Zeiten haben sich geändert: Vor 10, 15 Jahren wurde die gesetzliche Rente totgesagt, heute ist es die private Vorsorge. In 10 Jahren kann es wieder andersrum sein." Angesichts dessen wäre es leichtfertig, nur auf eine der beiden Säulen - privat und gesetzlich - zu setzen und die andere zu vernachlässigen. Deshalb müssten beide Standbeine solide gebaut sein. Die Zeitung aus Bayreuth appelliert an die Politik: "Wer sein Leben lang in die Rentenkasse zahlt, darf im Alter nicht in die Sozialhilfe fallen. Und wenn der Staat mit der Nullzinspolitik zulasten der Sparer umverteilt, kann er sie bei der privaten Altersvorsorge nicht im Stich lassen, als ginge ihn das nichts an. Vorsorgen fürs Alter muss einfacher und attraktiver werden. Sonst kann es ein böses Erwachen geben."

Zusammengestellt von Susanne Niedorf

Quelle: n-tv.de

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