Politik
Montag, 30. August 2010

Provozierender Bundesbanker: "Zirkus Sarrazini" in Berlin

Thilo Sarrazin stellt in Berlin sein schon im Vorfeld umstrittenes Buch "Deutschland schafft sich ab" vor und löst mit seinen Thesen zur Einwanderungspolitik Empörung aus. Für die Zeitungen steht fest: Solche Bücher müssen überflüssig werden - die Politik sollte dringend handeln. 

Er glaubt zu wissen, was falsch läuft in Deutschland: Thilo Sarrazin.
Er glaubt zu wissen, was falsch läuft in Deutschland: Thilo Sarrazin.(Foto: REUTERS)

"In Dresden gibt es einen berühmten Zirkus, den Zirkus Sarrasani. In diesen Tagen kann er allerdings nicht mithalten mit den Attraktionen, die der neu gegründete Zirkus Sarrazini in Berlin zu bieten hat. Die provokanten Thesen des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin zur Zuwanderung und Bevölkerungsentwicklung sind zur politischen Akrobatennummer verkommen", finden die Stuttgarter Nachrichten. "Alle blicken nach oben, um Sarrazin bei seinem gewagten Drahtseilakt zu beobachten. Dabei sollten sie besser nach unten schauen dorthin, wo die Probleme sind."

Der Meinung ist auch die Hessische-Niedersächsische Allgemeine (Kassel): "Im Endeffekt zeigt jetzt die Diskussion um Sarrazins Thesen, wie sehr der Diskurs in den vergangenen Jahren an der Gefühlslage vieler Menschen vorbei geführt worden ist. Der reflexartige Umgang der Parteien mit Sarrazins Zitaten, die sofort unüberlegt vorgetragene Ablehnung - der Mann wurde zur Galionsfigur der Ungehörten und Unverstandenen im Lande, noch ehe jemand das Buch gelesen hatte. Noch ist Zeit zum Gegensteuern. Und dabei sollte man sich nicht um Sarrazin kümmern, sondern um eine Politik, die solche Bücher überflüssig macht. Das geht nur, wenn Sorgen und Ängste, die der Einheimischen wie die der Zugezogenen, ernst genommen werden. Höchste Zeit also, auf Volkes Stimme zu hören - egal in welcher Sprache."

Das Mindener Tageblatt glaubt nicht, dass Sarrazin wirklich die von ihm angeführten politischen Ziele verfolgt: "Die Zeiten des Augenverschließens und Nichtansprechens sind (…) vorbei, mittlerweile gibt es eine durchaus verantwortungsvolle Debatte über Migration und Integration, ihre Folgen und Voraussetzungen, Chancen und Risiken. Die Tabus sind weitestgehend gefallen, so dass man schon den Holzhammer herausholen muss, um noch als Provokateur höchstmöglichen Verkaufserfolg erzielen zu können. Das tut Sarrazin lustvoll. Dabei vermischt er statistisch unleugbare Fakten und zutreffende Situationsanalysen mit dubioser Genmythologie, was ihm zu Recht den Vorwurf einträgt, auf rassistischer Grundlage zu argumentieren. Zur Integrationsdebatte, die dieses Land nötiger hat denn je, hat Sarrazin auf diese Art nichts beizutragen. Er ist mit anderen Zielen unterwegs: seinen persönlichen."

"Natürlich hat auch Sarrazin wie alle anderen Bürger das Recht auf Frechheit wie Dummheit", so die tz (München), allerdings gäbe es da einen kleinen Unterschied, denn "Sarrazin spricht eben nicht als Bürger. Er schwindelt schon mit der Behauptung, als Privatmann sein Buch zu bewerben. Denn für die Meinung eines 65-jährigen Ex-Bahn-Beschäftigen über Migranten würde sich kaum einer interessieren. Sarrazin nutzt aber das Ansehen aus, das ihm als Bundesbanker zuteil ist. Ein neutraler Bundesbanker hat sich um Preisniveau und Währungsstabilität zu kümmern - und nicht um die Destabilisierung des politischen Niveaus, indem er biologistisch gegen Volksgruppen hetzt. Egal, was man von Sarrazins Behauptungen hält: Mit der Bundesbank haben sie nichts zu tun. Deshalb sollte auch Sarrazin mit der Bundesbank nichts mehr zu tun haben."

"Wie eh und je schwingt die Linke die Keule der politischen Inkorrektheit, wenn es ihr opportun erscheint, und versucht so, Kritiker ihres nicht mehr ganz taufrischen Multi-Kulti-Weltbildes mundtot zu machen. Das wiederum ruft prompt jene auf den Plan, die sich eine solche 'Gutmenschen-Diktatur' nicht gefallen lassen wollen und der 'linken Sprach- und Denkpolizei' den Meinungsfreiheits-Artikel 5 des Grundgesetzes um die Ohren hauen." Auf diese Weise, so der General-Anzeiger (Bonn), kommen alle Seiten ihrer "gerne kultivierten Eklat-Lust" nach: "Die einen empören sich über Sarrazin, die anderen empören sich über die Empörten. Herzlich willkommen in Deutschland!"

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Quelle: n-tv.de

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