Reise
Viele Reiseberater arbeiten mittlerweile von zu Hause.
Viele Reiseberater arbeiten mittlerweile von zu Hause.(Foto: imago/Westend61)
Montag, 11. September 2017

Online-Kontakt versus Büro: So arbeiten mobile Reiseberater

Wer eine Reise bucht, macht das oft online - ohne Beratung. Oder er sucht im Reisebüro nach Expertentipps. Doch es gibt auch noch andere Wege. Der neue Trend der mobilen Reiseberatung machts möglich.

Wenn es gewünscht wird, kommt der mobile Reiseberater sogar abends oder am Wochenende zu einem nach Hause - mit allem, was man für Information und Buchung braucht. Noch sind die mobilen Reiseberater Exoten auf dem deutschen Reisemarkt. Schätzungen zufolge könnten sie im vergangenen Jahr etwa 200 Millionen Euro Umsatz gemacht haben - das ist angesichts eines Umsatzes von 24,5 Milliarden Euro in den knapp 10.000 stationären Reisebüros kaum nennenswert. Und fast 40 Prozent aller Reisen wurden zusätzlich online gebucht, im Wert von rund 23 Milliarden Euro.

Video

Vor drei Jahren wussten laut einer GfK-Studie nur etwa zehn Prozent der Kunden, dass es überhaupt mobile Reiseberater gibt. Auch deswegen ist Kurt Koch zuversichtlich. Koch ist Geschäftsführer der zum Tui-Konzern gehörenden TLT Urlaubsreisen GmbH und zuständig für die Reiseberater-Marken Take Off, Holiday Profis und Feria: "Wir stehen eigentlich noch am Anfang", sagt er. Zwar sei man noch wenig bekannt, doch seien viele Menschen bereit, bei einem Reiseberater zu buchen: "Es gibt ein sehr hohes Potenzial, was diese Dienstleistung angeht."

Buchung wie im Reisebüro

Mobile Reiseberater arbeiten nicht im Reisebüro um die Ecke. Sondern daheim, meist nebenberuflich. Und die weitaus meisten von ihnen sind Frauen. Vor allem solche, die früher mal in Reisebüros gearbeitet haben. Der mobile Reiseberater kann mit seinem Laptop auf die Buchungssoftware zugreifen, die auch das Reisebüro bietet. Der wesentliche Unterschied: Er ist extrem flexibel, kennt seine Kunden meist gut und ist nicht an Öffnungszeiten oder Bürostunden gebunden.

Die Kunden hätten diesen mobilen Vertrieb "gut angenommen", sagt Theite Krämer, Sprecherin von Thomas Cook, die seit 20 Jahren travelNet betreiben. In dem Bereich ist eine ganze Reihe von Anbietern aktiv, oft mit etwas unterschiedlichen Konzepten. Andere größere Unternehmen auf dem Markt sind beispielsweise Amondo, Prima Urlaub, Pro Tours oder Solamento. Koch wirbt vor allem bei der Marke Take Off mit "World of TUI", dem Konzern im Hintergrund. Insgesamt arbeiten bei ihm rund 700 Berater, allesamt mit langjähriger Reisebüroerfahrung oder vergleichbaren Kenntnissen.

Bei Amondo und anderen haben auch Quereinsteiger sehr gute Chancen. "Darauf haben wir uns spezialisiert", sagt Amondo-Geschäftsführer Achim Steinebach. Unter den Beratern gebe es aber auch "viele Touristiker, die zugemacht haben, weil sie erkannt haben, dass es heute nicht mehr lohnt, ein Reisebüro zu betreiben". Um ihre Kundschaft müssen sich die mobilen Berater selbst kümmern. Die Quereinsteiger haben vor allem zu Beginn des Einsatzes mobiler Reiseberater vor etwa 15 oder 10 Jahren für einigen Ärger gesorgt. Als "Totengräber der Reisebüros" waren sie verschrien. "Als das losging, waren da viele Leute unterwegs, bei denen man sagte: Um Himmels willen, was machen die da bloß", erinnert sich Ralf Hieke, Vizepräsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV) und selbst Besitzer von zwei stationären Reisebüros.

"Nehmen Reisebüros keine Kunden weg"

Mittlerweile ist die Sorge, der Lehrberuf des Tourismuskaufmanns mit seinen drei Jahren Ausbildung könne durch die Reiseberater entwertet werden, verflogen: Auch die Quereinsteiger würden regelmäßig geschult, betont Steinebach. Und Hieke bestätigt: "Wir sehen das eigentlich sehr entspannt." Die Angst, mobile Reiseberater könnten den Reisebüros Kunden wegnehmen, hat sich nicht bewahrheitet. Reisebüros und mobile Reiseberater verkaufen die Reisen zum gleichen Preis. Mobile Reiseberater arbeiten anders als Reisebüros. Sie haben zwar die gleichen Angebote und Preise, aber den "Mobilen" gibt es auch dort, wo es kein Reisebüro gibt. Entweder kommt die Beraterin samt Laptop und Drucker per Auto zum Kunden. Beispielsweise bei Amondo sind das oft Freunde und Bekannte.

Oder aber der Kunde kann sich bei den TLT-Firmen dank einer besonderen Software auf dem Bildschirm genau das anschauen, was auch sein Reiseberater 100 Kilometer entfernt sieht. "Man guckt gemeinsam, wählt aus, passt an - wir können dieses Reisebüroerlebnis per Internet zu 99 Prozent nachstellen", sagt Kurt Koch. Seine Reiseberater sind nur noch selten wirklich unterwegs, das meiste läuft über den Laptop. Der Kunde kann seinen Berater im Internet suchen, nach räumlicher Nähe oder nach Spezialkompetenz. "Wenn jemand Kitesurfing in Chile machen will, dann findet er einen Berater, der sich genau auskennt. Wo der physisch sitzt, spielt keine große Rolle", sagt Koch.

Ein wesentlicher Vorteil der mobilen Berater: Sie sind oft am Wochenende und am Abend erreichbar. Bei den TLT-Firmen findet etwa die Hälfte der Beratungen außerhalb der üblichen Ladenzeiten statt, hat Koch errechnet. Die Berater können sich die Arbeitszeiten selbst einteilen. Außer Telefon und Laptop braucht man nicht viel, die Buchungssoftware ist günstig zu haben. Steinebach ist überzeugt, dass die große Stunde der mobilen Berater erst noch schlägt. "Wir werden ein Reisebürosterben bekommen", sagt er. Viele Büros könnten sich die Versicherungen nicht mehr leisten, die ab Mitte 2018 wegen des neuen Reiserechts mit mehr Verbraucherschutz nötig seien. Hieke dagegen sieht darin vor allem "lästige Bürokratie", aber keine Existenzbedrohung. Wer guten Service biete, werde auch in Zukunft Kunden haben - im Reisebüro oder mobil.

Koch meint, dass gut informierte und immer anspruchsvollere Kunden dafür sorgen werden, dass sich der touristische Vertrieb verändert. "Heute suchen wir noch den Kunden", sagt er. "Aber mit wachsender Attraktivität unserer Leistungen wird es mehr und mehr dazu kommen, dass der Kunde uns sucht."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen