Ratgeber
Sonntag, 31. Juli 2016

Nie wieder auf 180 sein: Konflikte im Job gelassen lösen

Die anstrengendsten Tage bei der Arbeit? Das sind für viele jene mit Konflikten. Keine To-do-Liste der Welt macht einen so fertig wie Streit mit Kollegen. Der erste Fehler ist, gleich auf 180 zu sein. Gelassen Konflikte zu lösen, setzt aber Selbstkenntnis voraus.

Jeder Mensch hat bestimmte Werte, bei deren Verletzung er an die Decke geht.
Jeder Mensch hat bestimmte Werte, bei deren Verletzung er an die Decke geht.(Foto: imago/Westend61)

Erst fangen die Backen an zu zittern. Dann rutscht man auf dem Stuhl hin und her. Und schließlich fängt man an, zu schimpfen: "Das kann doch nicht wahr sein!". Es ist passiert: Man ist auf 180.

So oder so ähnlich spielen sich tausendfach Szenen am Arbeitsplatz ab. Wo gearbeitet wird, gibt es immer auch Konflikte. Doch während es manchen gelingt, sie konstruktiv und souverän zu lösen, regen sich andere nur furchtbar auf. Letztere sind in der Sache im schlimmsten Fall nach der emotionalen Achterbahnfahrt noch nicht einmal weiter. Doch kann man lernen, Konflikte souverän auszutragen, ohne sich dabei aufzuregen?

"Soziale Konflikte sind der größte Stressfaktor für Menschen überhaupt", sagt Coach Günter Hudasch, der bei Konflikten im Büro berät. Außerdem ist er Vorstand vom MBSR-MBCT-Verband, dem Zusammenschluss der Achtsamkeitslehrer in Deutschland. Sich mit Kollegen auseinanderzusetzen, stresst viele mehr als ein übervoller Terminkalender.

Vermeiden lassen sich die Differenzen am Arbeitsplatz aber kaum. Es geht dabei nicht nur um Sachfragen. Ganz unterschiedliche Typen, Arbeitsweisen, Charaktere und Werte treffen aufeinander - und das oft unter Stress und Zeitdruck. Kollidieren Interessen und Werte, ist der Konflikt da. Aber man kann lernen, sie gelassen zu lösen - und das bedeutet nicht, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Schon ist der Groll da

Regen sich Menschen am Arbeitsplatz selten auf, kennen sie sich häufig sehr gut selbst, sagt Susanne Klein, Coach zum Thema. Jeder Mensch hat bestimmte Werte, bei deren Verletzung er an die Decke geht. Der eine regt sich sehr über Ungerechtigkeit auf, der nächste über Unverbindlichkeit, wieder andere stört Unpünktlichkeit oder Respektlosigkeit. Zu erkennen, was einen stört, ist der erste Schritt, um den Konflikt souverän zu lösen, erklärt Klein. Denn dann kann man aus einer Situation aussteigen - und reagiert nicht impulsiv, wenn jemand bestimmte Knöpfe drückt.

Ein Beispiel: Kollege X braucht von Kollege Y jede Woche bis Mittwoch bestimmte Unterlagen, damit er seine Arbeit machen kann. Kollege Y schickt die Unterlagen in vielen Fällen jedoch zu spät - statt am Mittwochabend am Donnerstagmittag. Kollege X regt sich darüber maßlos auf und vor allem ärgert ihn die Respektlosigkeit von Y. "Der muss doch kapieren, dass er die Unterlagen pünktlich abgeben muss", denkt er jede Woche aufs Neue. Viele verharren in dieser Situation.

Sie reagieren reaktiv, erklärt Hudasch. Die Unterlagen fehlen am Mittwochabend, und schon ist der Groll da. "Das ist ein völlig unbewusstes, direktes Reagieren auf Verletzungen von anderen", sagt Hudasch. Wer gut im Konfliktelösen ist, steigt hier aus, analysiert die Situation, und gibt Kollege Y dann eine neue Deadline. Das kann zum Beispiel sein, dass Y die Unterlagen immer schon am Dienstagabend schicken soll. Sendet er sie dann zu spät, ist es erst Mittwoch, und Kollege X bei zu später Lieferung immer noch im Zeitplan.

Welche Situationen machen Ärger?

Sind Menschen besonders souverän im Umgang mit Konflikten bei der Arbeit, haben sie außerdem häufig ein gutes Selbstbewusstsein. Sie ziehen sich bestimmte Schuhe erst gar nicht an, sagt Mareike große Darrelmann, Business Coach aus Düsseldorf. Eine Aussage von anderen interpretieren Berufstätige ganz unterschiedlich. Ein Beispiel: Kollegin X sagt zu Kollegin Y: "Das Papier im Drucker ist ja schon wieder alle." Fühlt sich Kollegin Y wenig respektiert und anerkannt, antwortet sie vielleicht patzig: "Ich bin doch hier nicht das Mädchen für alles." Wer in seiner Rolle sehr sicher ist, und weiß, was seine Aufgaben sind, würde antworten. "Oh ja stimmt, das Papier ist dort hinten."

Wer sehr souverän Konflikte löst, ist außerdem häufig sehr gut darin, sich selbst und sein Verhalten zu reflektieren. Er stellt sich überhaupt erst einmal die Frage: Warum gerate ich am Arbeitsplatz immer wieder in die Situation, dass ich mich aufrege? Welche Situationen machen Ärger und wie kann ich die angehen? Und er ist gut darin, Situationen, die er selbst nicht ändern kann, zu akzeptieren.

Regen Menschen sich im Büro selten auf, gelingt es ihnen außerdem, die Kollegen für ihre Art und Weise zu achten, sagt Coach große Darrelmann. Sie wissen, wo die roten Linien ihrer Kollegen sind und übertreten diese nicht. Ist es jemandem zum Beispiel sehr wichtig, pünktlich Schluss zu machen, damit er Zeit mit der Familie verbringen kann, achtet man als Kollege darauf und kommt nicht mit einem wichtigen Anliegen fünf Minuten vor Dienstschluss. Hat jemand ein Bedürfnis nach Harmonie am Arbeitsplatz, führt man wütende Wortgefechte lieber mit Personen, die das besser wegstecken können. Wer im Team immer wieder mit anderen aneinandergerät, sollte einmal abends für sich versuchen herauszufinden, was die roten Linien der anderen sind.

Und er sollte sich fragen, ob er selbst weiß, wo seine roten Linien sind. Denn geht es wieder los, und man regt sich auf, kann man dem anderen auch leichter kommunizieren, was einen überhaupt stört.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen