Reise
Auf der südphilippinischen Insel Negros ist diese Wildnis eine echte Touristen-Attraktion.
Auf der südphilippinischen Insel Negros ist diese Wildnis eine echte Touristen-Attraktion.(Foto: Benjamin Konietzny)

Besuch beim Casaroro: Unten im Tal liegt ein magischer Ort

Von Benjamin Konietzny, Negros

Gänsehaut beim Anblick einer Landschaft? Das ist selten. In einer zerklüfteten Schlucht auf den Südphilippinen versteckt sich ein Wasserfall, der genau das wahr macht. Ein majestätisch-schöner Ort.

Ungläubig schaut mich die alte Dame mit ihrem von Falten zerklüfteten Gesicht und den kleinen Augen an. "No good, Sir!", lässt sie mich wissen. Keine gute Idee also, da mit Flipflops hinunterzugehen. Nun - jetzt sind wir hier und wegen fester Schuhe werden wir nicht noch einmal zurück in die Stadt fahren. Also muss es auch mit Flipflops gehen. Hier, das ist an den Hängen des Vulkans Cuernos de Negros auf Negros, der drittgrößten Insel der Philippinen. Vor uns liegt ein gewaltig tiefes Tal, an dessen Grund ein majestätischer Ort liegen soll: der Casaroro-Wasserfall.

Wer den Casaroro-Wasserfall sehen will, muss erst einmal durch den Dschungel.
Wer den Casaroro-Wasserfall sehen will, muss erst einmal durch den Dschungel.(Foto: Benjamin Konietzny)

Steil und kurvig hatte sich die Straße den Berg hinaufgeschlängelt. Erst hatte sich die Vegetation auf dem Weg allmählich verändert, dann das Klima. Die Hitze des Tages staut sich an der Küste. Hier oben ist es kühl, grün und feucht. Plötzlich endete die Straße, es ging zu Fuß weiter und neben dem kleinen Wegweiser aus Holz wartete schließlich die zerknitterte alte Dame auf uns. Als es noch einen ausgebauten Weg nach unten gab, haben sie sie hier hingesetzt, um Eintrittskarten zu verkaufen. Doch vor Jahren hat ein Erdrutsch den Weg zerstört. Sie sitzt hier trotzdem noch in der kleinen Hütte am Abhang, verkauft Tickets und warnt Besucher davor, mit Flipflops ins Tal zu gehen.

Hunderte Stufen im Urwald

Der Weg auf den Überresten des Touristenpfades verläuft gesittet. Fast schon absurd wirkt die monströse Treppe, die hier vor Jahrzehnten mitten in den Urwald gebaut wurde. Mit jedem Schritt schluckt die vertikale Landschaft mehr von den Menschen, die herkommen. Und die Sonne blinzelt immer seltener durch die Blätter der Bananenstauden, Kokospalmen und Riesenfarne. Als ob wir in einem gigantischen Tropenhaus unterwegs wären, so angenehm ist es, die Treppen immer tiefer in das Dunkel der Schlucht hinabzusteigen. Je näher wir dem Grund des Tales kommen, desto lauter hören wir das Rauschen. Je näher das Tosen kommt, desto löchriger wird der ausgebaute Weg, bis schließlich ein gigantischer Felsen, der den Weg unter sich begraben hat, an das Unwetter von einst erinnert. Die Casaroro-Wasserfälle waren mal eine gut erschlossene Touristenattraktion. Kaum vorstellbar, mit welchen Mühen Arbeiter die über 300 Stufen mitten in den Urwald gebaut haben.

Da ist er, der Wasserfall.
Da ist er, der Wasserfall.(Foto: Benjamin Konietzny)

Im Tal angekommen, führte der Weg teils über Hängebrücken weiter durch die Schlucht, um Besucher schließlich auf eine Aussichtsplattform zu führen, von der sie die majestätische Schönheit dieses Ortes betrachten konnten. Doch wie so vieles auf den Philippinen fiel auch dieser Weg den Naturgewalten zum Opfer. Ein Taifun löste 2011 einen Erdrutsch aus, der den Weg zerstörte. Und wie so vieles auf den Philippinen wird auch dieser Weg nicht wieder aufgebaut.

Es hat gewissermaßen traurige Tradition in dem Land, dass Dinge kaputt bleiben - weil das Interesse verfliegt, weil Gelder im unendlichen Sumpf der Korruption verschwinden oder weil Wahlen dazwischen kommen und neu gewählte Lokalpolitiker ihren Vorgängern Zugeständnisse machen würde, wenn sie ihre Projekte wieder herrichten. Das würde signalisieren, dass ein neu gewählter Politiker eingestehen würde, dass sein Vorgänger etwas richtig gemacht hat. Und das wäre extrem ungewöhnlich. Wer sich dennoch in das Tal wagt, über Felsen klettert und durch den Fluss watet, wird belohnt mit einem der schönsten Wasserfälle, die man in Südostasien überhaupt betrachten kann.

Anblick macht Gänsehaut

Jens, mein schwedischer Begleiter, und ich glauben schon, im falschen Tal zu sein, weil kein Wasserfall zu sehen ist. Doch plötzlich, als wir schon eine Weile über riesige Felsen geschlittert sind, macht das Tal einen Knick und gibt den Blick frei auf eine über 30 Meter hohe weiße Säule, die über schwarze, ausgewaschene Felsen senkrecht in einen Teich aus grünlich-transparentem Wasser stürzt. Auf Jens' und meinen Armen stellen sich die Härchen auf und wir sagen eine Weile garnichts. Das Erste, worüber wir sprechen, ist die Frage, wie lang es her ist, dass ein Anblick bei uns eine Gänsehaut ausgelöst hat. Lange.

Ein paar Schritte über rutschige Felsen im falschen Schuhwerk liegen noch vor uns, dann stehen wir fast davor. Es grollt, es ist dunkel und der Aufschlag der Wassermassen produziert einen steten Wind, der unzählige Wassertröpfchen durch das Tal bläst. Das wenige Licht, das ins Tal dringt, wird von den blau-schwarz-schimmernden Felsen geschluckt. Ein magischer Ort. Auf dem Weg aus dem Tal hinaus sagen wir beide wenig - zu satt sind wir von dem, was wir gesehen haben. Bis wir irgendwann beginnen zu stöhnen, denn die 300 Stufen im Urwald müssen wir auch wieder hinauf. 

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Quelle: n-tv.de