Die FDP entdeckt ihr Mitgefühl"Was für ein Irrtum!"
Die Frage, wer den Vorsitz der Bundestagsfraktion übernehmen soll, stellt die FDP erneut vor eine Zerreißprobe. Und offenbart eine in der Politik bisher unbekannte Art der Problembewältigung: den "mitfühlenden Liberalismus".
Die Frage, wer den Vorsitz der Bundestagsfraktion übernehmen soll, stellt die FDP erneut vor eine Zerreißprobe. Und offenbart eine in der Politik bisher unbekannte Art der Problembewältigung: den "mitfühlenden Liberalismus".
Für den General-Anzeiger aus Bonn ist mit dem erneuten Postengeschachere ein "ganz düsteres Kapitel" in der FDP-Geschichte aufgeschlagen worden: "Philipp Rösler dachte, er habe auch als Noch-Nicht-Vorsitzender genügend Autorität, um seine personellen Vorstellungen unwidersprochen durchsetzen zu können. Was für ein Irrtum! Birgit Homburger, die - vermessen genug - ihre hauchdünne Bestätigung als Landesvorsitzende in Baden-Württemberg als 'Rückenwind für Berlin' fehlinterpretierte, erwies sich als unbelehrbar resistent gegenüber den Personalvorstellungen des Westerwelle-Nachfolgers. Kein Zweifel: Die Liberalen-Spitze muss angesichts der Vier-Prozent-Umfrage-Misere Nerven wie Drahtseile haben, um eine solche Demonstration der Zerrissenheit der Öffentlichkeit vorzuführen."
"Nicht einmal eine Woche wird es noch dauern, dann soll alles gerichtet sein bei den Liberalen: die neue Parteiführung gewählt, der Streit um die Fraktionsspitze geklärt". Und die Berliner Zeitung erkennt dabei eine ganz neue Herangehensweise der Liberalen: "Guido Westerwelle, das Symbol für die Bürger-und Realitätsferne der FDP, bleibt Außenminister - nicht wegen seiner Kompetenz, sondern aus Mitleid. Vielleicht gelingt es sogar Fraktionschefin Birgit Homburger, in der neuen Versuchsreihe 'Mitfühlender Liberalismus' unterzuschlüpfen und dabei ihr Amt zu retten. Gemeinsam mit ein paar neuen Köpfen an der Spitze wird die FDP dann ein großes Vakuum anstelle neuer Inhalte vorfinden."
Die Rhein-Neckar-Zeitung geht dem 'mitfühlenden Liberalismus' auf den Grund und erweitert das Experiment: Angekommen auf dem Tiefpunkt der Beliebtheit könne die FDP derzeit "selbst eine große Portion Mitgefühl vertragen. Doch ob es so weit kommt, steht in den Sternen. Das einzige spürbare Mitleid lebt dieser Tage der designierte Parteichef Philip Rösler aus: Er belässt Guido Westerwelle im Amt und gibt nun womöglich Rainer Brüderle eine neue Bedeutung. Vordergründig aus Mitleid mit den verdienten Wahlkämpfern und alten Haudegen - in Wahrheit jedoch aus Schwäche."
Mit dem Führungsstil von Rösler befasst sich die Frankfurter Rundschau: "Dem Projekt liberaler Neustart droht ein eklatanter Fehlstart. Der designierte FDP-Vorsitzende Rösler, der nach chaotischen Monaten endlich Ruhe und Linie in die Regierungspartei bringen wollte, der auf Inhalte setzen wollte statt auf Personaldebatten, muss tatenlos zusehen, wie sich nach der Partei auch die Fraktion öffentlich zerlegt. Der Sieger dieses Gezackers könnte Rainer Brüderle heißen – ausgerechnet." Röslers Neustart entpuppt sich letztendlich als "unwürdiges Ränkespiel, bei dem Proporz und Positionen mehr zählen als Intellekt und Inhalte und liberale Werte. Ach, FDP! In dieser Form bist du als Partei überflüssig."