Nord- und OsthessenHeimat der Gebrüder Grimm
In Hanau wurden die Brüder Grimm geboren. Das Geburtshaus stand am heutigen Freiheitsplatz, wo ein Nationaldenkmal an die beiden erinnert.
Prominent blicken sie über den Hanauer Freiheitsplatz: 6,45 Meter hoch und in Bronze gegossen, schmückt das Nationaldenkmal der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm den Platz im Herzen ihrer Geburtsstadt. Noch zu Lebzeiten der Brüder spendete der Hanauer Bürger und Mäzen Pedro Jung 500 Gulden für ein Denkmal. Mehr als 40 Jahre dauerte es noch, bis 1896 der Sockel und die sitzende Figur Wilhelms neben der stehenden Figur Jacobs errichtet wurden.
Dieses Nationaldenkmal ist nicht nur eines der Wahrzeichen der Stadt Hanau. Es ist auch Ausgangspunkt der Deutschen Märchenstraße, die auf mehr als 600 Kilometern durch die Landschaften Hessens über das Weserbergland bis nach Bremen führt - durch alle Orte, in denen die Grimms ihre Märchen für das nach der Bibel meist verkaufte Buch der Welt sammelten: die Grimmschen "Kinder- und Hausmärchen."
In Hanau wurden die Brüder Grimm geboren - Jacob am 4. Januar 1785 und Wilhelm am 24. Februar 1786. Die beiden Brüder sowie ihre sieben Geschwister waren Nachkommen einer alten Hanauer Theologen- und Beamtenfamilie. Das Geburtshaus stand am heutigen Freiheitsplatz. Eine Hinweistafel findet sich am späteren Wohnhaus in der Langstraße, in dem am 14. März 1790 ihr "Maler-Bruder" Ludwig Emil zur Welt kam.
Noch als Kinder siedelten die Brüder nach Steinau an der Straße im Kinzigtal um. Der Vater war 1791 als Amtmann dorthin versetzt worden. Auch in Steinau hatte die Familie eine lange Tradition: Schon Urgroßvater Friedrich Grimm war in dem Örtchen an der Handelsroute Frankfurt-Leipzig als Kircheninspektor tätig. Großvater Friedrich Grimm predigte von 1730 bis 1777 als reformierter Pfarrer in der Katharinenkirche. In Steinau wurde 1793 die einzige Schwester, Charlotte, geboren. Nur drei Jahre später starb der Vater, doch seine Witwe blieb mit ihren Kindern zunächst im Kinzigtal.
Noch heute ist die kleine Fachwerkstadt mit ihren mit Kopfstein gepflasterten Straßen ein Muss für alle Märchenfans - denn hier steht nicht nur ein Märchenbrunnen zum Andenken an Jacob und Wilhelm Grimm. Das Marionettentheater "Die Holzköppe", das zu den ältesten Puppentheatern Deutschlands gehört, spielt seit mehr als 80 Jahren Grimmsche Märchen. Seit 1993 finden in den hessischen Herbstferien die Puppenspieltage statt. Und in dem prachtvollen Amtshaus ist seit 1998 das Brüder-Grimm-Haus untergebracht. Es beherbergt ein Museum zu Leben, Werk und Wirken der Brüder Grimm.
Nach ihren eigenen Worten verlebten Jacob und Wilhelm im Kinzigtal "eine schöne Kindheit, deren Eindrücke zeitlebens unvergesslich waren". Besonderen Gefallen fanden sie an der Lage ihres Heimatstädtchens "in der wiesenreichen, mit schönen Bergen umkränzten Gegend". Jacob Grimm schrieb: "In meiner Heimat haften, das fühle ich, meine lebhaftesten Triebe und Anregungen. Ich habe dort den frischesten und glücklichsten Teil meines Lebens zugebracht."
Der Region Nord- und Osthessen blieben die Brüder fast ihr ganzes Leben lang treu. Eine Tante holte die 12-und 13-Jährigen aus Steinau nach Kassel, um sie dort auf eine höhere Schule zu schicken. Nach ihren Studienjahren in Marburg, in denen sie sich zu Juristen ausbilden ließen, kehrten sie im Herbst 1805 zurück nach Kassel. Dort machten sie schließlich eine wichtige Bekanntschaft.
"Einer jener guten Zufälle war aber, dass wir aus dem bei Kassel gelegenen Dorfe Niederzwehren eine Bäuerin kennen lernten, die uns die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählte", schrieb Wilhelm Grimm über Dorothea Viehmann, die als "Märchenfrau" der Brüder gilt. Sie wurde in der Baunataler "Knallhütte" geboren und hörte in ihrer Kindheit in der Gaststube des Vaters die Geschichten und Sagen von durchreisenden Kaufleuten, Handwerksburschen und Fuhrleuten, die sie später den Grimms erzählte.
Außer den "Bremer Stadtmusikanten" und der Sage vom "Rattenfänger von Hameln" ist keines der Märchen einem bestimmten Platz zugeordnet. Dennoch gibt es ein paar Orte entlang der Märchenstraße, in denen die Märchen sich zugetragen haben könnten: So gelten Treysa oder Ziegenhain als Ursprung von Rotkäppchen.
Im Reinhardswald steht das Dornröschenschloss Sababurg. Dass das Märchen von dem armen Mädchen, das durch den Kuss eines Prinzen aus dem hundertjährigen Schlaf erlöst wird, auf dieser Burg aus dem 14. Jahrhundert spielt, ist weder bewiesen noch widerlegt. "Die Sababurg wurde schon im 19. Jahrhundert vom Volksmund zum Märchenschloss der Brüder Grimm verklärt", heißt es dazu bei den Burgherren.
Bis 1829 blieben die Brüder in Kassel. In dieser Zeit veröffentlichen sie die beiden Bände der Kinder- und Hausmärchen. Jacob schrieb zudem "Über den altdeutschen Meistergesang", Wilhelm übersetzte altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen. 1829 erschien ihr Buch über die "Deutsche Heldensage". Über Göttingen führte sie der Weg nach Frankfurt und Berlin, wo beide starben: Wilhelm am 16. Dezember 1859, Jacob vier Jahre später am 20. September.