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Je auffälliger Auto und Fahrer sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, an die Seite gewinkt zu werden.
Je auffälliger Auto und Fahrer sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, an die Seite gewinkt zu werden.(Foto: imago stock&people)

"Haben Sie Cannabis geraucht?": So kommt man durch die Drogenkontrolle

Von Isabell Noé

Die Polizei muss immer seltener wegen Trunkenheit im Straßenverkehr ermitteln. Dafür schaut sie bei anderen Drogen genauer hin. Amphetamine, Cannabis oder Koks lassen sich teils noch Tage später nachweisen. Wie verhält man sich bei einer Kontrolle?

Der Tag war lang, der Abend vergnüglich. Trotzdem freut sich der junge Mann aufs Bett, das zu Hause wartet. Keine halbe Stunde noch, dann sollte er drin liegen. Keine halbe Stunde, normalerweise um diese Zeit. Heute macht ihm die Polizei einen Strich durch die Rechnung: Drogenkontrolle. "Führerschein und Fahrzeugpapiere", fordert ein Beamter. Während der müde Autofahrer im Portemonnaie nach der Fahrerlaubnis nestelt, verwickeln ihn die Polizisten in ein Gespräch. Dabei macht er wohl keinen besonders fitten Eindruck. Er soll aus dem Wagen kommen und einige motorische Übungen vollführen. Schließlich bitten ihn die Beamten, an Ort und Stelle einen Urintest abzugeben. Andernfalls müsse man ihn zum Bluttest mit aufs Revier nehmen.

Der typische Verlauf einer Drogenkontrolle. Selbst wenn der junge Mann strenger Abstinenzler ist, könnte er, wenn es dumm läuft, den restlichen Heimweg ohne Auto antreten oder sogar wochenlang ohne Führerschein dastehen. Wie verhält man sich richtig, wenn man ins Visier der Polizei gerät?

Welche Wagen werden überhaupt kontrolliert?

Nachts in der Nähe von Diskotheken, aber auch mal tagsüber, gibt es sogenannte "Schleierkontrollen". Dann werden mehr oder weniger wahllos Autofahrer herausgewinkt. Natürlich gibt es Kriterien, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich die Polizei für einen interessiert. Dabei richten sich die Beamten durchaus nach Klischees, was das Erscheinungsbild des Autos und der Insassen betrifft. Ein Kleinwagen, in dem eine Mutter ihr Kind auf dem Rücksitz chauffiert, weckt eben weniger Interesse als ein 3er BMW mit getönten Scheiben und jungen Männern an Bord. Schleierkontrollen sind aber erstmal verdachtsunabhängig, man muss nicht durch ungewöhnliche Fahrweise oder dergleichen hervorstechen.

So ist es nämlich bei den individuellen Kontrollen, bei denen auffällige Fahrer aus dem Verkehr gezogen werden. Wer rast, kriecht, Schlangenlinien fährt, sich zwanghaft am Seitenstreifen orientiert oder den Mittelstreifen konsequent ignoriert, könnte bei der Polizei für Aufmerksamkeit sorgen und wird dann womöglich mit einem "Bitte folgen"-Schild an den nächsten Seitenstreifen gelotst.

Worauf achten die Beamten?

Konzentrations- und Beweglichkeitstests können auch manch Nüchternem Probleme bereiten.
Konzentrations- und Beweglichkeitstests können auch manch Nüchternem Probleme bereiten.(Foto: imago/Olaf Wagner)

Die Frage nach Führerschein und Fahrzeugpapieren ist natürlich legitim. Dabei wollen die Beamten nicht nur die Dokumente sehen, sondern auch, wie der Fahrer reagiert. Wer mit zittrigen Händen den Geldbeutel durchforstet oder nervös das Handschuhfach durchwühlt, macht sich schon mal verdächtig. Auffällig ist es auch, wenn man die Suche unterbricht, um auf weitere Fragen zu antworten. Bei vielen Drogen leidet die sogenannte "geteilte Aufmerksamkeit", also die Fähigkeit, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren.

Wichtig, wenn die Polizisten ein Gespräch anfangen: Man muss fast gar nichts sagen. Das einzige, was man mitteilen muss, sind die persönlichen Daten. Das sind neben Namen, Geburtstag und Wohnort auch der Familienstand und der Beruf. Fragen wie  "Wann haben Sie das letzte Mal Alkohol getrunken oder Drogen genommen?", "Wo kommen Sie gerade her?", "Haben Sie schon mal Cannabis oder andere Drogen konsumiert?", braucht man dagegen nicht zu beantworten. Wer nicht unkooperativ erscheinen will, darf hier auch lügen.

Anwälte warnen dringlich davor, Drogenkonsum einzuräumen, auch wenn der schon eine Weile zurückliegt. Aussagen zum Konsumverhalten könnten einen - zumindest wenn es um härtere Drogen als Cannabis geht - nachhaltigen Ärger einbringen, wenn die Polizei sie protokolliert und der Fahrerlaubnisbehörde mitteilt.

Welche Tests muss man mitmachen?

Die allgemeine Verkehrskontrolle gehört zu den normalen polizeilichen Befugnissen. Alles, was darüber hinausgeht, unterliegt der Strafprozessordnung und hier gelten deutlich strengere Regeln. Der wichtigste Unterschied: Man ist nicht gezwungen, an der eigenen Überführung mitzuwirken. Man kann also die Teilnahme an Tests verweigern, solange es keine richterliche Anordnung gibt.

