Reise
Carsten Rose mit einem Geistlichen in einer Moschee in Abbasabad.
Carsten Rose mit einem Geistlichen in einer Moschee in Abbasabad.(Foto: Carsten Rose)

Deutscher Couchsurfer im Iran: Wenn die Moralpolizei genau hinschaut

Er ist locker an das Thema Iran herangegangen - das ist wohl die beste Art des Reisens. Ohne Vorbehalte, sondern mit einer großen Portion Neugier entschließt sich Carsten Rose, ein Journalist aus Aachen, den Iran zu besuchen - und dabei vor allem die Menschen, nicht nur Sehenswürdigkeiten kennenzulernen. Vor allem die jungen Leute zeigten dem 25-Jährigen, wie sie im Iran leben und wie neugierig sie sind.

n-tv.de: Wie bist du auf die Idee gekommen, Couchsurfing im Iran zu machen?

Carsten Rose: Ich habe eigentlich geplant, Aserbaidschan und den Iran zu bereisen, aber am Ende kam dann nur der Iran heraus. Ich habe mich dann über das Land informiert. Ich habe nie die Meinung geteilt, dass dieses Land gefährlich ist, obwohl alle gesagt habe: "Was willst du da? Das ist doch total gefährlich!" Diese Gedanken habe ich nie gehabt.

Und wie bist du dann auf das Couchsurfing gekommen?

Ich bin während meiner Recherche auch auf das Buch "Couchsurfing im Iran" von Stephan Orth gestoßen. Und als ich den Teaser las, dachte ich: "Das mache ich." Ich hatte mich bereits vor Jahren auf der Plattform Couchsurfing angemeldet, sie aber nie genutzt. Ich habe das Buch allerdings erst eine Woche vorher gelesen. Meine eigene Recherche und den Kontakt zu den Leuten habe ich gemacht, ohne das Buch zu kennen.

Ein Scheich predigt im Anschluss an eine Trauerfeier.
Ein Scheich predigt im Anschluss an eine Trauerfeier.(Foto: Carsten Rose)

Wie hast du das Ganze organisiert? Die Scharia, die religiösen Vorschriften, macht es ja durchaus kompliziert.

Durch meine Recherchen vorab habe ich gemerkt, dass die Iraner unheimlich gastfreundlich sind und dass Gastfreundschaft mit das höchste Gut ist. Auf Couchsurfing habe ich bereits im August eine öffentliche Anfrage gestellt, obwohl ich erst im November geflogen bin. Ich habe geschrieben, wann ich in den Iran fliege und welche Städte ich mir gerne angucken würde. Da habe ich schon gemerkt, dass die Leute sehr, sehr offen und beim Couchsurfing aktiv sind. Es waren bestimmt 50 bis 60 Menschen, die mich vor und während der Reise angeschrieben haben. Ich glaube, das ist in anderen Ländern anders. Ich selbst schreibe nur verhältnismäßig wenige Reisende an, die nach Aachen kommen. Ich warte eher, bis mich jemand fragt, und dann sage ich in der Regel auch zu.

Du wolltest in einer Großstadt, auf dem Land und bei einer Frau übernachten. Wie hast du das umgesetzt?

Mich hat schon jemand im August angeschrieben, aus einem Dorf. Auch wenn der Ort insgesamt 800 Kilometer von meiner Route entfernt lag, hat er mich überzeugt. Dieses Dorf stand in keinem Reiseführer. Im Prinzip musste ich nicht mehr nach diesem Erlebnis suchen, man hat es mir direkt gegeben.

Männer und Frauen müssen im Iran aufpassen, wie sie miteinander umgehen, denn die Moralpolizei schaut genau hin.
Männer und Frauen müssen im Iran aufpassen, wie sie miteinander umgehen, denn die Moralpolizei schaut genau hin.(Foto: REUTERS)

Du hast ja auch bei Frauen übernachtet. Wie war das? Das ist ja gerade im Iran sehr heikel.

