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(Foto: picture alliance / dpa)

Reaktionen auf Attentat in Istanbul: "Wir sind Terrorziel und müssen damit leben"

Der Terroranschlag in Istanbul, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen, sollte dezidiert deutsche Touristen treffen. Darauf reagiert die inländische Presse im Tenor gefasst. Ob eine Fortführung der Terrorbekämpfung in Form des Kriegs gegen den Islamischen Staat in Syrien sinnvoll ist, wird unterschiedlich eingeschätzt.

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"Deutschlands langjähriges Glückhaben ist vor der Hagia Sophia zu Ende gegangen", heißt es in der Wochenzeitung Die Zeit. Es sei "egal, ob wir uns in Deutschland sozialer und friedlicher als andere fühlen. Wir sind Terrorziel und müssen damit leben. Neben den klassischen Bedrohungen durch Staaten, vor allem durch Diktaturen, individualisiert sich die Gefahr. Der Terror hat ein Passantengesicht, wie es in Istanbul mit seinen vielen Flüchtlingen und Migranten kaum auffällt. Die Bedrohung wird diffuser, alltäglicher und versteckt sich zwischen den Harmlosen, den Schutzsuchenden. Und sie ist nicht auf den Nahen Osten begrenzt."

Die Berliner Zeitung verweist auf den ausgebliebenen Erfolg des Afghanistan-Einsatzes. "Wenn wir auch so gut wie nichts wissen über die Hintergründe des Anschlags, so wissen wir doch genau, dass der 2001 erklärte 'Krieg gegen den Terror' den Terror nicht besiegt hat. Kein Land dieser Erde ist in den vergangenen Jahrzehnten sicherer geworden. Es hat lange gedauert, bis die deutsche Politik zugab, dass sie in Afghanistan einen Krieg führt. Es wird noch einmal sehr lange dauern, bis sie zugeben wird, ihn verloren zu haben. Das wäre aber die erste Voraussetzung für eine Analyse, warum sie ihn verloren hat." Vorsichtig wird in dem Blatt hinterfragt, ob Waffengewalt zielführend ist: "Der Krieg gegen den Terror ist so wenig zu gewinnen wie der gegen die Drogen."

Ein Mann stellt eine Kerze zum Gedenken der Opfer in Istanbul auf.
Ein Mann stellt eine Kerze zum Gedenken der Opfer in Istanbul auf.(Foto: REUTERS)

Dem Kölner Stadt-Anzeiger erscheint die Zukunft düster. Einen Handlungsspielraum scheint es dem Blatt zufolge für die Bundesregierung nicht zu geben: "Mehr Sicherheit in Deutschland, in der Türkei, in Frankreich ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Eher das Gegenteil. Doch was wäre die Alternative - den IS in Syrien und anderswo gewähren zu lassen, damit er uns zu Hause in Ruhe lässt? Wohl kaum. Auch Politik hilft da nicht. Denn diese fundamentalistischen Terroristen sind zum Dialog nicht bereit. Also gibt es nur eins: weiter machen wie bisher."

Im Reutlinger General-Anzeiger ist vom psychologischen Ursprung des Terrors die Rede: "Das Terrain, auf dem wir den Terror schlagen müssen, sind die Gedanken in den Köpfen der Menschen. Ein erster Schritt wäre, zu begreifen, wie sehr unsere Zellen längst mit den Zellen scheinbar weit entfernter Körper auf anderen Kontinenten verbunden sind. Wo bisherige Zusammenhänge zerstört werden, brechen nicht nur Staaten, sondern auch Individuen zusammen. Der Terrorismus ist einer der Versuche, beides wieder neu zusammenzubauen." Ob kriegerische Mittel dem Kommentator als Lösungsweg erscheinen, wird nicht explizit herausgestellt: "Der Terrorismus ist ein Zerfallsprodukt. Wir müssen ihn bekämpfen."

In den Westfälischen Nachrichten aus Münster wird unterdessen auf die Auswirkungen für die Tourismusbranche hingewiesen: "Dem physischen Terror folgt der wirtschaftliche Einbruch. Wie sich das anfühlt, zeigt ganz Nordafrika, namentlich Ägypten. Touristen sind wie scheue Rehe; Bomben und Schüsse treiben sie schnell aus dem Land. So steht zu befürchten, dass der Höhenflug, zu dem die Türkei jüngst abgehoben hat, ein jähes Ende findet. (...) Nun häufen sich die Stornierungen aus Deutschland und anderen Quellmärkten."

Die Badische Zeitung kommentiert, Terrorismus wolle "die Menschen voneinander entfernen, sie gegeneinander aufstacheln. Angesichts islamistischen Terrors misstrauen heute schon viele in Europa Muslimen, ohne sich bewusst zu machen, dass unter ihnen die meisten Opfer sind." Eine Buchungsstornierung sei die falsche Antwort, heißt es in dem Blatt aus Freiburg: "Wer sich das vor Augen führt, kann nur sagen: Jetzt reise ich erst recht. Doch vielleicht müssen wir unsere Gewohnheiten ändern - zumindest zeitweise - und große Hotels meiden, weniger klassische Tourismusziele besuchen, uns mehr unters Volk mischen."

Zusammengestellt von Anna Heidelk

Quelle: n-tv.de

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