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100 Tage Lebensmittelklarheit: Der "Pranger" bewährt sich

Der Anfang war zäh: Der Ansturm auf "Lebensmittelklarheit.de" zwang die Server in die Knie und die meisten Besucher sahen erstmal gar nichts. 100 Tage später wird die Serverkapazität weiter aufgestockt und auch noch zusätzliches Personal eingestellt. Täglich laufen rund 20 neue Beschwerden beim Verbraucherportal ein - und manche stoßen bei den Herstellern auf offene Ohren.

Rund 200 neue Fälle gehen Woche für Woche in der Redaktion ein. Nicht alle Beschwerden sind berechtigt.
Rund 200 neue Fälle gehen Woche für Woche in der Redaktion ein. Nicht alle Beschwerden sind berechtigt.(Foto: dpa)

Die Lebensmittellobby fürchtete das Schlimmste, als "Lebensmittelklarheit.de" online ging. Branchenvertreter geißelten das Verbraucherportal als "öffentlichen Pranger" und waren sich auch nicht zu schade, Gefahren für Firmen und Arbeitsplätze zu beschwören. 100 Tage später wird es Zeit für eine erste Bilanz – und die fällt durchaus positiv aus. Bundesverbraucherministerium und die Verbraucherzentralen verzeichnen reichlich Interesse an dem Portal, das Starttag wegen des großen Besucheransturms kaum zu erreichen war.

3800 kritische Produktmeldungen seien seitdem eingegangen, so Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Mehr als 900 dieser Verbraucherbeschwerden gegen seien bisher geprüft und bearbeitet worden. Am häufigsten reklamierten Kunden Produkte, deren Bewerbung und Aufmachung etwas vorgaukelt, was sie letztlich nicht halten können. Dazu zählen Fruchtabbildungen auf der Packung ohne Frucht in der Zutatenliste, Joghurt mit Macadamianüssen, der nur einen Hauch von Nuss enthält oder ein Sahnewunder mit verstecktem Alkoholanteil. Für Unmut sorgen aber auch irreführende Werbeaussagen wie "Ohne Nitritpökelsalz" oder "Ohne Geschmacksverstärker", obwohl sich Zutaten mit ähnlicher Wirkung in der Zutatenliste wiederfinden.

Manche Firmen ändern was

Ist eine Beschwerde aus Sicht der Lebensmittelklarheit-Redaktion berechtigt, wird der Hersteller um eine Stellungnahme gebeten, die dann auch veröffentlich wird. Manchmal gibt es dann Rechtfertigungen, manchmal nehmen die Produzenten die Kritik aber auch an und sorgen für Abhilfe:  Geändert hätten Firmen etwa zu kleine Schriftgrößen auf der Verpackung. Auch Rezepturänderungen seien angekündigt - zum Beispiel soll ein Curry-Orangen-Ketchup bald echte Orangenschalen enthalten und in eine Bananenschokolade kommt künftig auch Banane rein.

Die Verantwortlichen werten das Portal als Erfolg: "Wir haben den Nerv der Verbraucher getroffen", sagte Gerd Billen, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Täglich kämen derzeit 20 Meldungen und Anfragen dazu. Um den großen Ansturm zu bewältigen, hat das Bundesverbraucherministerium das Förderbudget gerade erst um 200.000 Euro auf 975.000 Euro aufgestockt Damit sollen die Serverkapazitäten ausgebaut und zusätzliches Personal eingestellt werden. 

Kritik reißt nicht ab

Nicht alle sehen das gern: Die FDP-Ernährungsexpertin Christel Happach-Kasan forderte, für das "Meckerportal" kein weiteres Steuergeld zur Verfügung zu stellen. Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde mahnt  mehr Sachlichkeit und Objektivität der Darstellung an und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten kritisierte, Aigner überlasse es den Verbrauchern nach dem Zufallsprinzip, willkürlich Lebensmittel zu beurteilen. Ruiniert hat das bislang aber offenbar keinen Hersteller. Eine Pleite durch Verbraucherkritik hat die Ernährungsindustrie jedenfalls entgegen aller Befürchtungen nicht zu verzeichnen.

Quelle: n-tv.de

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