Reise
Ein Pazifik-Fischer arbeitet in vollkommener Einsamkeit an einer Flussmündung.
Ein Pazifik-Fischer arbeitet in vollkommener Einsamkeit an einer Flussmündung.(Foto: Viktor Coco)
Dienstag, 13. September 2016

Weit weg von der Zivilisation: Kolumbiens Pazifikküste ist paradiesisch

Von Viktor Coco

Der Tourismus in Kolumbien boomt. Allerdings sind einige Regionen schwer zugänglich und dadurch häufig vergessen. Das Städtchen Nuquí ist Ausgangsort für Abenteuerurlaub im Einklang mit der Natur an der magischen Pazifikküste.

Zugegeben, die Anreise aus dem Landesinneren Kolumbiens an den Pazifik in der Provinz Chocó ist nicht einfach. Es gibt dort nämlich keine Straßen. Auf über 1000 Kilometer zwischen Ecuador und Panama gibt es nördlich der verruchten Hafenstadt Buenaventura keine Landverbindung zum Meer. Um dieses versteckte Paradies zu besuchen, kann man von eben jenem Hafen zweimal wöchentlich mit einem rostigen Versorgungsschiff 18 bis 24 Stunden die Küste hinauf. Oder man startet vom Stadtflughafen in Medellín in einer Propellermaschine ins Abenteuer. 

Die 40 Minuten Flug sind überraschend entspannt. Nach kurzer Zeit verschwindet Medellíns Hochhauswüste und man überfliegt die Westkordillere der Anden. Dahinter erstreckt sich ein scheinbar lückenloser Teppich verschiedenster Grünfärbungen. Der Regenwald im Chocó ist einer der dichtesten Wälder unserer Erde. Irgendwo da unten liegt auch das Städtchen Lloró, das mit jährlich über 12000mm für sich den Weltrekord für den höchsten Niederschlag beansprucht. Über die Baudó-Bergkette hinweg erblickt man einen schmalen graublauen Küstenstreifen. Nur wo soll man landen? Imposante Flussmündungen sind zu erkennen, aber größere Ortschaften sind Fehlanzeige. Plötzlich doch: ein paar Hundert Häuser und eine zugewucherte Landepiste. Nuquí!

Dichter Urwald, so weit das Auge reicht.
Dichter Urwald, so weit das Auge reicht.(Foto: Viktor Coco)

Nuquí ist Kreishauptstadt und neben dem knapp 100 Kilometer nördlicher gelegenen Bahia Solano die einzige Referenz an der Küste. Regionale Referenz zu sein bedeutet hier etwa 5000 Einwohner. Wie in der gesamten Provinz Chocó sind die meisten von ihnen Afrokolumbianer, dessen Vorfahren sich nach dem Ende der Sklaverei hier niederließen. Bis heute sprechen sie voneinander als "Libres" ("die Freien"). Neben wenigen zugezogenen weißen Händlern und Aussteigern leben hier auch seit jeher die indigenen Emberá, meist in Siedlungen einige Kanustunden flussaufwärts im Landesinneren.

Mit dem Wassertaxi die Pazifikküste entlang

Entlang der Pazifikküste ist der Urwald spektakulär.
Entlang der Pazifikküste ist der Urwald spektakulär.(Foto: Viktor Coco)

In den ersten Minuten nach der Landung wird man erschlagen von der hohen Luftfeuchtigkeit. Dicke Quellwolken kündigen einen Regenschauer für den Nachmittag an. Noch sicherer als der Regen sind am Pazifik nur die Gezeiten, die hier besonders stark ausgeprägt sind und den Wasserpegel der Flüsse bis weit ins Land um einige Meter ansteigen lassen. 

Vom Hafenkai in Nuquí geht es weiter zu kleinen Ortschaften entlang der Küste. Mit dem Wassertaxi passiert man weite, einsame Sandstrände und vom massiven Grün des Regenwaldes überwucherte Felsen. Fliegende Fische oder Delfine kreuzen den Weg über die sanft heranrollenden Wellen. Zwischen Juli und Oktober ziehen mächtige Buckelwale vorbei. Gezielt kann man sie auf Bootstouren beobachten, die von den Fischern oder den Eco-Lodges südlich von Nuquí angeboten werden. Nach Norden kommt man in einer knappen Stunde nach Jurubirá oder weiter bis in den paradiesischen Nationalpark Utría. Nach Süden legen zweimal täglich Boote zum Dorf Termales ab.

Buckelwale und Harlekinfrösche sehen

Einsamkeit in Termales.
Einsamkeit in Termales.(Foto: Viktor Coco)

Termales, benannt nach einer Thermalquelle oberhalb des Ortes, besteht aus ein paar Dutzend Häusern. Bei Ebbe spielen die Dorfkinder am breiten Strand. Einfache Holzkanus, die die Emberá an die "Libres" verkaufen, liegen scheinbar vergessen im Sand. Bis die Flut kommt, begegnet man auf kilometerlangen Spaziergängen nur Strandkrabben oder vielleicht geschlüpften Schildkröten.

Wenn die Flut die Wege entlang der Brandung verschließt, ist Zeit für Wanderungen in den Regenwald. Ein Guide ist obligatorisch, auch Gummistiefel werden gestellt. Wenige Schritte hinter dem Strand beginnt das grüne Dickicht, in dem man vor lauter Wald auf den ersten Eindruck nichts erkennen mag von der hohen Biodiversität dieser Region. Aber schnell werden farbenreiche Bromelien und verschiedenste Orchideen zum Blickfang. Brüllaffen, der Gesang von Tukanen und das ewige Zirpen von allerhand Insekten komplettieren das Konzert der Sinne.

Wem die gelegentlich zu sehenden bunten Harlekinfrösche nicht genug sind, der kann auch einen Tagesmarsch die Baudó-Berge hinauf buchen, um dort den Schrecklichen Pfeilgiftfrosch zu suchen, der wirklich so heißt, nur hier heimisch ist und eines der stärksten Gifte der Welt produziert. Garantiert nassgeschwitzt erreicht man seine Unterkunft, wo wahrscheinlich schon das Essen bereit steht: Zum Beispiel fangfrischer Thunfisch in Maracuya-Ingwer Soße, dazu Kokosreis und Brombeersaft.

Und wenn am späten Nachmittag die Sonne über dem Ozean untergeht, kann man darüber sinnieren, ob es für dieses Paradies vielleicht nicht sogar besser ist, dass es keine Straßen gibt und die Zivilisation so angenehm weit weg ist. 

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen