Panorama

Indisches Landleben und HindutempelTamil Nadu hat viel zu bieten

20.04.2011, 09:47 Uhr

In Südindien laufen schon mal Kühe und Ziegen auf der Straße - oder Elefanten. Kein Problem, wenn man einen Fahrer wie Babu hat, der alle Hindernisse umkurvt. Nebenbei zeigt er einem auch, was es im Bundesstaat Tamil Nadu alles zu sehen gibt. Etwa eine französische Enklave im ehemaligen britischen Kolonialreich, riesige Tempel und segnende Elefanten.

Babu hat keine Zeit zu verlieren. Der Fahrer hupt immer wieder Autos und Busse aus dem Weg. Auch Elefanten, Pferde oder Kühe müssen auf Babus Signal hören. Sein Fahrstil mag auf den ersten Blick selbstmörderisch erscheinen, doch Babu schlängelt den Wagen durch jede noch so kleine Auto- und Tierlücke - und bringt Besucher im indischen Bundesstaat Tamil Nadu wohlbehalten von einem Ziel zum nächsten.

Immerhin hat Tamil Nadu im südöstlichsten Zipfel des Subkontinents nicht nur eine lange Küste und Sandstrände am Golf von Bengalen zu bieten, sondern zum Beispiel auch Tempelanlagen, eine französische Enklave und unzählige üppig-grüne Reisfelder.

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Das größte Vishnu-Heiligtum Südindiens ist der Sri-Ranganatha-Swami-Tempel. (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Schon der Start der Reise bleibt für lange im Gedächtnis: ein Besuch bei der Zeremonie im Sri-Minakshi-Tempel in Madurai. Babu läuft vorneweg, bis er an einem Durchgang im Tempel stehen bleibt. "Gleich geht es los", verspricht er. Tatsächlich ist bereits rhythmische Musik zu hören. Priester und Gläubige feiern die Ankunft des Gottes Shiva. In einer Sänfte wird die Figur durch den Tempel getragen und zu seiner Frau Minakshi gebracht. Die beiden verbringen damit symbolisch die Nacht zusammen - das wird jeden Abend aufs Neue mit Musik, Blumen, Weihrauch und Opfergaben gefeiert.

10.000 Tempelbesucher - täglich

Die Ausmaße des Tempels erkennen Besucher erst bei Tageslicht: Wahrzeichen der sechs Hektar großen Anlage sind die zwölf riesigen Tempeltürme, vom Boden bis zur Spitze mit tausenden Figuren von Göttern, Dämonen, Tieren und Tempelwächtern verziert. Der Tempel zieht täglich rund 10.000 Menschen an.

Sri-Ranganatha-Swami-Tempel
Händler verkaufen Devotionalien, Gläubige sitzen auf dem Boden - der Sri-Ranganatha-Swami-Tempel hat mit den stillen christlichen Kirchen wenig gemeinsam. (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Von Madurai aus geht es weiter nach Norden zum Sri-Ranganatha-Swami-Tempel, dem größten Vishnu-Heiligtum Südindiens. Er ist einer Erscheinungsform Vishnus geweiht und eine berühmte Pilgerstätte. Der Haupttempel wird von sieben Mauerringen umschlossen, die jeweils von 21 Tortürmen unterbrochen werden. Im Tempel pulsiert das Leben: Händler bieten bunte Devotionalien an, an den Süßigkeitenständen bilden sich Schlangen, und zur Mittagszeit stehen Arme zur kostenlosen Essensausgabe an.

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Für eine kleine Spende segnet der Elefant am Brihadeshvara-Tempel die Menschen, die ihre Geldbörse öffnen. (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Wer mag, kann auf der Weiterfahrt noch mehr Tempel besichtigen. Immerhin gibt es in Tamil Nadu zahlreiche sehr alte, etwa den auf einem Felsen gelegenen Rock Fort Tempel nahe Srirangam oder den vor mehr als 1000 Jahren erbauten Brihadeshvara-Tempel in Thanjavur, wo einen der Tempelelefant - gegen eine kleine Spende - segnet.

Reisfeld
Mit den Füßen im Wasser pflanzen Männer und Frauen Setzlinge in ein Reisfeld. (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Bei einer Reise durch Tamil Nadu stehen auch Fahrten übers Land an. Rund um Thanjavur liegt über viele Kilometer Reisfeld an Reisfeld. Frauen und Männer stehen dort im Wasser, oft in einer Reihe hintereinander, und pflanzen zu Beginn einer Saison mit den Händen Setzlinge in das Feld. In einem anderen Dorf treiben Männer Vieh über die Straße, Frauen hängen ihre Wäsche auf, und Kinder spielen zwischen den Hütten.

Französisches Erbe

Pondicherry
Ein bisschen europäisches Flair - in Puducherry ist das französische Erbe präsent. Hier weht die Tricolore am Eingang einer Schule. (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Weiter geht es nach Puducherry (früher Pondicherry). Der Ort am Golf von Bengalen ist immer noch geprägt durch sein langes französisches Erbe. Die Stadt kam 1673 unter französische Herrschaft und blieb bis 1954 die Hauptstadt Französisch-Indiens.An der Strandpromenade Goubert Avenue zum Beispiel stehen kleine Häuser, die mit ihren Balkonen und Terrassen an südeuropäische Feriendomizile erinnern. In den Restaurants werden Crêpes und Coq au vin serviert, Boulangeries verkaufen frisches Baguette. Die Straßen im Zentrum Pondicherrys heißen Rue de la Marine oder Rue Francois Martin und die Polizisten tragen blütenweiße Uniformen mit französischen Képis auf dem Kopf.

Im Indian Quarter jenseits des Kanals beginnt das typische indische Leben. Im Grand Bazaar verkaufen hinter hohen Gewürzsäcken Händler Pfeffer, Chili, Kardamon und Masala-Mischungen. Und an den Blumenständen sortieren Männer und Frauen bunte, fluffige Blüten oder ziehen sie auf lange Fäden.

Mamallapuram
"Krishnas Butterball" bei Mamallapuram ist ein runder Riesenbrocken, der ständig absturzgefährdet erscheint. (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Nur zwei Autostunden weiter nördlich liegt Mamallapuram. Der Ort mit rund 15.000 Einwohnern war früher ein bedeutender Hafen der indischen Ostküste und lockt heute zahlreiche Touristen an. Immerhin ist Mamallapuram für seine Steinmetze bekannt. Teile des Ortes gehören zum Weltkulturerbe, unter anderem wegen ihrer ungewöhnlichen Tempelbauten. Berühmt ist auch das große Felsenrelief. Die Wände der meterhohen Felswand wurden einst mit zahlreichen Figuren - darunter einer Elefantenfamilie - verziert und sind noch heute bestens erhalten.

Für viele Besucher Tamil Nadus ist Mamallapuram eine gute Alternative zur etwa zwei Autostunden entfernten Großstadt Chennai. Das ehemalige Madras hat zwar einen der längsten Strände Asiens, doch der ist nicht nur verschmutzt, in der Stadt findet sich auch wenig Sehenswertes. Deutlich mehr Entspannung bietet da Mamallapuram, gerade wegen des langen Sandstrandes. Am Abend holen die Fischer ihre Boote ein. Das Meer rauscht, die Abenddämmerung taucht die Küste in ein bläuliches Licht - der perfekte Abschluss einer ereignisreichen Reise.

Quelle: abe/dpa