Reise

Sie sind da!: Tanz der Kraniche auf dem Darß

Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ist dieser Tage wieder einmal Schauplatz eines ganz eigenen Spektakels: Bis zu 70.000 Kraniche sammeln sich hier.

Bedeutendster Kranich-Rastplatz Zentraleuropas: die Vorpommersche Boddenlandschaft.
Bedeutendster Kranich-Rastplatz Zentraleuropas: die Vorpommersche Boddenlandschaft.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft versammeln sich in diesen Tagen die Kraniche, um sich auf den abgeernteten Feldern satt zu fressen für den Zug in den Süden. Das Naturschutzgebiet an der Ostsee ist eine der bedeutendsten Kranichraststationen der Welt. Rund 70.000 der eleganten Vögel inklusive ihrer Jungtiere kommen jedes Jahr dorthin, und sie ziehen Zehntausende Schaulustige auf die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. In diesem Jahr begann die Sammelphase durch die zeitige Ernte besonders früh, schon Mitte August waren 3000 Vögel im Nationalpark.

Die Bauern der Region finden den Ansturm weniger witzig. Gegen die Touristen haben sie nichts - aber die hungrigen Vögel fressen nicht nur das liegengebliebene Getreide auf den Feldern, sondern plündern auch gerne die neu eingesäten Flächen. Zumal die Tiere auf den Stoppelfeldern wegen des Einsatzes moderner Erntemaschinen auch immer weniger zu fressen finden. "Früher bekamen die Landwirte für das so verlorene Korn Ernteschadensersatz", erzählt Günter Nowald, Leiter des Kranich-Informationszentrums in Groß Mohrdorf vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Inzwischen wurde eine andere Lösung gefunden, die alle Seiten glücklich macht: Es wird auf den Feldern Getreide zugefüttert.

Kranich-Beobachtung garantiert

Günter Nowald, Chef des Kranich-Informationszentrums Groß Mohrdorf bei Stralsund.
Günter Nowald, Chef des Kranich-Informationszentrums Groß Mohrdorf bei Stralsund.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Viel Futter bedeutet viele Vögel - durch das zusätzliche Korn lässt sich sogar ein wenig steuern, wo gepickt wird: "Die Kraniche werden mit dem Weizen an bestimmte Plätze gebunden", sagt Nowald. Gut für die Gäste, die so auf den Beobachtungsplattformen der Region eine Art Sichtgarantie bekommen. Wenn auf den Feldern Tausende von Vögeln dicht an dicht stehen, "ist das eine Kulisse, wie Sie es kaum jemals finden", schwärmt Nowald. Zu übersehen sind die Tiere sowieso nicht, der Graue Kranich wird 1,25 Meter groß. Und das ist noch klein gegen den chinesischen Saruskranich, der mit 1,70 Metern fast so groß wie ein Mensch wird. Zu hören sind sie auch gut. Ihr "Trompetenruf" tönt recht laut über die Felder und das Wasser.

Die Kranich-Ranger vom Informationszentrum sind das ganze Jahr über in Einsatz. Wenn dann im August die ersten der schmalen grauen Vögel landen, werden sie zwei Monate lang von weiteren Wissenschaftlern verstärkt. Sie alle stehen den Touristen an den Beobachtungsstationen Rede und Antwort, und sie stellen auch gerne ihre Spektive zur Verfügung, eine Mischung aus Fernglas und Teleskop. Die Geräte sind rund 3000 Euro teuer und eignen sich besonders gut zur Tierbeobachtung. "Manche Gäste kommen jedes Jahr wieder", erzählt Nowald. "Sie sind Kranich-infiziert." Er selbst ist das offenbar auch, denn beim Wort "Kranich" glänzen seine Augen.

