Der Wertgutschein für Sachsen-Anhalt
Mittwoch, 23. Mai 2007
Alternative Zahlungsweisen: Lokalpatriotisches Geld
Von Nona Schulte-Römer
"Darf ich Ihnen die 50 Euro auch in Regiogeld zurückgeben?" In manchen Regionen Deutschlands ist diese Frage nicht mehr bloße Utopie, sondern eine reale Alternative. Regionale Euro-Ersatzwährungen gibt es hier zu Lande seit 2001, mit steigender Tendenz. In Papiergeld- oder Gutscheinform zirkulieren "Kirschblüte", "KannWas", "Nahgold" oder "Berliner" im örtlichen Zahlungsverkehr zwischen lokalen Unternehmen und ihrer Kundschaft. Inzwischen existieren in Deutschland 19 aktive Regiogeld-Initiativen, weitere 34 sind in Vorbereitung. Die Regios ergänzen den Euro, doch sie ersetzen ihn nicht. Meist sind sie 1:1 konvertierbar. Ziel der alternativen Zahlungsmittel ist es, regionale Wirtschaftsbeziehungen zu fördern, diese solidarischer und transparenter zu gestalten und so den negativen Nebeneffekten der Globalisierung entgegen zu wirken. In Potsdam wird beispielsweise die "Havelblüte" seit 2006 an teilnehmende Unternehmen ausgegeben. Dabei bemessen sich die Startkontingente jeweils nach Mitarbeiterzahl, Leistungs- und Warenumfang. In Umlauf kommen die Havelblüten wie Gutscheine, die der Kunde beim nächsten Kauf in einem teilnehmenden Geschäft mit dem Europreis verrechnen kann. So zahlt sich die Regionalwährung in den lokalen Geschäftsbeziehungen aus und bindet die Kunden an die Region.
Sparen wird bestraft
Wie schon Karl Marx bemerkte, ist das Kapital ein scheues Reh. Regiogeld-Initiativen verhindern solch autonome Fluchtimpulse, indem sie ihre Währungen kontrolliert mit Wertverlusten belegen und damit gleichzeitig Umlauf-Impulse setzen. Die Idee des "Freigelds", auch "neutrales" oder "Schwundgeld", geht zurück auf den Begründer der Freiwirtschaftslehre, den Kaufmann und Finanztheoretiker Silvio Gesell (1862-1930). Um dem Geld seinen strukturellen Vorteil gegenüber verderblichen Waren zu nehmen, wird hier das Sparen mit einem negativen Zins belegt. Wer hortet, verliert - so die Logik der Freiwirtschaftslehre. In der Praxis ist der Wert von regionalen Geldscheinen daher in der Regel befristet. Der Euro-gedeckte Chiemgauer in Prien büßt zum Beispiel jedes Quartal zwei Prozent seines Wertes ein. Der dreimonatige Besitz von 50 Chiemgauern kostet also umgerechnet einen Euro. Regiogeldbesitzer können die volle Gültigkeit ihrer Chiemgauer wieder herstellen, indem sie entsprechende Wert-Marken zukaufen und auf dafür vorgesehene Stellen auf den Scheinen kleben. Ähnliche Entwertungsverfahren fördern nicht nur die Liquidität der Regionalgelder: Mit der Umlaufbegrenzung der Gutscheine verhindern die Regiogeld-Initiativen die unerwünschte Entstehung einer Parallelwährung.
Utopia im Urstromland?
Die Einrichtung regionaler Kontosysteme ist überwiegend noch in Planung. Der Chiemgauer kann seit Kurzem bargeldlos in regionalen Raiffeisenbanken und Sparkassen überwiesen werden. In Sachsen-Anhalt ist der "Urstromtaler" landesweit im Umlauf. Hier gibt es die Möglichkeit, sich den Taler als leistungsgedeckten, quittierten Vorschuss auszahlen zu lassen.
Wer Einkünfte nachweisen kann, darf ein Konto eröffnen und es zinsfrei bis zu 1000 Urstromtalern überziehen. So kann die Zusatzwährung wie ein alternativer Investitionskredit wirken, der die Wirtschaft in Schwung bringt und dem Gemeinwohl dient. Der Zusammenschluss mit dem Mitteldeutschen Baterring hat das Netzwerk zusätzlich gestärkt. Über 300 Kleinbetriebe und mittelständische Unternehmen konnten so integriert werden. Deutschlandweit schätzt der Verband der Regiogeld-Initiativen 4.000 bis 4.500 teilnehmende Unternehmen.
Klein aber fein
Das Gesamtvolumen aller Regionalwährungen beläuft sich derzeit auf umgerechnet 400.000 Euro. Ein Diskussionspapier der Deutschen Bundesbank bewertet die volkswirtschaftliche Bedeutung der Gutscheinsysteme daher als "vernachlässigbar gering". Der Kapitalist kann also beruhigt aufatmen. Der Euro kann von der zusätzlichen Wertschöpfung und den regionalen Tauschhandel sogar profitieren, da alle Gewinne letztendlich in Euro in den Sparstrumpf wandern. Denn mit Regionalgeld lässt sich zwar zahlen und rechnen, als Wertaufbewahrungsmittel taugt es allerdings ausdrücklich nicht.
Der historische Ursprung des Geldes und eine ökonomisch wichtige Qualität liegt aber in dessen Werterhaltungsfunktion. Streng genommen ist die Bezeichnung "Geld" für regionale Gutscheine daher nicht korrekt. Dennoch, im direkten Tausch und in räumlich begrenzten Wirtschaftszusammenhängen erfüllen die Chiemgauer, Sterntaler oder Lausitzer vorzüglich ihren Zweck: Sie schaffen in Regionen mit geringer Kaufkraft alternative Märkte und Ressourcen und fördern außerdem die regionale Identität. Wer also gerne Tauschhandel treibt, wer seine Region liebt und auf das Wir-Gefühl setzt oder, wer bloß neugierig ein alternatives Geldsystem testen möchte, der sollte sich der nächstgelegenen Regiogeld-Initiative anschließen und dabei aufpassen, immer alle Scheine schnell in Ware umzusetzen. Denn Regiogeld verdirbt zwar schnell, hat jedoch lokalpatriotischen Charakter.
Externe Links zur Nachricht
Ratgeber
-
Im Bewerbungsgespräch
Zum alten Chef loyal sein
-
Nicht übers Ohr hauen lassen
Heizöllieferung überwachen
-
Ärger nach der Schönheits-OP
Arzt haftet nicht für schiefe Brust
-
Malev fliegt nicht mehr
Wenig Hoffnung für Passagiere
-
Kein dringender Notfall
Rettungswagen darf leise sein
-
Nach der Erbschaftssteuerreform
Mehr Steuern von weniger Erben
-
Vorsicht bei Call-by-Call-Vorwahlen
Vertipper kann teuer werden
-
Clerical Medical zieht Klage zurück
Opfer hoffen auf Schadenersatz
-
Vorsicht beim Bezahldienst Paysafecard
Betrüger locken mit Guthaben
-
Unfallversicherung muss nicht zahlen
Kein Schutz während der Pause
-
Sicherheit und Rendite
Sparbriefe im Test
-
Der Deutsche Servicepreis 2012
Wo der Kunde König ist