Bei einer meiner Gastgeberinnen war ich der erste Gast, der bei ihr übernachtet hat und mit dem sie viel Zeit verbracht hat. Ich war drei Tage bei ihr. Ihr Vater hat in der Familie das Sagen und schränkt ihr Leben stark ein. Sie wurde stündlich offener und auch aktiver, als wir alleine unterwegs waren. Ich hatte das Gefühl, dass sie an mir erst so richtig gesehen hat, wie uneingeschränkt man sich in der Öffentlichkeit bewegen kann. Es war komisch zu sehen, dass man etwas widerspiegelt, wovon andere Menschen träumen. Als ich auf dem Rückweg nach Teheran war, hat sie mir per SMS geschrieben, dass ich mein Leben doppelt genießen soll - einmal für mich und einmal für sie. Das hat mir Demut gelehrt.

Du warst mit ihr auf offener Straße unterwegs - da achten die Sittenwächter im Namen der Scharia doch sehr drauf. Wie war das?

Ich hatte das Gefühl, dass gerade die Älteren ein bisschen strenger und prüfender geguckt haben. Bei einer Touristenattraktion saßen wir auf einer Bank, und jemand von der Moralpolizei kam extra in unsere Nähe. Und dann sagte meine Gastgeberin auch direkt: "Wende dich mal ein bisschen von mir ab". Am ersten Tag war ihr Vater dabei, als wir unterwegs waren. Sie hat mir vorher bereits gesagt, dass ich sie nicht berühren soll, wenn der Vater in der Nähe ist. Der Vater war an sich sehr höflich, aber er hatte dennoch sozusagen das dritte Auge gehabt. Ich habe auch gemerkt, dass Frauen, die stark verschleiert waren, gar nicht hochgeguckt oder Danke gesagt haben, wenn ich ihnen auf der Straße Platz gemacht oder die Tür aufgehalten habe.

Wie sah es mit der Verständigung aus, wenn du abseits der Großstadt unterwegs warst?

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Mit den Menschen, bei denen ich gewohnt habe, konnte ich Englisch sprechen. Schwieriger wurde es dann bei den Eltern oder Großeltern und Verwandten. Da war es dann eher über Eck und manchmal auch mit Händen und Füßen. Manchmal reichen auch Gesten. Es gab da einen Onkel von einem Gastgeber in dem Dorf: Wir haben nicht ein Wort miteinander gesprochen, aber bestimmt fünfmal miteinander gelacht. Den Älteren war das egal, dass wir uns nicht unterhalten konnten, Hauptsache sie konnten einem helfen oder man hat nur ein bisschen Zeit miteinander verbracht. Zum Beispiel gab es eine Situation in der Moschee nach dem Abendgebet: Ich saß auf der anderen Seite und mich hat dann der Vater von meinem Gastgeber herübergeholt, nur um nebeneinander zu sitzen. Dann hat er auch darauf bestanden, mich noch im Auto mitzunehmen, obwohl mein Gastgeber auch mit einem Auto gefahren ist. Wir haben zehn Minuten nebeneinandergesessen und nur drei Sätze gesprochen. Aber das war egal, Hauptsache man war zusammen.

Es wird viel über eine veränderte Stimmung im Iran gesprochen. Wie "modern" hat es auf dich gewirkt?

Meine erste Gastgeberin in Teheran war 27 und total westlich orientiert. Auch äußerlich stand sie für das totale Anti-Iran-Bild. Sie hatte kurze Haare, blonde Strähnen. Sie war nicht so, wie man sich eigentlich Iranerinnen vorstellt. Ihre Eltern waren auch nicht traditionell oder religiös. Sie sagte mir, in Teheran sei es eine andere Welt, es sei eine Metropole. Da werde auch nicht so streng auf manche Dinge geachtet. Wir waren auch mal zu viert - Männer und Frauen - auf einem Motorrad-Taxi unterwegs und die Moralpolizei war die ganze Zeit zufällig hinter uns. Aber da hat keiner etwas gesagt. Die Menschen am Straßenrand, in den Autos und Bussen haben über uns gelacht, weil wir eben zu viert auf dem Motorrad saßen.

Die Politik schwebt bei so einer Reise über allem. Welches Bild hast du jetzt?

Irans Präsident Ruhani.
Irans Präsident Ruhani.(Foto: picture alliance / dpa)

Ich habe mich vorher bewusst nicht so stark mit der Politik beschäftigt. Denn ich finde, man macht sich den Urlaub kaputt, wenn man zu viel darüber nachdenkt, dass es ein bisschen heikel ist. Das mag vielleicht naiv klingen. Aber man muss sich immer fragen: Welche Rolle nehme ich ein? Ich sehe mich immer als Gast, der sich zu Respekt verpflichtet fühlt. Und nicht als jemand, der anderen sagt, wie etwas geht oder nicht geht. Nur weil man von zu Hause andere politische Werte kennt, heißt das doch nicht, dass Menschen in einem anderen Land mit einer anderen Politik überhaupt keine eigene Meinung haben. Eine andere Gastgeberin in Teheran hat mir dazu am letzten Tag sehr eindringlich gesagt: "Wir dürfen Witze über unsere Führer machen, aber ihr nicht." Sie hat mir deutlich gemacht - auch ohne dass ich das Thema Innenpolitik angesprochen habe -, dass sie immer zu ihrem Land und ihren Führern stehen wird, wenn wir, also der Westen, uns einmischen.

Wie vielfältig waren die politischen Ansichten?

Ich habe mich bewusst immer sehr reserviert verhalten und bin froh, dass ich auch viele verschiedene Meinungen gehört habe. Speziell von Männern und Frauen. Man muss aber auch zwischen den Generationen unterscheiden und auch zwischen traditionell und religiös. Da muss man in verschiedene Richtungen gucken, um manche Dinge einzuordnen und zu verstehen. Ich selbst bin auch nicht so sattelfest, was die ganze Weltpolitik angeht. Deswegen orientiere ich mich eher eine Etage tiefer - nämlich an den Menschen vor Ort. 

Du berichtest insgesamt sehr positiv: Was war denn das schönste Erlebnis?

Meine drei Tage im Dorf waren in vielerlei Hinsicht schon großartig. Man kommt da als Europäer und Reisender hinein in eine Dorfgemeinschaft, und eigentlich denkt man, dass man da irgendwie eindringt. Aber ich war von Anfang an sehr willkommen und habe direkt dazugehört.

Hast du auch negative oder gefährliche Situationen erlebt?

Im Grunde nicht wirklich. Es waren keine gefährlichen Situationen, sondern eher unangenehme. Ich war mit einem Litauer unterwegs und wir sind getrampt, da in der Wüstenregion die Busse so schlecht fuhren. Dann sind wir bei jemandem eingestiegen, der uns später nach unseren Reisepässen gefragt hat. Ich wusste aber durch meine Recherche, dass man niemandem seinen Reisepass so einfach zeigen sollte, weil manche sie klauen und für viel Geld verkaufen. Dann sind wir ausgestiegen. Es wurde nicht gefährlich, weil wir zu zweit waren. Gefährlich im Iran wird es wohl nur für Touristen, wenn man den Zebrastreifen bei laufendem Verkehr überqueren muss.

Also deutlich entspannter, als viele denken.

Ja, auf jeden Fall. An einem Abend bin ich im Dunkeln in Teheran mit einem Australier 12 Kilometer durch die Stadt gelaufen. Wir waren zwei oder drei Stunden unterwegs und nicht nur in belebten Gegenden. Aber wir sind nicht in eine komische oder unangenehme Situation geraten. Wir sind durch die verschiedensten Nachbarschaften gelaufen und es ist nichts passiert.

Und wie war das so insgesamt mit den Moralpolizisten - gab es da noch interessante Situationen bezüglich der Geschlechter oder dem Alkoholverbot?

Es gibt grüne Polizisten, die Moralpolizei, und die blauen, das sind die normalen Polizisten. Die grünen Polizisten schauen, welche Paare Händchen halten und ob die auch verheiratet sind und solche Dinge. Aber ich glaube, es wird bei den Touristen viel offener. Ich war an meinem letzten Abend auf zwei Partys unterwegs. Es waren Hauspartys. Auf der einen lief laute Technomusik, alle waren zwischen 20 und 30, es gab Cognac vom Schwarzmarkt. Auf der anderen Party, die eher ein gemütlicher Abend mit viel Essen war und bei der alle über 30 und 40 waren, gab es auch ausländischen Alkohol, original, wie zum Beispiel Budweiser. Die Wohnung hätte auch in Barcelona sein können. Der Gastgeber sagte mir, dass jeder Alkohol trinken könne, man das aber in den eigenen vier Wänden machen sollte. So viel zum Thema Verbote. Jeder kommt an alles dran, wenn er will. Als sich alle verabschiedeten, haben sie sich wieder in Schale geschmissen und verschleiert. Alles in allem waren es sehr angenehme Begegnungen.

Mit Carsten Rose sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de