Reise
Vom Bodensee aus in die Republik: Mit dem Fernbus erkundet Vera von Boetticher Deutschland.
Vom Bodensee aus in die Republik: Mit dem Fernbus erkundet Vera von Boetticher Deutschland.(Foto: Liv von Boetticher-Germeroth)

Reiselust hängt nicht vom Alter ab: "Golden Agers" erobern Fernbusse

Von Liv von Boetticher-Germeroth

Mit wenig Geld und viel Zeit die Welt entdecken - das hört sich nach den Zutaten für ein verträumtes Studentendasein an. Doch der größte Fan der Langstrecken-Busse ist jemand ganz anderes: meine Großmutter.

Haltestelle Döbeleplatz, Konstanz. Das hört sich recht provinziell an - und bei allem guten Willen, das ist es auch. Von hier aus bricht meine Großmutter Vera von Boetticher auf, Deutschland zu erkunden. Unsere Heimat Konstanz (sprich: Konschtanz) liegt landschaftlich reizvoll am südlichsten Zipfel Deutschlands, eingebettet in das hügelige Voralpenland, den wunderschönen Bodensee direkt vor der Türe. Meine 78-jährige Großmutter kann man jedoch mit den Reizen rund um den Schwarzwald nicht mehr locken. Sie ist im goldenen Herbst ihres Lebens angekommen und möchte noch viel von Deutschland und der Welt sehen: Schneller, höher, weiter - das entspricht ihrem Temperament. Wie gut, dass es Fernbusse gibt. Einem feinen Spinnennetz gleich verbinden inzwischen mehr als 200 Linien viele deutschen Städte, auch europäische Metropolen wie Mailand, Florenz, Paris, London, Prag und viele mehr lassen sich mit den bunt gestalteten Omnibussen der verschiedenen Anbieter gut erreichen.

Ohne Umsteigen direkt ans Ziel

Für meine Großmutter hat die Fahrt auf der Autobahn statt auf den Schienen vor allem einen großen Vorteil: "Mit dem Fernbus komme ich ohne Umsteigen ans Ziel", sagt sie. "Auch wenn es oft ein wenig länger dauert als mit der Bahn, ist es für mich sehr viel komfortabler. Im Bus kann ich einfach sitzen bleiben und muss mich nicht mit meinem Gepäck durch fremde Bahnhöfe zu einem anderen Gleis durchkämpfen." Die Angst vor unbekannten Orten, Zeitdruck beim Umsteigen und anonymen Menschenmassen verschrecken viele Senioren, die eigentlich das Leben noch richtig auskosten möchten. Fernbusse füllen hier eine Lücke und auch im Umfeld meiner Großmutter werden fleißig Lunchboxen für Kurztrips gepackt und über die passende Garderobe sinniert. "Demnächst werde ich mit einer Bekannten nach Mailand in die Oper fahren. Früher habe ich solche Reisen mit meinem Mann im Auto gemacht, alleine würde ich mir das aber nicht mehr zutrauen. Mit dem Fernbus zahlen wir nun 22 Euro, die Bahn hätte fast 100 Euro gekostet."

Neben den günstigen Preisen sind es auch die Komfortmerkmale und Serviceleistungen der Fernbus-Anbieter, die Reisende im höheren Alter überzeugen: Der Busfahrer hilft beim Ein- und Ausladen des Gepäcks, Getränke und kleine Snacks können bei ihm ebenfalls erworben werden. Die meisten Reisebusse sind sehr neu und verfügen neben Toiletten auch über eine Klimaanlage und Sitze mit bis zu 80 Zentimeter Sitzabstand, was eine große Beinfreiheit verspricht. Einige Anbieter bieten für Reisende über 60 Jahre einen Rabatt für Senioren von zehn Prozent an. Im Gegensatz zur oft überfüllten Bahn werden im Bus außerdem nur so viele Fahrkarten verkauft, wie auch tatsächlich Plätze vorhanden sind. Ein dickes Plus in den Augen meiner Großmutter: "In den Bussen gibt es kein Gedränge, jedem Fahrgast steht ein Sitzplatz zu." Bei längeren Fahrten werden Pausen eingelegt." Nicht nur der Busfahrer kann sich so mal die Füße vertreten, auch ich mache dann einen kleinen Spaziergang und erkunde die Umgebung rund um die Haltestelle." Am Zielort angekommen hält der Bus meist direkt im Stadtzentrum. Das ist ideal, um von dort aus direkt die Stadt zu erkunden oder von Verwandten und Bekannten abgeholt zu werden.

Komfortables Unterhaltungsprogramm 

Ohne den portablen DVD-Player im roten Rucksack verreist Vera von Boetticher nicht.
Ohne den portablen DVD-Player im roten Rucksack verreist Vera von Boetticher nicht.(Foto: Liv von Boetticher-Germeroth)

Was die technische Evolution betrifft, ist meine Großmutter bei portablen DVD-Playern stehengeblieben, ein solcher ist auf jeder Reise immer mit dabei - das kostenlose WLAN-Angebot vieler Fernbusanbieter bleibt von ihr daher ungenutzt. Damit die Zeit schneller vergeht, bieten viele Betreiber ihren Fahrgästen aber auch Bücherkisten zum Schmökern an. Das persönliche Unterhaltungs-Paket meiner Großmutter steckt in einem Rucksack und wird von ihr vor jeder Fahrt sorgfältig mit neuen DVDs bestückt. "Die Vorfreude auf eine Reise beginnt ja schon mit der Vorbereitung. Wenn ich quer durch Deutschland reise, bereite ich mich auf die lange Fahrt vor und nehme zwei bis drei Filme und Zeitschriften mit." Für meine Großmutter sind die Ausflüge eher Erlebnisreisen als einfache Busfahrten.

Nicht alles ist für Senioren optimal

Es hat aber auch kleine Schattenseiten: Denn Fernbustickets bucht man am einfachsten bei den verschiedenen Anbietern über die jeweilige Webseite. Obwohl meine Großmutter theoretisch im Besitz eines Computers ist, hält diese Technik in ihrem Alltag konsequent keinen Einzug; bei ihren Freundinnen fristen internettaugliche Geräte ein ähnlich trauriges Dasein. Für viele "Golden Ager" wird das Fernbusticket aus diesem Grund unerreichbar, denn gerade in ländlichen Gebieten oder wenn man nicht mehr so mobil ist, sind die wenigen Ticketschalter recht schwer zu erreichen. Wer sich bei der Online-Buchung auf Familie und Freunde verlassen muss, macht sich wiederum sehr abhängig.

Auch für Rollstuhlfahrer oder ältere Reisende mit Rollatoren können Fernbusse mitunter zu einer echten Hürde werden. Seit diesem Jahr schreibt das Personenbeförderungsgesetz zwar vor, dass alle neuen Fernbusse barrierefrei und pro Bus mit mindestens zwei Rollstuhlplätzen ausgestattet sein müssen, trotzdem sollte man sich darüber vor Antritt seiner Reise beim Busunternehmen informieren und idealerweise den Platz reservieren. Ab 2019 ist das Gesetz auch für die älteren Busse verpflichtend.

Meine Großmutter kann zum Glück noch in den oberen Teil des Doppeldeckerbusses klettern, das Ticket habe ich ihr ausgedruckt. Während dieser Text entsteht, sitzt sie ziemlich zufrieden mit einer Mini-Flasche Prosecco im Bus Richtung Süddeutschland und schaut sich ihre DVDs an. Ihre Reiselust kennt hoffentlich noch lange keine Grenzen: Das nächste Ziel ist Mailand.

Quelle: n-tv.de

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