Dienstag, 30. März 2010
Tourismus-Träume zerstört: Jacmel steht vor Trümmern
Jacmel war das Juwel von Haiti: Vor dem schweren Erdbeben war die Hafenstadt berühmt für ihre Strände, ihren karibischen Karneval und die Häuser im französischen Kolonialstil.
In Jacmel wurden bei dem Beben im Januar viele Häuser zerstört.
(Foto: picture alliance / dpa)
Im Gegensatz zur knapp drei Stunden entfernten Hauptstadt Port-au-Prince galt Jacmel als sicher, worauf die Einwohner stolz waren. Das Erdbeben am 12. Januar begrub sämtliche Hoffnungen. Nun steht die schöne Stadt an der Südküste vor den Trümmern ihrer Geschichte. Viele der historischen Herrenhäuser sind eingestürzt, der Karneval, der die Region sonst drei Monate im Jahr verzaubert und eine wesentliche Einkommensquelle darstellt, wurde abgesagt.
In den 60er und 70er Jahren war Jacmel ein beliebtes Urlaubsziel reicher US-Bürger und Europäer. Es folgten Jahrzehnte politischer Unruhen. Das Erdbeben kam zu einer Zeit, als sich der Karibikstaat langsam wieder als Touristenziel etablierte. Noch im September schwärmte der Condé-Nast-Reiseführer von "hinreißenden natürlichen Vorzügen, aufregender Geschichte und attraktiver Kultur". Sogar eine direkte Flugverbindung zwischen Miami in den USA und Jacmel wurde diskutiert.
Sei dem Beben ist alles anders
Seit dem 12. Januar 2010 ist alles anders: Mehr als 220.000 Menschen starben in ganz Haiti, 1,3 Millionen sind seither obdachlos. In der Wunschliste der Reiseziele rutschte Haiti ganz nach unten. Jacmel trafen die Erdstöße schwer. 500 der 40.000 Einwohner starben. Zudem kam die Katastrophe während der Karnevalsaison. "Während der Karnevalszeit machen wir normalerweise genug Geld für den Rest des Jahres", sagt der Künstler Jules André, der die berühmten Masken und Dekorationen aus Pappmaché formt.
Die Kosten für die Nothilfe und den Wiederaufbau des Landes veranschlagte die haitianische Regierung Mitte des Monats mit 11,5 Milliarden Dollar (8,6 Milliarden Euro). Am Mittwoch wird eine internationale Geberkonferenz in New York mit darüber entscheiden, wie schnell der Wiederaufbau des bereits vor dem Beben bitterarmen Karibikstaats gelingt.
Ehemalige Pracht ist zerstört
Auch in Jacmel gibt es viel zu tun. Seit dem 19. Jahrhundert, als hier wohlhabende Kaffeehändler ihre herrschaftlichen Villen mit schmiedeeisernen Balkonen aus Frankreich und Spanien schmückten, hatte sich das Stadtbild kaum verändert. Nun liegen viele Fassaden in Trümmern. Dass die Stadt eines Tages wieder ihre ehemalige Pracht entfaltet, ist nur schwer vorstellbar. Ein Viertel der 700 Hotelzimmer von Jacmel wurden zerstört. Manche Sehenswürdigkeiten stürzten vollkommen ein. Andere Attraktionen haben das Erdbeben überlebt, wie der Cyvardie-Strand, wo das türkisblaue Wasser der Karibik eine natürliche Lagune mit weißem Sand umspült. In den Hügeln versteckt sich das Bassin Bleu, eine geheimnisvolle Welt atemberaubender Wasserfälle.
"Jacmel ist sehr wichtig für den Tourismus, weil wir eine Menge Sehenswürdigkeiten haben, Architektur, schöne Strände, nette Leute", sagt Georges Metellus, der eine Kunststiftung für Kinder leitet. "Ich träume davon, Jacmel so zu sehen, wie ich es kannte, mit vielen Touristen." Schneller als in Port-au-Prince machten sich die Einwohner von Jacmel an den Wiederaufbau. Dabei hilft ihnen ein ehrgeiziger junger Bürgermeister, der Arbeitsprogramme aufgelegt hat, bei denen die Helfer gleich in Bargeld ausgezahlt werden. Teams in grünen Bauhelmen sind damit beschäftigt, Flussbetten von Schutt zu säubern.
Annie Nocenti ist Dozentin an Jacmels Filmhochschule Cine Institute. Auch sie hofft auf Restaurierungsmaßnahmen: "Die Attraktion für Touristen waren diese herrlichen Gebäude. Wenn sie nicht wenigstens die Fassaden restaurieren, wird das dem Tourismus wehtun." Mit Entsetzen reagierten denn auch die Einheimischen, als die Behörden rote Punkte an den zum Abriss vorgesehenen Gebäuden anbrachten - wegen Einsturzgefahr. "Es herrscht hier eine gewisse Paranoia, dass jemand sich das Erdbeben zunutze macht, um in den zerstörten Gebieten Monster-Hotels zu bauen", erklärt Nocenti. "Aber wer will denn jetzt nach dem Erdbeben in Haiti investieren?"
Andrew Gully, AFP
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