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Sparen lohnt kaum noch ...
Sparen lohnt kaum noch ...(Foto: imago/Martin Bäuml Fotodesign)

Zinspolitik in der Kritik: Erst denken, dann reden!

Ein Gastbeitrag von Max Herbst

Während Bürger auf ihr Erspartes kaum noch Zinsen erhalten, profitiert der Staat massiv: Er kann sich Geld zu Spitzenkonditionen leihen. "Unfair!", rufen die ersten Politiker und fordern einen Vorteilsausgleich. Doch ist das wirklich sinnvoll?

Es klingt immer gut, wenn ein Funktionär oder Politiker sich dafür stark macht, "Menschen Geld zurückzugeben". Das weiß man nicht nur in den Führungsgremien CSU, sondern auch im Präsidium des Sparkassenverbandes. Und so werden denn auch aus beiden Lagern derzeit Forderungen laut, die Bürger müssten dafür entschädigt werden, dass ihre Spareinlagen wegen der niedrigen Zinsen kaum noch Renditen abwerfen

Wer sich die Mühe macht, über die Vorschläge kurz nachzudenken, bemerkt schnell, dass sie nicht besonders sinnvoll sind. Denn wenn der Staat den Bürgern das Geld zurückgibt, dann profitieren davon am ehesten die Banken, wenn sie bei steigenden Zinsen die höheren Anlagezinsen nicht weiter geben müssen und somit ihre Zinsdifferenzgeschäfte wieder ausweiten können. Gelebte Bürgernähe sieht anders aus.

Die Vorschläge sind aber noch aus einem anderen Grund verwegen. Wenn Anleger von staatlicher Seite eine Zuwendung erhalten, damit sich Sparen wieder lohnt, dann stellt sich die nationale Politik gegen die der Europäischen Zentralbank. Die hält die Zinsen ja nicht zum Spaß so niedrig, sondern verfolgt damit eine klare Strategie: Unternehmen und Privatpersonen sollen mehr investieren und sich, wenn möglich, sogar verschulden, um die Wirtschaft anzukurbeln. Zum Sparen hingegen will man die Bürger derzeit gerade nicht animieren.

Fehlgeleiteter Verbraucherschutz

Immerhin: Eine richtige Idee steckt in den Forderungen des Sparkassenverbands und des bayerischen Finanzministers: Der Staat wäre gut beraten, in Zeiten historisch niedriger Zinsen etwas dafür zu tun, dass auch weniger Begüterte sich für das Thema Geldanlage begeistern. Er könnte zum Beispiel die Anschaffung von Wohneigentum fördern, damit die Bürger im Rentenalter in einem schuldenfreien Haus leben können. Hier ließen sich die einkommensschwächeren Bürger ohne Probleme stärker unterstützen als die Wohlhabenden. Derzeit allerdings tut die Politik nichts dergleichen. Im Gegenteil.

Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.
Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.

Dank der sensationell niedrigen Zinsen ist zwar ohne Weiteres denkbar, pro Jahr drei Prozent eines Baudarlehens plus Zinsen abzubauen und dennoch weniger zu bezahlen, als die Mietkosten für eine normale nicht geförderte Wohnung. In der Praxis allerdings tun das nur vergleichsweise wenige Bürger. Schuld ist die neue Wohnimmobilienkreditrichtlinie. Denn der Gesetzgeber hat es in diesem Regelwerk so gut gemeint in Sachen Verbraucherschutz, dass die Regelungen zum Bumerang werden.

Um ihre Kunden nicht zu überfordern, müssen Banken bei der Finanzierung so viele Wenns und Abers einkalkulieren, dass zum Beispiel eine junges Paar kaum noch eine Chance hat, eine Finanzierung zu erhalten. Schon die Tatsache, dass das besagte Paar womöglich Kinder bekommen könnte, bedeutet ein Risiko – und kann den Kredit sterben lassen. Denn wenn Banken Bedenken haben, ob ein Kunde einen Kredit langfristig zahlen kann, dürfen sie ihn nicht mehr gewähren. Der Traum vom Eigenheim ist ausgeträumt.

Viele Geldhäuser würden der besagten Familien zwar sicher gerne ein Haus finanzieren, wenn diese die Kaufnebenkosten von 15.000 bis 20.000 Euro aus Eigenmittel aufbringen kann. Was soll schon passieren in Zeiten, in denen das besagte Paar bei einer Zinsbindung von 20 Jahren und drei Prozent Tilgung nur 900 Euro pro Monat zahlt, um 200.000 Euro Kredit abzustottern? Im Normalfall nichts. Vielmehr wäre das Paar in 25 bis 30 Jahren schuldenfrei bei einem sehr geringen Finanzierungsrisiko für ein Abschlussdarlehen von 60.000 Euro. Zudem hätte das Paar ein schuldenfreies Haus im Rentenalter und könnte seinen Kindern etwas Vermögen vererben. Doch das verhindert die momentane Gesetzeslage.

Alternativen zur aktuellen Politik

Nur, wenn der Gesetzgeber gegensteuert wird sich diese Fehlentwicklung beheben lassen. Denkbar wäre es zum Beispiel, dass der Staat für den - relativ unwahrscheinlichen - Fall, dass bei der Finanzierung etwas schiefgeht, eine Ausfallbürgschaft gegenüber der Bank übernimmt. Damit würde die öffentliche Hand zusagen, der besagten Familie für einen Zeitraum von fünf Jahren die Hälfte der Belastung abzunehmen. Um die Kosten überschaubar zu halten, könnte man maximalen Betrag auf l 500 Euro deckeln und trotzdem gezielt Familien mit Kindern fördern.

Rechnet man das Modell für unser Beispiel durch, Läge die maximale Belastung der Staatskasse bei 27.000 Euro. Das ist überschaubar. Erst Recht, weil die Summe nur dann fällig würde, wenn es der jungen Familie wirklich schwerfallen sollte, die Rate von 900 Euro aufzubringen.

Abwickeln ließe sich eine solche Bürgschaft zum Beispiel über die Länder, die ja bereits in vielen Fällen verbilligte Gelder zur Verfügung stellen - und allen wäre geholfen: Den Banken, weil sie mehr Kredite vergeben könnten, ohne ein Haftungsrisiko einzugehen. Den Verbrauchern, weil sie die Niedrigzinsen zum Vermögensaufbau nutzen. Und dem Staat. Weil Menschen, die Vermögen aufbauen, seltener in die Altersarmut abrutschen und vom Staat unterstützt werden müssen.

Quelle: n-tv.de

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