Reise
Teile des Boris-Nemzow-Denkmals im Zentrum von Moskau.
Teile des Boris-Nemzow-Denkmals im Zentrum von Moskau.(Foto: Privat)
Donnerstag, 29. September 2016

Moskau-Touristen begegnen Politik: Auf den Spuren von Nemzow und Pussy Riot

Moskau, das klingt nach Kreml, schicken Luxusboutiquen und Betonklötzen. Das alles wollen Städtereisende hier sehen, doch wer genauer hinschaut, entdeckt auch eine andere Seite, die sich vor Touristen nicht verschließt – und dabei geht es um pure Politik.

Auf der Bolschoi Kamenny Most (deutsch: große steinerne Brücke) ist es voll. Es zieht heftig über der Moskwa, die sich an der wuchtigen Kreml-Mauer und der dicht befahrenen Straße entlangschlängelt. Viele Touristen fotografieren sich vor dem berühmtesten Prachtbau Moskaus. Doch viele, die hier gerade ihre Urlaubserinnerungen festhalten, ahnen wohl nicht, was sich nur wenige Meter von den beiden Aussichtsplattformen zugetragen hat. Heute zeugen davon nur noch viele Blumen. Blumen für Boris Nemzow.

Wer als Tourist nichts ahnend hier vorbeispaziert, der sieht neben den bunten Sträußen Fotos des russischen Politikers Boris Nemzow, der am 27. Februar 2015 ermordet wurde. "The Opposition leader was murdered here" (Hier wurde der Oppositionsführer ermordet) gibt ein Plakat Auskunft über diesen besonderen Ort in der Nähe des Kremls. Zwei Personen bewachen dieses provisorische Denkmal.

Regierungsvertreter schauen mit Argusaugen auf Aktivisten

Eine Frau, die nicht namentlich genannt werden möchte, erzählt: "Das ist unserer Erinnerungsort für Boris Nemzow. Ich kannte ihn zwar nicht gut, habe ihn nur ein paar Mal getroffen. Ich fand gut, was er getan hat und seine Art, Politik zu machen." Unwissenden Touristen aus aller Welt, die hier vorbeikommen und diese Szene sehen, erklären die Aktivisten ihr Anliegen. "Putin und das Parlament mögen diesen Platz natürlich nicht und sagen, 'geht zu seinem Grab auf den Friedhof', aber hier können wir die Menschen direkt daran erinnern, dass Nemzow mitten im Zentrum von Moskau getötet worden ist. Es war ein politischer Mord, der immer noch nicht aufgeklärt ist, niemand wurde dafür bestraft und es ist nicht offiziell, wer diesen Mord beauftragt hat."

Für den Mord wurden Ende 2015 zwei Tschetschenen angeklagt. Die Familie Nemzows bezweifelte jedoch, dass der ehemalige tschetschenische Offizier Ruslan Muchudinow der Auftraggeber für den Mord war. Aus ihrer Sicht sind nicht die wahren Mörder gefasst worden.

Blumen und Gedenkplakate für Boris Nemzow - sie müssen bewacht werden, sonst werden sie weggeräumt.
Blumen und Gedenkplakate für Boris Nemzow - sie müssen bewacht werden, sonst werden sie weggeräumt.(Foto: Privat)

Rund um den Mord an dem prominenten Putin-Kritiker Nemzow ist einiges noch unklar. Während des Mordes sollen die Videokameras des Kremls angeblich keine Bilder der Brücke aufgenommen haben. Die Frau, die an diesem Sonntagabend auf der Brücke am Denkmal Wache schiebt, weist manche Touristen auch auf ein Schriftstück hin. Zwischen den Blumen liegt ein politisches Buch, das Boris Nemzow vor seinem Tod angefangen hatte zu schreiben. Es handelt von Putins Krieg in der Ukraine; ein anderer Aktivist hat das Buch nach Nemzows Tod zu Ende geschrieben. Die Aktivisten müssen das Denkmal sprichwörtlich bewachen - sie müssen dort stehen, denn ansonsten räumen Regierungskräfte die Blumen und Plakate weg.

Die Kirche, in der Pussy Riot spielte

In der Erlöserkirche fand 2012 das Punkgebet von Pussy Riot statt.
In der Erlöserkirche fand 2012 das Punkgebet von Pussy Riot statt.(Foto: Privat)

Nur ein paar Gehminuten weiter entlang der Moskwa steht die Christ-Erlöser-Kathedrale. Sie wurde erst durch eine Anweisung Stalins zerstört, dann wurde auf dem ehemaligen Kirchenplatz 1960 ein Schwimmbad errichtet, bis es Ende der Neunziger wieder eine Bewegung für den Wiederaufbau der Erlöserkirche gab. Im Jahr 2000 wurde die prachtvolle Kirche wiedereröffnet, an alter Stelle nach alten Plänen. Die russisch-orthodoxe Kirche ist ein touristischer Hotspot. Geistliche laufen umher, viele Moskauer beten hier. Wenn man es nicht wüsste, könnte man sich nicht vorstellen, was 2012 hier geschehen ist.

Drei Frauen der Aktivisten-Gruppe Pussy Riot kamen in die Kathedrale und führten ihr Punkgebet auf - mit Gesängen gegen den Patriarchen und Wladimir Putin. Dieser politische und symbolhafte Protest in der Kathedrale blieb nicht ungestraft. Zwei Jahre Lagerhaft aufgrund von "Rowdytum aus religiösem Hass" lautete die Strafe. Die einen nannten es so - andere sahen in der Aktion einen von der Meinungsfreiheit geschützten Protest. Wer in dieser imposanten Kirche steht, bemerkt nichts von alledem. Nur wer es weiß, kann sich dieses Szene vorstellen - und über die politischen Folgen nachdenken.

Wer in Moskau eine Städtereise macht, kommt um die politische Seite nicht herum und Touristen kommen, ob sie wollen oder nicht, mit diesen Facetten Russlands in Berührung. Auch dieser Teil einer Reise ist wichtig und regt zum Nachdenken an. Jedenfalls sollte es das.

Quelle: n-tv.de

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