Mittwoch, 25. Februar 2009
Mehr als Etagenbetten und Früchtetee: 100 Jahre Jugendherberge
Früchtetee aus Metallkannen, muffige Etagenbetten und ein Herbergsvater, der auf dem Gang patroulliert: Deutschen Jugendherbergen haftet ein altbackenes Image an. Dabei haben sie nur wenig mit den spartanischen Unterkünften für junge Wanderer zu tun, die vor hundert Jahren ein Lehrer ersann und in denen auch in den folgenden Jahrzehnten wenig Komfort herrschte. Längst haben sich die Häuser des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) auf ihre immer anspruchsvolleren Gäste eingestellt - auch wenn sie bewusst auf Luxus verzichten. Angesichts klammer Familienkassen und Nostalgiewelle blicken sie optimistisch in die Zukunft.
Auf einem Wandertag im Jahr 1909, als er mit seinen Schülern in ein Gewitter geriet, kam Richard Schirrmann die zündende Idee. Wieso eigentlich, so fragte sich der Lehrer aus dem Sauerland, gibt es keine erschwingliche Herberge für junge Wanderer? Damals konnte Schirrmann noch nicht ahnen, dass sich seine Idee in den kommenden Jahrzehnten zum Exportschlager entwickeln würde. Etwa 550 Häuser zählt die Jugendherbergsbewegung von den Halligen bis zum Bayerischen Wald, weltweit sind es rund 4000.
Immer mehr Familien kommen
Hauptzielgruppe sind noch immer die Schüler auf Klassenfahrt und Jugendgruppen, die 40 Prozent der Gäste ausmachen. Angesichts sinkender Schülerzahlen und verkürzter Gymnasialzeiten hat das DJH allerdings längst neue Zielgruppen ins Visier genommen. "Es übernachten immer mehr Familien bei uns", sagt Bernd Dohn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks in Detmold. Aber auch Rucksackreisende und Seminargruppen wollen die deutschen Herbergselten mit günstigen Übernachtungspreisen locken.
Die Zeiten, in denen sich Jugendherbergen nur durch die Farbe ihrer Kunststoffböden unterschieden, sind indes vorbei. Heutzutage gibt es Öko-Jugendherbergen mit Bioverpflegung, Sport-Jugendherbergen mit Fitnessprogramm und Kulturjugendherbergen mit Altstadtführung. In der Provinz können Familien in Familienzimmern urlauben und in Großstädten ist die englischsprachige Rezeption die ganze Nacht besetzt.
Vegetarisches Essen und WLAN
Auch sonst hat sich manches verändert. Noch in den Fünfzigern wurden Gäste auf mögliche Benzindüfte hin "beschnuppert" - damit sich bloß kein Autofahrer unter die Wanderer und Radfahrer mischte. Heutzutage sind Autofahrer willkommen und statt Spüldiensten winken den Gästen oftmals ein Bad auf dem Zimmer, vegetarisches Essen und Wireless LAN.
Doch bei aller Veränderung: Wer gerne an Pyjamaparties in großen Schlafsälen zurückdenkt, kann beruhigt sein. Eine Luxusunterkunft will die Jugendherberge nicht werden. So dominieren weiter Vier- bis Sechsbettzimmer, wie Dohn sagt. "Das Gemeinschaftserlebnis ist uns wichtig."
Gegen Billighotels, die den Jugendherbergen vor allem in Großstädten Rucksackreisende abspenstig machen, will das DJH mit seinen Angeboten punkten. "Wir bieten mehr als ein Bett und ein Brötchen", sagt Geschäftsführer Dohn. Es ist wohl auch dieses Profil, das die Jugendherbergen so verbissen um ihren Markennamen kämpfen lässt. Der Bundesgerichtshof wird demnächst entscheiden müssen, ob sich auch private Hostels "Jugendherberge" nennen dürfen.
"Gutes Preis-Leistungs-Angebot"
Am hundertsten Geburtstag, der am Freitag in Berlin in Anwesenheit von Bundespräsident Horst Köhler begangen wird, sind die Jugendherbergen zuversichtlich. Nicht nur, weil sich die Zahl der jährlich rund zehn Millionen Übernachtungen seit Jahren halten lässt. Gerade angesichts der schwächelnden Konjunktur hofft Dohn, mit einem "guten Preis-Leistungs-Angebot" punkten zu können.
Der Hamburger Tourismusforscher Horst W. Opaschowski gibt ihm Recht. Viele Familien seien noch unsicher, ob sie sich überhaupt einen Urlaub leisten könnten. "Wandern von Herberge zu Herberge - das könnte ein neuer Trend sein." Potenzial für die Jugendherbergen sieht Opaschowski aber auch bei jungen Leuten. Statt sich auf teure Pauschalreisen zu vergnügen, gingen sie lieber wandern oder pilgern. "Da passen Jugendherbergen gut hinein."
Julia Gaschik, AFP
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