Ratgeber

Patienten profitieren kaum: Was bringt die Gesundheitskarte?

Von Isabell Noé

Über zehn Millionen Kassenpatienten haben sie schon, die übrigen werden sie in den nächsten Monaten bekommen: die elektronische Gesundheitskarte. Über 500 Millionen Euro wurden bislang in die Einführung der neuen Karte investiert, die mehr Transparenz im Gesundheitswesen bringen soll. Ihr Nutzen hält sich allerdings in Grenzen.

Immerhin: Kartenmissbrauch ist mit dem Foto weitgehend ausgeschlossen.
Immerhin: Kartenmissbrauch ist mit dem Foto weitgehend ausgeschlossen.

Eigentlich sollte sie schon längst in jedem Geldbeutel stecken: die elektronische Gesundheitskarte, kurz eGK. Für 2006 hatte die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Einführung geplant. Sechs Jahre, zwei Gesundheitsminister und ein paar Pilotversuche später haben die meisten Versicherten das Projekt schon wieder vergessen. In den letzten Monaten bekamen sie Post von den Krankenkassen: Man brauche ein Foto für die neue Gesundheitskarte.

Seit Oktober 2011 werden Versicherte mit den neuen Karten ausgestattet, über 10 Millionen Kassenpatienten haben inzwischen auf die neue Karte umgestellt. Wohl auch, weil ihnen nicht viel anderes übrig bleibt: Die eGK ist keine freiwillige Leistung. Versicherte können den Umstellungsprozess vielleicht verzögern, aber nicht aufhalten. Nach dem Ende der – bislang unbestimmten - Übergangszeit werden sie ihre alte Plastikkarte beim Arzt sonst nicht mehr nutzen können. Vorschnell entsorgen sollte man die bisherige Karte aber auch nicht: Noch haben nicht alle Praxen die neuen Lesegeräte und es soll auch schon zu technischen Schwierigkeiten gekommen sein.  

Kartenmissbrauch wird schwerer

Von der neuen Karte haben die Patienten derzeit ohnehin nur wenig. Die einzige Neuerung im Vergleich zur bisherigen Karte ist das Foto. Damit können Arztpraxen sicherstellen, dass der vorstellige Patient auch tatsächlich der Versicherte ist. Nützen wird das am ehesten den Krankenkassen, die so ein geeignetes Mittel haben, Kartenmissbrauch vorzubeugen – unter der Voraussetzung, dass der Versicherte tatsächlich sein eigenes Bild einschickt. Die Fotos werden nicht geprüft, bevor sie auf die Karte kommen Neben dem Foto enthält die neue Karte nur die sogenannten Stammdaten, also Name, Vorname, Geburtsdatum und Versicherungsnummer.

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Mehr als eine halbe Milliarde Euro hat die Einführung der eGK bislang verschlungen, bezahlt haben es auch die Versicherten mit ihren Beiträgen. Auf die Vorteile, die ihnen versprochen wurden, dürften sie aber noch eine ganze Weile warten. Die technischen Möglichkeiten sind zum Teil zwar schon vorhanden, werden aber noch nicht ausgeschöpft. So sollen Patienten auf ihrer Karte künftig freiwillig Notfalldaten speichern können. Dann wären Ärzte und Sanitäter sofort über mögliche Allergien, Implantate oder Medikamentenunverträglichkeiten im Bilde.

Später sollen dann auf Wunsch auch weitergehende Gesundheitsdaten gespeichert werden. Abrufen könnte sie der Arzt nur, wenn der Patient seine PIN ins entsprechende Terminal getippt hat. Außerdem müsste sich der Arzt durch seinen Heilberufsausweis mit entsprechender PIN legitimieren. Nach diesem Prozess hätte er dann Zugriff auf die sogenannte elektronische Patientenakte und könnte sich einen schnellen Überblick über bisherige Befunde, verschriebene Medikamente oder Röntgenbilder verschaffen. Das soll Doppeluntersuchungen, Zeit und Experimente sparen – ist aber auch umstritten. Schließlich dürften die geballten Gesundheitsinformationen für eine ganze Reihe von Abnehmern sehr interessant sein. Gerieten Daten in die Hände der Pharmaindustrie oder von Versicherern, wäre der Schaden kaum auszumalen.

Reichen die Sicherheitsstandards?

Noch ist diese elektronische Patientenakte ohnehin Zukunftsmusik. An der Vernetzung arbeitet im Auftrag der Bundesregierung die Firma Gemantik. Sie wurde 2005 von den Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens gegründet und soll dafür sorgen, dass ein sicherer Austausch der Daten möglich ist. Dafür setzt sie auf eine dezentrale Serverstruktur und eine hohe Verschlüsselungsrate von 2048 Bit.

Die Skeptiker sind damit allerdings nicht zu beruhigen. "Der Chaos Computer Club hat erhebliche Bedenken, ob der Teilbereich ‚elektronische Patientenakte‘ die hohen Anforderungen an den Datenschutz erfüllt, die von Patienten und Ärzten erwartet werden. Darüber hinaus scheint der Aufbau der komplexen Infrastruktur wirtschaftlich nicht sinnvoll", schreibt der CCC auf seiner Homepage. Auch die Gesellschaft für Informatik (GI) warnt: "Angesichts der Vielzahl Zugriffsberechtigter von etwa 80 Millionen dürfte eine hinreichend sichere Zugriffskontrolle überhaupt nicht machbar sein. Dies wird spätestens dann in einem Missbrauchsfall offenkundig werden".

Doch abgesehen von einem möglichen Datendiebstahl gibt es auch ganz praktische Bedenken gegen die neue Technik: Innerhalb von zehn Sekunden muss die sechsstellige PIN eingegeben werden. Gerade Ältere oder Menschen mit Behinderungen sind damit überfordert, wie erste Erfahrungen in den Pilotregionen zeigen. Selbst Ärzte sperrten versehentlich ihren eigenen Zugang. Noch ist die PIN-Problematik aber ohnehin nicht akut. Die Geheimnummern werden erst versendet, wenn die Gesundheitskarte neben den Stammdaten auch medizinische Informationen enthält. Und das kann noch eine ganze Weile dauern.  

Quelle: n-tv.de

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