Tänzer des Nordens

Kraniche mögen Mais am liebsten.
Kraniche mögen Mais am liebsten.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Kraniche auf Fischland-Darß-Zingst kommen aus verschiedenen Gegenden in die Rastregion. Die Brutheimat der meisten ist Schweden, erzählt der Forscher. Es folgen anzahlmäßig die norwegischen und finnischen Kraniche. Es kommen aber auch baltische und polnische Vögel. Wenn die ersten Tiere eintreffen, zählen die Experten noch die einfliegenden Ketten. Im Verlauf der weiteren Wochen macht die Menge der Kraniche das irgendwann unmöglich. "Aber wir sind sehr geübt im Schätzen."

Am meisten fasziniert die Beobachter der "Tanz" der Kraniche. Normalerweise führen ihn die Tiere in der Paarungszeit im Frühjahr auf. Wegen der fantasievollen Balzgebärden werden sie daher auch "Tänzer des Nordens" genannt. "Aber sie tanzen eigentlich in jeder Erregungssituation", sagt Nowald. Und die kann der Anblick eines Seeadlers auslösen - oder ein Streit um Nahrung. Wer da gerade tanzt, ist für den normalen Beobachter nicht zu erkennen - Männchen und Weibchen sehen nahezu identisch aus. Während der Brutzeit ist es einfacher: Das Männchen hat eher Verteidigungsaufgaben, das Weibchen sitzt meist auf den Eiern und brütet.

Treue Seelen

Grandioses Naturschauspiel: Die Rast der Kraniche im Nationalpark.
Grandioses Naturschauspiel: Die Rast der Kraniche im Nationalpark.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die meisten Tiere stehen im Bereich des Großen Werder. Das ist eine weite Boddenlandschaft im Osten der Halbinsel Zingst. Rund 40.000 Tiere halten sich laut Nowald jedes Jahr allein in diesem Gebiet auf. Anfang November sammeln sie sich dann wieder zum Weiterflug. Die Vögel von Fischland-Darß-Zingst haben zumeist Südfrankreich und Spanien zum Ziel. Manche Tiere zieht es sogar bis nach Nordafrika, besonders nach Äthiopien. Die meisten kommen jedoch viele Jahre zurück auf den Darß, immerhin können Kraniche bis zu 40 Jahre alt werden - und sie sind ein Leben lang einem Partner treu.

Im Laufe des Herbstes landen immer mehr und mehr Kraniche auf den Stoppelfeldern. Sie halten sich zunächst von den Beobachtungsstationen an den Feldrändern fern. Später werden es so viele, dass die Tiere Richtung Feldrand Futter suchen müssen, also nahe den Besuchern. Wird das Korn knapp, nähern sie sich ohnehin dem Zuschauer: "Kraniche fressen sich auf einem Feld von innen nach außen", erklärt Nowald.

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Gut nähern kann man sich ihnen nicht, Kraniche sind sehr wachsam, streicheln ist also nicht drin. "Ihnen wird nachgesagt, auf jeder Feder ein Auge zu haben." In der Mythologie ist der Kranich daher der Wächtervogel. Oft wird er mit einem Stein im Schnabel gezeichnet - den trägt er, damit er nicht einschläft. Wenn ihm doch einmal die Augen zufallen sollten, dann weckt ihn das Geräusch des aufprallenden Steins sofort wieder. Vielleicht auch ein Grund für einen Tanz.

Haus des Kranichs

Das Kranich-Informationszentrum in Groß Mohrdorf ist das ganze Jahr geöffnet. Die Wissenschaftler dort arbeiten an Forschungsprojekten, präsentieren aber auch eine Ausstellung mit Wissenswertem über Kraniche. Jedes Jahr kommen rund 15.000 Besucher. Die Öffnungszeiten sind im September und Oktober täglich 9.30 bis 17.30 Uhr, im November täglich von 10.00 bis 16.30 Uhr. Im Dezember und Januar ist eine Besichtigung der Ausstellung nur nach vorheriger Anmeldung möglich.

Quelle: n-tv.de