Reise
Donnerstag, 09. Juli 2009

Fernwandern: Zivilisationsflucht auf Zeit

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Sich der Zivilisation entziehen, den Alltag ausblenden, das hektische Treiben in den Niederungen zurücklassen: Diese Beweggründe sprechen wohl vielen Fernwanderern aus der Seele. Im Gegensatz zur Masse der Wanderer, die sich bei ihren Tagestouren vor allem in schöner Landschaft entspannen wollen, seien "pilgerhafte Motive" typisch für Fernwanderer, sagt Erik Neumeyer vom Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine in Kassel. Manche wollten eine bestimmte Strecken schaffen, andere in Abgeschiedenheit bewusst die Natur erleben, wieder andere suchten innere Einkehr. Nicht zuletzt durch den Boom des Jakobswegs scheint diese wohl älteste Art des Reisens zu neuer Beliebtheit zu gelangen.

Externsteine_Teutoburger Wald_Fernwanderweg E1.jpgIn Deutschland finden Fernwanderer nahezu paradiesische Bedingungen. Insgesamt 200.000 Kilometer Wanderwege durchziehen das Land. Das Grobgerüst dieses Wegenetzes, erklärt Neumeyer, bildeten Hunderte von regionalen Hauptwanderwegen wie der Westweg im Schwarzwald oder der Rhön-Höhenweg. Viele von ihnen wurden um die Wende zum 20. Jahrhundert herum von Wandervereinen angelegt - als erste touristische Infrastruktur Deutschlands. Das Gros liegt in den Mittelgebirgen, die damit für erholungshungrige Städter erschlossen werden sollten. Noch heute sind viele laut Neumeyer die Vorzeigewege einer Region und damit sehr populär. Oft orientieren sie sich in ihrem Verlauf an geschlossenen Naturlandschaften wie dem Schwarzwald.

Wesentlich jünger sind die elf europäischen Fernwanderwege. Sie wurden seit 1969 von der neu gegründeten europäischen Wandervereinigung nach und nach ausgewiesen. Der leitende Gedanke sei das Zusammenwachsen Europas gewesen, erklärt Neumeyer. Der Deutsche Wanderverband sei dabei eine treibende Kraft gewesen. Deshalb durchqueren oder streifen neun der elf europäischen Fernwanderrouten Deutschland. Der beliebteste sei hierzulande der E1 - wahrscheinlich weil er es ermöglicht, das ganze Land von Flensburg bis zum Bodensee zu durchwandern. Für die meisten Europawanderwege wurden bereits vorhandene Wege miteinander verknüpft. Der E9 vom Atlantik bis an die Ostsee dagegen wurde vollkommen neu angelegt.

Andrang trotz Vielfalt

Bei aller Vielfalt der Wege konzentriere sich der Andrang letztlich auf wenige Routen, sagt Jochen Brune vom Deutschen Alpenverein (DAV) in München. Einer der beliebtesten Wege sei der E5 von der französischen Atlantikküste bis Verona. Der meist belaufene Teil führt von Oberstdorf bis Meran über die Alpen. Hier sei es in der Hochsaison von Mitte Juni bis Ende August ratsam, bereits Wochen vorher einen Schlafplatz auf den Hütten zu reservieren, rät Brune. Denn dann laufen viele Tourgruppen den E5, weshalb die Hütten oft ausgebucht sind.

wanderer_Sauerland.jpgWer auch in den Notfall-Matratzenlagern keinen Platz findet, die oft im Winterlager oder Esszimmer der Hütten eingerichtet werden, kann es sich in der Natur bequem machen. Biwakieren mit Schlafsack und Isomatte sei grundsätzlich erlaubt, sagt Brune. Und wer nur ein kleines Zelt in der Dämmerung aufstellt und morgens wieder abbaut, müsse auch keine Strafen befürchten. Längeres Zelten allerdings sei in den Nationalparks verboten.

Deutschlands schönste NaturwunderDie meisten Fernwanderer zögen es vor, auf einer der Berghütten zu übernachten. Ein Rückfall in die Zivilisation, der sich aber lohnt. Denn er erspart dem ohnehin genug geforderten Wanderer, Zelt und Vorräte über die Bergkämme zu schleppen. Außerdem werde auf den Hütten die Tradition des einfachen Lebens gepflegt: Das genaue Gegenteil des Event-Tourismus.

Quelle: n-tv.de

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