Das gilt zunächst mal für Bewegungs- und Konzentrationstests. Dabei soll man aus dem Auto aussteigen und beispielsweise auf einem Bein stehen, mit kleinen Schritten auf einer geraden Linie gehen, mit geschlossenen Augen den Zeigefinger zur Nasenspitze führen oder mit geschlossenen Augen 30 Sekunden abzählen. Alles Aufgaben, die man unter Drogeneinfluss schwerlich hinbekommt, die aber auch nicht jeder Nüchterne fehlerfrei schafft.

Freiwillig ist auch der Urintest. Dabei wird man gebeten, an Ort und Stelle oder einer nahegelegenen Toilette - und möglichst unter Aufsicht - eine Urinprobe abzugeben. Entsprechende Teststreifen gibt es für die meisten gängigen Drogen. Innerhalb von zwei Minuten wird klar, ob der Fahrer in den letzten Stunden oder auch Tagen Betäubungsmittel wie Cannabis, Amphetamin, MDMA, Kokain, Heroin oder Barbiturate konsumiert hat. Über die Konzentration der einzelnen Stoffe verrät der Urintest nichts. Gleiches gilt für Schweiß- oder Speicheltests, die alternativ oder manchmal auch zusätzlich durchgeführt werden können.

Was passiert, wenn man den Urintest verweigert?

Anders als der Urintest ist die Blutuntersuchung nicht freiwillig.
Anders als der Urintest ist die Blutuntersuchung nicht freiwillig.(Foto: imago/Olaf Wagner)

Im Urin finden sich die Abbauprodukte von Drogen, nicht aber die Drogen selbst. Diese Abbauprodukte fallen am Ende des Stoffwechselprozesses an und lassen sich folglich teils deutlich länger nachweisen. Crystal Meth ist beispielsweise nach 24 Stunden aus dem Blut verschwunden. Im Urin halten sich die Abbaustoffe bis zu einer Woche. Auch Ecstasy findet man nach 24 Stunden nicht mehr im Blut. Bis der Urin wieder "sauber" ist, können dagegen - je nach Dosierung und Konstitution - vier Tage vergehen.          

Wer sich ganz sicher ist, dass der Urintest negativ ausfällt und keine Lust auf langwierige Diskussionen hat, kann natürlich in den Becher pinkeln. Aber niemand kann dazu gezwungen werden, auf Kommando am Straßenrand zu urinieren. "Dann müssen Sie eben zur Blutentnahme auf die Wache mitkommen", heißt es dann meistens. Doch ganz so einfach können es sich die Beamten nicht machen. Für die Blutentnahme braucht es einen richterlichen Beschluss und den darf es nur geben, wenn ausreichende Verdachtsmomente gegen den Fahrer vorliegen. Dafür reicht es nicht, dass die Person sämtliche Tests verweigert. Es müssen weitere Gründe hinzukommen, wenn auch keine besonders schlagkräftigen. Ein Argument wäre etwa, dass der Wagen in der Nähe einer Disco gestoppt wurde.

Der Richter gibt seine Zustimmung per Telefon, meist ist das eine Sache von Minuten. Ohne den Beschluss sind die Ergebnisse der Blutprobe nicht verwertbar - normalerweise. Bei Kontrollen in der Nacht kommen die Beamten auch ohne richterliche Anordnung weiter. Wenn sie mit dem Bluttest bis zum nächsten Tag warten würden, wären Drogen womöglich schon vollständig abgebaut, der Ermittlungserfolg wäre gefährdet. In solchen Fällen kann auch die Staatsanwaltschaft entscheiden -oder eben deren Ermittler, zu denen auch die Polizei gehört.  

Und nach dem Bluttest?

Der Bluttest bedeutet auch für die Polizei Aufwand. Schließlich muss man den Verdächtigen zur Wache bringen, das bindet Personal. Wer einen fitten Eindruck macht und bei der Kontrolle nicht patzig wird, hat also ganz gute Chancen, trotz verweigerter Urinprobe durchgewinkt zu werden.

Haben die Beamten allerdings Verdacht geschöpft - oder hat man eine positive Urinprobe abgegeben - kann es gut sein, dass man die nächsten Stunden im Polizeirevier verbringt. Damit hat das Warten aber noch kein Ende. Die Blutuntersuchung ist kein Schnelltest, bis die Ergebnisse aus dem Labor kommen, können Wochen vergehen. Fällt der Test positiv aus, muss der Verursacher die Kosten von rund 200 Euro tragen. Die weiteren Konsequenzen hängen stark davon ab, welche Drogen in welchen Mengen nachgewiesen wurden. Mögliche Folgen sind ein Strafverfahren wegen Gefährdung des Straßenverkehrs und wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie ein Bußgeldverfahren. Womöglich wird sich auch die Fahrerlaubnisbehörde einschalten und einen Nachweis der Fahreignung verlangen. Billig wird die Sache auf jeden Fall nicht und wahrscheinlich ist man auch für mindestens einen Monat seinen Führerschein los.

Auch wenn der Fahrer absolut "clean" ist, kann die Blutprobe zum Ärgernis werden, wenn die Beamten in dem Moment zu einer anderen Einschätzung kommen. Denn egal wie das Ergebnis am Ende ausfällt, beim Verdacht auf akute Fahruntüchtigkeit können sie für den Rest des Tages das Autofahren verbieten. Geht die Polizei davon aus, dass der Bluttest positiv ausfällt und dem Betroffenen später ohnehin die Fahrerlaubnis entzogen wird, kann sie den Führerschein auch sofort beschlagnahmen. Dann muss aber innerhalb von drei Tagen eine richterliche Anordnung eingeholt werden.     

Quelle: n-tv.de

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