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Die Verlustgefahr an der Börse ist deutlich geringer als beim Lottospielen.
Die Verlustgefahr an der Börse ist deutlich geringer als beim Lottospielen.(Foto: dpa)
Sonntag, 11. Juni 2017

Riskante Lotterie?: Warum viele Anleger die Börse meiden

An der Börse kann man nur verlieren. Das zumindest glauben viele Sparer. Dabei ist ein Investment in Aktien in der Regel aussichtsreicher, als Lotto zu spielen. Es kommt nur darauf an, wie man es macht.

Was ist riskanter: Lotto spielen oder in Aktien investieren? Für die meisten wäre die Antwort vermutlich klar: in Aktien investieren. Denn die Kurse an den Börsen schwanken. Viele Anleger haben daher Angst, dass sie ihr investiertes Geld nicht zurückbekommen. "Schlechte Ereignisse wie zum Beispiel der Zusammenbruch des Neuen Marktes sind in den Köpfen vieler Anleger hängen geblieben", erklärt Professor Martin Weber vom Institut für Investmentbanking an der Universität Mannheim.

Dabei liegt die Chance, beim Lotto den Jackpot zu knacken, bei etwa 1 zu 140 Millionen. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit auf eine sehr große Auszahlung ist klein. Demgegenüber ist die Wahrscheinlichkeit, das eingesetzte Geld zu verlieren, sehr hoch. Dennoch kreuzen in Aussicht auf den großen Gewinn jede Woche viele Menschen ihre Glückszahlen an. "Beim Lottospielen sind wir eigentlich risikofreudig", sagt Weber.

Verlustgefahr bei Aktien vergleichsweise überschaubar

Ganz anders bei Aktien: Trotz Mini-Zinsen meiden Anleger die Börse. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) lag die Zahl der Aktionäre im Jahr 2016 mit knapp 8,98 Millionen sogar leicht unter dem Niveau von 2015. Nur jeder siebte Bundesbürger steckt damit derzeit direkt oder indirekt Geld in Aktien. Zu groß ist bei vielen offenbar die Furcht, Verluste zu erleiden. "Viele Leute schätzen das Risiko aber nicht richtig ein", sagt Prof. Weber.

Die Verlustgefahr ist bei Aktien eigentlich vergleichsweise überschaubar. "Es gibt an der Börse einen positiven Erwartungswert", sagt Weber. Das heißt: Im Schnitt kommt über einen längeren Zeitraum eine Rendite größer als null heraus.

Das bestätigen Berechnungen des DAI: Allein beim Deutschen Aktienindex Dax konnten sich Anleger 2016 über eine Gesamtrendite von 6,9 Prozent freuen. Bei einem Anlagehorizont von 20 bis 30 Jahren lagen die jährlichen Renditen in der Vergangenheit zwischen 6 und 9 Prozent - trotz der zwischenzeitlichen Einbrüche.

Dennoch haben Privatanleger hierzulande nur wenig Vertrauen in den Aktienmarkt. "Die Börse ist für viele Menschen eher neutral bis negativ besetzt", sagt die Finanzpsychologin Monika Müller aus Wiesbaden. "Aber vor allem ist es etwas Fremdes. Es ist kein Alltagsgeschehen." Die Folge: Das vorhandene Risiko bei Aktien nehmen Menschen anders wahr als beim bekannten und vertrauten Lotto.

Ein weiterer Unterschied: Lotto ist transparent. "Die Ziehung kann ich verfolgen und ganz genau nachvollziehen, wie das Ergebnis zustande kommt", erklärt Weber. Das schafft Vertrauen.

Angst überwinden

Anders an der Börse: Bei Aktien kann ein Anleger kaum nachvollziehen, wie der Kurs zustande kommt. Daher sind Anleger eher skeptisch. Die Angst vor Manipulationen ist aus Sicht von Weber allerdings eher unbegründet: "Der Aktienmarkt ist durch die Regulierung im Prinzip genauso vertrauenswürdig wie eine Lottoziehung."

Verstärkt wird die Risikowahrnehmung möglicherweise auch durch das Gefühl, keine Kontrolle über das Geschehen an der Börse zu haben. Prof. Weber erklärt das Phänomen an einem Beispiel: "Ich finde Autofahren deswegen weniger riskant als fliegen, weil ich selber am Steuer sitze." Dabei ist die Wahrscheinlichkeit eines Autounfalls größer als die Gefahr, ein Flugzeugunglück zu erleben.

Für Anleger kann es sich aus Sicht von Experten durchaus lohnen, ihre Angst zu überwinden. "Dass Sie am Ende wie beim Lotto Ihren Einsatz verlieren, ist am Aktienmarkt nicht zu erwarten", sagt Prof. Weber. Im Gegenteil: Je breiter ein Anleger sein Geld am Aktienmarkt investiert und je länger er dabei bleiben kann, desto größer ist die Chance, dass er Rendite erzielt.

Beispiel Dax: Unter dem Strich hat sich der Index seit Ende 1987, als er mit 1000 Indexpunkten startete, bis heute verzwölffacht. Wer damals umgerechnet 10.000 Euro einsetzte, könnte heute über gut 120.000 Euro verfügen, rechnet der Bundesverband deutscher Banken vor. Allerdings gilt auch: Der Rückblick bietet keine Gewähr für künftige Entwicklungen.

Erklären lassen, wie es funktioniert

Wer sich dem Thema nähern will, sollte sich zunächst an vertraute Personen im Freundes- oder Familienkreis wenden. "Schauen Sie sich einfach mal um, ob Sie jemanden kennen, der in Aktien investiert hat", rät Müller. "Lassen Sie sich erklären, wie das Ganze funktioniert." Daraus könne sich Schritt für Schritt ein Fundament für eine eigene Anlagestrategie ergeben. Wichtig dabei: "Fragen Sie nicht nach dem vermeintlich sicheren Tipp." Denn einen solchen Tipp gebe es nicht. Müller empfiehlt: "Fragen Sie, was ihr Vorbild aus Fehlern gelernt hat."

Müller warnt allerdings davor, gleich alles auf eine Karte zu setzen: "Menschen sollten ihre Vermögensstruktur ausgewogen, für sich sinnvoll und entsprechend ihrer Risikobereitschaft aufbauen." Neben einer breiten Streuung auf verschiedene Wertpapiere verschiedener Branchen gehört auch eine laufende Kontrolle des Depots dazu, um die Zusammensetzung der wirtschaftlichen Entwicklung anzupassen. Wem das zu aufwendig ist, der kann zu Aktienfonds oder börsengehandelten Indexfonds, sogenannten ETFs, greifen.

Ihr Risiko haben Anleger auch selbst in der Hand: Ein ausreichendes Liquiditätspolster kann sie davor bewahren, bei finanziellen Engpässen verkaufen zu müssen. Sollten die Kurse dann im Keller sein, kann das am Ende doch Verluste bedeuten.

Quelle: n-tv.de

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