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Großer Jubel um winziges Teilchen"Was die Welt zusammenhält"

04.07.2012, 20:24 Uhr
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Jahrzehntelang suchen Physiker nach dem Higgs-Teilchen, das als letzter unbekannter Baustein der Materie gilt. Nun haben sie passende Daten dazu gewonnen. Nicht nur in der Fachwelt, auch in den Kommentarspalten der deutschen Presse wird eifrig diskutiert.

Jahrzehntelang suchen Physiker nach dem Higgs-Teilchen, das als letzter unbekannter Baustein der Materie gilt. Nun haben sie passende Daten dazu gewonnen. Nicht nur in der Fachwelt, auch in den Kommentarspalten der deutschen Presse wird eifrig diskutiert.

"Der indirekte Nachweis dieses Elementarteilchens ist zweifellos eine der wichtigsten Errungenschaften der modernen Physik", schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Es handele sich um einen Triumph einer globalisierten und mit gewaltigen Mitteln ausgestatteten Großforschung. "So nah beieinander wie kaum irgendwo sonst liegen hier Rationalität und Irrationalität", gibt die Zeitung aber zu bedenken. "Die Betreiber des Genfer Teilchenbeschleunigers, in dem man jetzt das Higgs dingfest gemacht hat, wurden kürzlich noch mit Ermittlungsverfahren konfrontiert, weil man durch die Simulation des Urknalls mit riesigen Energien angeblich nicht nur Teilchen sichtbar machen will, sondern vermeintlich auch schwarze Löscher mit apokalyptischem Potenzial erzeugen könnte. Dieser Unsinn hat die Experimente glücklicherweise nicht gebremst."

Auch dem Südkurier zufolge hat sich die Forschung gelohnt. "Bei Genf werden in einem riesigen Tunnel Atombausteine aufeinandergeschossen. Das erscheint vielen Menschen rätselhaft, da sie kaum wissen, wozu dieser millionenteure Aufwand betrieben wird", so die Zeitung. Doch es sei nun so gut wie sicher, dass es gelungen sei, den Bauplan aller Materie zu enträtseln. "Der Mensch will wissen und mehr wissen. Das gefeierte Higgs-Teilchen ist das letzte Steinchen in einem Mosaik, das der Physik zur Beschreibung dessen dient, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wächst der Respekt vor der Schöpfung? Je tiefer wir blicken, desto größer wird unser Staunen. Die Forscher werden also weitere Fragen stellen - und Antworten suchen."

Die Nürnberger Nachrichten legen den Fokus auf die Kosten: "Das ist die ganz weltliche Seite des Wettrennens um das "Gottesteilchen": Es ging und geht um viel Geld, das die Cern-Konkurrenten vom US-Beschleuniger Tevatron im vergangenen Jahr nicht mehr investieren wollten. Die Europäer hielten hingegen an der teuren Grundlagenforschung fest - und dürfen jetzt einen der seltenen Erfolge ihrer Wissenschaftspolitik feiern."

"Für Teilchenphysiker ist es die Entdeckung des Jahrhunderts, für Laien schwer verständliche Elfenbeinturm-Zauberei", meint die Landeszeitung aus Lüneburg. "Viele werden sich fragen, ob solche Erkenntnis in Zeiten der Krise milliardenteure Grundlagenforschung wert ist. Ja, sie ist es. Denn je tiefer die Forscher in die Materie eindringen, desto besser verstehen wir die Zusammenhänge der Natur und nähern uns der letzten Frage, ob das Universum Gott braucht. Und nicht zuletzt reichte bereits ein Abfallprodukt der Teilchenphysik aus, um unsere Welt zu revolutionieren: das Internet."

"Welcher Laie staunt nicht, wenn er hört, dass der Physik noch eine Irrtumswahrscheinlichkeit von eins zu einer Million nicht sicher genug ist?", fragt die Stuttgarter Zeitung und ergänzt: "Nebenbei wird ein zentraler Zug der Forschung deutlich: Sie ist keine Sache von Wissen und Nichtwissen, sondern von Abwägungen und wiederkehrenden Überprüfungen. Die Physik mag auf diesem Weg ihren Nimbus als Instanz des unantastbaren Wissens verlieren. Doch zugleich gewinnt sie viel: Sie wird ehrlicher und zugänglicher - und attraktiver für Schüler und Studenten."

"Handelt es sich bei dem Fund tatsächlich um das Higgs-Teilchen? " rätselt die Zeit. "Um sie zu beantworten, müssten noch weitere Messungen und Analysen durchgeführt werden, die nur mit sehr viel Glück Monate, sehr viel wahrscheinlicher aber Jahre dauern werden. (…) Solch eine elend lange Spurensuche lässt sich nicht mehr vermitteln. Schon gar nicht einer Öffentlichkeit, die seit Jahren nach dem Higgs lechzt und der schon mehr als einmal erzählt wurde, man habe das "Gottesteilchen" fast am Wickel – diesmal wirklich!" So sei es nur konsequent, dass man sich für die Flucht nach vorne entschieden habe. " Als Folge gibt es jetzt zwei neue Teilchen am Cern: Das Higgs-Teilchen, aufgebahrt auf dem Altar der Popkultur. Und ein (nun entdecktes) rätselhaftes Partikel, das Physiker noch viele Jahre beschäftigen wird."

Quelle: ntv.de