Mittwoch, 10. März 2010
Billigtrips und teure Abenteuer: Reisewelt ist gespalten
Expeditionen, Fernreisen mit ein wenig Abenteuer und Treffen mit Einheimischen: Nicht alle können sich das leisten. Die Kluft zwischen Arm und Reich in der Reisewelt wird größer.
Taiwanesische Folklore auf der Reisemesse ITB: Viele Deutsche zieht es zu immer exotischeren Reisezielen.
Schafe hüten in Irland, Teepflücken in Sri Lanka oder ein Besuch im Nomadenzelt: Viele deutsche Urlauber zieht es zu immer exotischeren Reisen. Und die Branche sucht angesichts schwächelnder Umsätze durch die Wirtschaftskrise nach neuen attraktiven Angeboten für eine zunehmend reiseerfahrene Kundschaft. Fernreisen mit ein bisschen Abenteuer, Expeditionen und die Begegnung mit Einheimischen - solche Programme werden aus Sicht von Experten immer wichtiger. Aber nicht alle können sich das leisten. In der Reisewelt wird die Kluft zwischen Arm und Reich in der Krise größer.
Die Tourismusbranche trifft sich seit heute auf der weltgrößten Reisemesse ITB. Mehr als 11.000 Aussteller aus 187 Ländern laden ein zu einer Reise um die Welt und hoffen auf gute Geschäfte. Die Wirtschaftskrise hat aber die Reiseindustrie nicht verschont. Die alten Rekordwerte des Reiseweltmeisters Deutschland sind in weite Ferne gerückt. Megatrend bleibt der preiswerte All-Inclusive-Urlaub. Die Kunden buchen immer kurzfristiger, achten aufs Geld und die Kalkulierbarkeit ihrer Ausgaben, berichten die Veranstalter. Und Reiseforscher gehen davon aus, dass das auch noch längere Zeit so bleiben wird.
Suche nach dem "besonderen Urlaub"
Die Reiseindustrie setzt daher verstärkt nun auf gutbetuchte Gäste, die weitgehend ungeschoren durch die Rezession gekommen sind, schon weitgereist sind und jetzt den "besonderen Urlaub" suchen. Sie wollen nicht nur mit dem Bus auf Sightseeing-Tour gehen, sie wollen in fremde Kulturen eintauchen und zugleich die Sicherheit einer geführten Reise. Marktforscher gehen davon aus, dass die Gruppe der über 50-Jährigen in einer alternden Gesellschaft für die Reisebranche in Zukunft die wichtigste Zielgruppe sein wird. Und sie sind oft relativ kaufkräftig.
Bundeswirtschaftsminister Brüderle am Stand von Peru auf der ITB.
(Foto: APN)
Die Urlaubsreise sei "kein Gut mehr für alle Bürger", stellte der Experte der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, Ulrich Reinhardt, in seiner jüngsten Tourismusanalyse fest. Im Durchschnitt verreiste 2009 noch jeder zweite Bundesbürger fünf Tage oder länger. Aber es ziehe sich eine Spaltung durch die Gesellschaft. So leisteten sich 80 Prozent der Beamten eine Reise, bei den Arbeitern waren es mit 41 Prozent nur halb so viele. "Es hat sich eine Zwei-Klassen- Gesellschaft herausgebildet", heißt es in der Analyse, für die 4000 Bundesbürger ab 14 Jahren befragt wurden. "Die einen machen sich mehr Gedanken um Reiseziele als um das Reisebudget, während die anderen immer öfter rechnen und sparen müssen und ihren Urlaub oftmals auf Balkonien oder in Bad Meingarten verbringen", sagt Reinhardt.
"Die Mitte wird schwächer"
Auch der größte deutsche Reiseveranstalter TUI stellt eine gewisse Polarisierung fest. "Die Mitte wird ein bisschen schwächer", sagt TUI Deutschland-Chef Volker Böttcher. Zuwächse gebe es vor allem bei preiswerten Angeboten und zum anderen auch im hochpreisigen Bereich. Die TUI hat ihr Angebot an Vier- und Fünf-Sterne-Hotels auf bis zu 85 Prozent erhöht. Und auch andere Anbieter stellen hohe Wachstumsraten bei teuren und feinen Reisen fest. Dertour zum Beispiel verzeichnet ein Plus von 400 Prozent bei Buchungen von Formel-1-Arrangements nach dem Wiedereinstieg von Michael Schumacher als Silberpfeilpilot. Und Dertour Deluxe-Angebote - ausschließlich 5- und 6-Sterne Hotels - wachsen sowohl in Europa als auch bei den Fernreisen zweistellig.
Auch die ITB-Leitung stellte fest: "Abenteuer- und Erlebnisreisen sind ein rasch wachsendes Segment." Die Reiseanbieter, deren Renditen seit Jahren an Auszehrung leiden, verdienen damit zugleich mehr als im Massentourismus zu den Sonnenzielen am Mittelmeer. Unter dem Stichwort "die Welt entdecken" finden sich in den Katalogen daher immer mehr neue Programmpunkte - sowohl bei klassischen Studienreiseveranstalter als auch bei den großen Reisekonzernen.
Eva Tasche, dpa
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