Ratgeber

Schönfärberei mit Siegeln: Fairer Handel boomt

Die Nachfrage nach Produkten aus fairem Handel wächst rasant. Angemessene Löhne, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Mindestpreise scheinen den Konsumenten am Herzen zu liegen. Das haben auch die Hersteller verstanden, die Produkte mit vielversprechenden Siegeln schmücken. Doch nicht selten handelt es sich dabei nur um Geschäftemacherei, so die Kritik von Testern.

Das Fairtrade-Siegel gilt als glaubwürdig. Hersteller, die das Siegel tragen möchten, müssen einen Zertifizierungsprozess durchlaufen und Lizenzgebühren zahlen.
Das Fairtrade-Siegel gilt als glaubwürdig. Hersteller, die das Siegel tragen möchten, müssen einen Zertifizierungsprozess durchlaufen und Lizenzgebühren zahlen.(Foto: picture alliance / dpa)

Fair gehandelte Produkte führen in Deutschland noch ein Nischendasein, doch mit dem Angebot entwickelt sich auch die Nachfrage: Allein im Jahr 2010 lag die Wachstumsrate bei 28 Prozent und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Solche Aussichten locken auch Geschäftemacher, die Zahl der Fair-Siegel wächst kontinuierlich. Das Magazin "Öko-Test" hat sich für seine August-Ausgabe auf dem Markt umgesehen und allein bei den 34 untersuchten Kaffeesorten 14 verschiedene Label gefunden. Doch nur 18 erfüllen die grundlegenden Anforderungen an fairen Handel.

Insgesamt haben die Ökotester 72 Importprodukte wie Kaffee, Wein und Bananen unter die Lupe genommen, außerdem sieben Milchsorten aus Deutschland. Als wirklich "fair" wurden allerdings nur 44 Artikel eingestuft, also etwas mehr als die Hälfte. Problematisch ist vor allem, dass es derzeit unterschiedliche Standards und Zertifizierungssysteme gibt, die die Fairness belegen sollen. Gemeinsame Mindestanforderungen wie etwa beim einheitlichen EU-Biosiegel wurden noch nicht entwickelt.

Strenge Mindestanforderungen

Für die "Öko-Test"-Untersuchung galt es, vier Standardkriterien zu erfüllen: Erstens sollen Abnehmer den Produzenten einen Mindestpreis garantieren, der die Produktions- und Lebenshaltungskosten abdeckt und die Hersteller unabhängig macht von den Preisschwankungen und der Spekulation auf dem Weltmarkt. Zweitens sollen sich die Abnehmer verpflichten, bei Bedarf einen Teil des Kaufpreises vor der Lieferung der Ware zu bezahlen. Das verhindert, dass sich Kleinbauern und Kooperativen Geld zu Wucherzinsen leihen müssen, um die Produktionskosten zu finanzieren. Drittens soll festgelegt sein, dass Arbeiter den gesetzlich festgelegten Mindestlohn erhalten. Und viertens sollen die Kernarbeitsnormen eingehalten werden, welche die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vorschreibt. Sie legt dass beispielsweise fest, dass Kinderarbeit verboten ist.

Nur 50 der getesteten Produkte erfüllten alle diese grundlegenden Anforderungen. So fiel etwa der "UTZ"-zertifizierte Senseo-Kaffee ebenso durch, wie die Jacobs- und Tchibo-Kaffees mit dem Label "Rainforest Alliance". Beide gelten für "Öko-Test" als "überwiegend unfair", weil sie keine Vorgaben zu Mindestpreisen machen und auch keine Vorfinanzierung vorsehen. Da hilft es auch nichts, dass die übrigen Vorgaben für soziale und ökologische Kriterien über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen. Als reines Marketinginstrument stuften die Ökotester das verbreitete "4C"-Siegel ein, mit dem beispielsweise Aldi und Melitta ihre Kaffees als fair verkaufen. Das Label verheißt lediglich, dass der Nachhaltigkeitsansatz unterstützt wird, verbindliche Auflagen gibt es allerdings nicht. Auch die Espresso-Kapseln, die von der Ethical Coffee Company angeboten werden, sind nicht zwangsläufig aus fairem Handel – auch wenn es der Name suggeriert.

Während Kaffee und auch Wein zu hundert Prozent aus zertifizierten Rohstoffen bestehen müssen, reicht es bei Schokolade schon für ein Fairtrade-Label, wenn nur 20 Prozent der Zutaten aus fairem Handel kommen. Die meisten Anbieter kommen aber immerhin auf einen Anteil über 70 Prozent, darunter auch Discounter-Produkte wie das von Lidl. Für die Penny-Alpenvollmilchschokolade dagegen haben die Tester nur ein "unfair" übrig, auch weil Penny nicht verrät, wie hoch der Fairtrade-Anteil ist.     

Keine Milch zum Dumpingpreis

Auch bei deutschen Produkten kann fairer Handel eine Rolle spielen: Wer seine Milch mit gutem Gewissen trinken möchte, der achtet darauf, dass die Bauern ihr Produkt ausreichend bezahlt bekommen. Edeka und der Discounter Netto verkaufen Milch unter den Labeln "Unsere Heimat – Fair handeln" und "Ein Herz für Erzeuger" etwas teurer und garantieren, einen Aufschlag von 10 Cent bzw. 10 Prozent an die Milchbauern auszuzahlen. "Öko-Test" bezweifelt allerdings, dass tatsächlich 40 Cent oder mehr bei den Bauern landen – bei einem Verkaufspreis von 55 Cent wäre die Marge für die Händler zu gering. Tatsächlich fair sind demnach die deutlich teurere Milch der Berchtesgadener Milchwerke und der Bio-Kette Alnatura, die ebenfalls aus Berchtesgaden beliefert wird. Hier gehen jeweils 50 Cent an die Bauern, bei der genossenschaftlich organisierten Upländer Bauernmolkerei sind es immerhin 40 Cent. 

Schwierig ist die Situation bei Kleidung, die teils mit selbst gebastelten Labeln beworben wird. Wo man sich bei Nahrungsmitteln auf Siegel wie "Fairtrade" oder "Fair for Life" verlassen kann, gibt es für Textilien kein firmenübergreifendes Siegel, das sowohl die Erzeugung der Rohstoffe als auch die Produktion der Kleidung umfasst. Das "Fairtrade Certified Cotton"-Label schafft das noch am besten. Die "Fair Wear Foundation" hingegen kontrolliert zwar Löhne und Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken, offen bleibt aber, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe produziert werden.

Grundsätzlich, so das Fazit der Ökotester, sei Misstrauen angebracht. Immer häufiger fänden sich auf Verpackungen Pseudo-Auszeichnungen, die zwar wie seriöse Label aussehen, aber nur Werbung des Herstellers sind. Wer auf Nummer Sicher gehen will, sollte sich an Labels wie Fairtrade oder Fair for Life orientieren, zuverlässig seien auch Produkte von Gepa, El Puente, DWP und – bei Obst – Bananafair.     

Update: In einer gemeinsamen Stellungnahme kritisieren die Rainforest Alliance, die 4C Association und UTZ Certified den von Öko-Test durchgefürhten Vergleich als nicht konstruktiv. Die festgelegten Untersuchungskriterien stimmten nur mit den Standards des Fairtrade Labels überein und ließen damit gemeinsame Bemühungen, Nachhaltigkeit in der tropischen Landwirtschaft voranzubringen, außer Acht. Eine Studie anlässlich des Erdgipfels 20+ in Rio zeige, dass alle im Bereich Kaffee und Kakao untersuchten Zertifizierungsstandards – Fairtrade, UTZ Certified, Rainforest Alliance Certified und weitere – einen positiven Beitrag zur Entwicklung tropischer Farmergemeinschaften hin zu mehr Nachhaltigkeit leisteten, etwa durch höhere Erträge und Preispremiums.

Quelle: n-tv.de

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