Reise
Blauer Himmel über der apulischen Küste.
Blauer Himmel über der apulischen Küste.(Foto: Carola Ferstl)

Spinnentanz und Liebesmassage: Selbsttest im Healing Hotel

Von Carola Ferstl

Neulich habe ich etwas über Healing Hotels gelesen, über "heilende" Übernachtungsmöglichkeiten. Ist das ein neuer Marketing Gag? Ist es der nächste Trend nach Wellness und Detox - oder verbirgt sich dahinter eine aufgemotzte Reha-Klinik?

Nach zwei Stunden Flug lande ich im süditalienischen Bari. Mezzogiorno wird diese Gegend blumig genannt, bedeutet aber für jeden Italiener nichts anderes, als dass man im strukturschwachen Süden angekommen ist - wenig Wirtschaftskraft, hohe Arbeitslosigkeit. Bei der Fahrt an der Küste entlang sind dann auch nicht viel mehr als Olivenplantagen und eine ziemlich abgerockte Autobahn zu sehen. Das tut der Stimmung allerdings keinen Abbruch, denn ich bin in einem süßen Fiat 500 unterwegs. Dolce Vita, ich komme. Apulien-Kritiker finden die Landschaft ja unglaublich langweilig, rund 40 Prozent sind absolut flach. Für die Fans von "Lepuglie" ist es die Weite und das wunderbare Licht, das diese Region so einzigartig macht. Mich soll das alles draußen vor der Tür in den nächsten Tagen nicht interessieren. Ich suche hier etwas in mir: Heilung oder, im etymologischen Sinne, so etwas wie "Ganzwerden".

Und schon die Ankunft lässt erahnen, worum es hier gehen wird. Beim Betreten des Borgo Egnazia in der Nähe von Fasano umgibt mich eine schummrige Dunkelheit. Weiß getünchte Wände, Kerzen überall, kaum ein Geräusch, Körbe mit Äpfeln und Nüssen ... Wenn ich nicht wüsste, dass dieses Gebäude nur ein paar Jahre auf dem fruchtbaren Boden steht, käme ich mir vor, wie in einem jahrhundertealten hochherrschaftlichen Landhaus. Das ist auch so gewollt. Der innovative und der Region verbundene Architekt Pino Brescia hat mit jedem kleinsten Detail seine Liebe zu Apulien zum Ausdruck gebracht. Seile an den Wänden symbolisieren die Arbeit der Pferde, metallische Schlüsselbunde den Besitz des Hausherren. Die Zimmer sind trotz dicker Mauern mit allem erdenklichen modernen Luxus ausgestattet. Die sanften Weiß- und Beigetöne lassen sofort allen Anreisestress von mir abfallen.

Am Pool entspannen streichelt die Seele.
Am Pool entspannen streichelt die Seele.(Foto: Carola Ferstl)
Entspannungstanzen für die Seele

Aber es bleibt kaum Zeit zum Faulenzen und In-die-Sonne-Blinzeln, die hier übrigens rund 300 Tage im Jahr scheint. Mein Programm beginnt mit einer Tanzstunde. Tanzen heilt vielleicht kein kaputtes Knie, macht aber gute Laune. Warum also nicht. Guiseppe spielt auf einer Geige, als ich in den Raum komme. Mit seiner sonoren Stimme singt der junge Mann italienische Volkslieder, lässt mich eine Weile lauschen, bevor er mit mir spricht. Ich soll Pizzica lernen, den alten apulischen Tanz, der noch heute auf Volksfesten getanzt wird. "Pizzicare" heißt beißen oder stechen - und tatsächlich gab es auf dem Land zu früheren Zeiten Taranteln. Wenn nun ein Mensch von einer Spinne gebissen worden war, so die Überlieferung, dann kamen die Musiker zusammen und man tanzte gemeinsam so lange in immer schnellerem Rhythmus, bis der Gebissene das Gift ausgeschwitzt hatte und hoffentlich geheilt war. Ich schlage auf mein Tamburin und lasse mich mitreißen von den alten Geschichten und dem antreibenden Gesang meines Lehrers. Verschwitzt, außer Atem, aber ohne Spinnenbiss beende ich den Tanz- und Traditionsunterricht.

Essen vom Sternekoch - das kann auch Entspannung bewirken.
Essen vom Sternekoch - das kann auch Entspannung bewirken.(Foto: Carola Ferstl)

Am Nachmittag ist zum Glück Entspannung dran. Eine Liebesmassage steht auf dem Programm. Wo bin ich nur hingeraten! Ich lese schnell im Spa-Menü nach, das mir ein inneres Lächeln verspricht und mehr Schönheit nach der fast zweistündigen Behandlung. Naja, mehr geht wohl nicht. Und tatsächlich, keine Sportmassage, sondern angenehmes Kneten und das eine oder andere Rückenkitzeln lassen mich den Alltag vergessen und machen Hunger. Wie gut, dass das Borgo Egnazia gleich sechs Restaurants hat, da wird auch das Essen zum abwechslungsreichen Vergnügen. Beim Gespräch mit dem neuen Küchenchef wird mir dann auch wieder klar, was dieses Haus so anders macht. Es ist die Verbundenheit der Menschen mit ihrem Ort, mit Apulien.

Regionales Essen für kulinarische Verwöhnung

Domenico Schingaro ist ein Sterne-gekrönter Koch, der in seine Heimat zurückgekommen ist. Hier will er bald nur noch Produkte aus dem eigenen Garten anbieten. Kleine Anmerkung: Der Garten ist riesig, einige Hektar Oliven und Farmland gehören zur Masseria. Mir empfiehlt er das Blumenkohl-Steak. Es schmeckt unglaublich nach Gemüse und Schinken, ist aber vegetarisch, wie mir "Domingo", wie ihn alle nennen, versichert. Den rauchigen Geschmack zaubert er über geräucherte Erdnüsse, die er raffiniert zum knackigen Blumenkohl mischt. Das Pistazieneis mit einem Tropfen feinsten Olivenöls aus eigener Herstellung krönt das originelle Mahl. In diesem entspannten Rhythmus, zwischen Aromatherapie und Contact-Workshop, regionalem Essen und vielen Sonnenstunden vergehen die Tage im Borgo Egnazia schneller als gedacht.

Ich bekomme nur einen kleinen Einblick in das große Programm, welches das Spa gemeinsam mit dem Hotel für seine Gäste bereithält. Dreieinhalb oder sieben Tage kann man sicher leicht füllen - sich spüren, erleben, tanzen, turnen und sich entspannen. Schon nach der kurzen Zeit im angenehm ruhigen Ambiente des Hotels fühle ich mich wieder bei mir angekommen und entspannt, erfüllt mit vielen neuen Erkenntnissen über Körper und Geist. Ach ja, der Golfplatz ist übrigens nur ein paar Schritte entfernt und Tee-Zeiten gibt es nicht. Wer hier Gast ist, kann jederzeit spielen. Heilsam für viele gestresste Golfer-Seelen.

Quelle: n-tv.de

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