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Beim Kauf einer Wohnung für 100.000 Euro kassierte der Fiskus vor zehn Jahren noch 3500 Euro. Heute sind in Berlin bei derselben Wohnung 16.500 Euro an Steuern fällig.
Beim Kauf einer Wohnung für 100.000 Euro kassierte der Fiskus vor zehn Jahren noch 3500 Euro. Heute sind in Berlin bei derselben Wohnung 16.500 Euro an Steuern fällig.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 28. August 2017

Regierungen bremsen Häuslebau: Wohnungsmangel wird immer schlimmer

Ein Gastbeitrag von Michael Bormann

Alle Parteien kündigen im Wahlkampf an, bezahlbaren Wohnraum fördern zu wollen. Tatsächlich behindern aber die Landesregierungen den Bau neuer Häuser und Wohnungen.

Trotz Bauboom gibt es in Deutschland zu wenig günstigen Wohnraum. Im vergangenen Jahr wurden 278.000 neue Wohnungen fertiggestellt – so viele wie seit mehr als 15 Jahren nicht mehr. Das Bundesbauministerium schätzt allerdings, dass es in den kommenden Jahren jeweils 350.000 neue Einheiten braucht, um den Wohnungsmangel zu beseitigen. Der Bundesverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) und der Mieterbund sehen sogar einen Bedarf von 400.000 Wohnungen pro Jahr.

Hauptgrund für den steigenden Bedarf ist die Zuwanderung aus dem Ausland – laut GdW hat die Bevölkerung in Deutschland seit 2009 um 2,5 Millionen Menschen zugenommen. Dazu kommt noch der Drang der Menschen in die Ballungsgebiete. Da diese Entwicklungen bislang anhalten, ist absehbar, dass sich der Wohnungsmangel weiter verschärft.

Vor diesem Hintergrund überschlagen sich die Parteien im laufenden Bundestagswahlkampf mit Plänen, wie sie mehr "bezahlbaren" Wohnraum schaffen wollen. Von Baukinder- oder Baufamiliengeld ist die Rede oder von Verschärfungen der Mietpreisbremse. Zynisch wird es, wenn Politiker Freibeträge bei der Grunderwerbssteuer fordern. Denn dieselben Politiker erhöhen seit Jahren die Steuerzahlungen, die beim Kauf einer Immobilie – egal ob neu oder alt – fällig werden.

Baubremse durch Fiskus

Michael Bormann.
Michael Bormann.

Bis 2006 belief sich die Grunderwerbssteuer bundesweit auf 3,5 Prozent des Kaufpreises einer Immobilie. Dann kam die Föderalismusreform. Seitdem erheben die verschiedenen Bundesländer die Steuer – und die meisten langen ordentlich zu. Nur noch in Bayern und in Sachsen müssen Immobilienkäufer nur 3,5 Prozent des Kaufpreises einer Immobilie an das Finanzamt überweisen. Mit 6,5 Prozent gibt es die höchsten Sätze in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen. Im rot-rot-grün regierten Berlin beläuft sich die Grunderwerbssteuer immerhin auf sechs Prozent – dasselbe gilt für Hessen mit der Metropole Frankfurt am Main.

Das Fatale an der Grunderwerbssteuer ist, dass nicht nur die Steuersätze in den vergangenen Jahren sich teilweise fast verdoppelt haben, sondern auch die Bemessungsgrundlage. Denn die Immobilienpreise sind dramatisch gestiegen. So haben sich beispielsweise in Berlin laut Immobilienscout24 bestehende Wohnungen in den zurückliegenden Jahren um rund 175 Prozent verteuert. Damit ist auch die steuerliche Belastung beim Erwerb explodiert.

Ein Beispiel: Beim Kauf einer Wohnung für 100.000 Euro kassierte der Fiskus vor zehn Jahren noch 3.500 Euro. Heute sind in Berlin bei derselben Wohnung 16.500 Euro Steuern fällig. Denn die Wohnung kostet heute 275.000 Euro – gleichzeitig ist der Steuersatz (in Berlin) von drei auf sechs Prozent gestiegen. Der Fiskus kassiert also das 4,7-Fache wie vor zehn Jahren.

Insgesamt haben die Bundesländer im vergangenen Jahr Grunderwerbssteuer in Höhe von 12,4 Milliarden Euro vereinnahmt. 2010 beliefen sich die entsprechenden Einnahmen noch auf knapp 5,3 Milliarden Euro. Wenn es die Politiker mit ihren Wahlkampfversprechen ernst meinen, sollten sie in den Landesregierungen, in denen sie sitzen, dafür sorgen, dass die Grunderwerbssteuer wieder auf 3,5 Prozent gesenkt oder besser ganz abgeschafft wird. Damit würde das komplizierte deutsche Steuersystem ein wenig vereinfacht und den Häuslebauern am besten geholfen.

Dr. Michael Bormann ist Steuerexperte und Gründungspartner der Sozietät bdp Bormann Demant & Partner. Schwerpunkte seiner Tätigkeiten sind neben Steuern die Bereiche Finanzierungsberatung sowie das Sanierungs- und Krisenmanagement bei mittelständischen Firmen.

Quelle: n-tv.de

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