Reise

Mythos nachhaltiger Tourismus?: Zwischen Traum und Wirklichkeit

Von Liv von Boetticher-Germeroth

Millionen Deutsche packen jedes Jahr ihre Koffer und machen sich in alle Himmelsrichtungen auf. Doch sie wollen dabei nicht nur die Welt entdecken - einige wollen dabei auch nachhaltig sein. Jedenfalls in der Theorie.

Ein neues Land entdecken, fremde Städte erkunden, am Strand entspannen - der perfekte Urlaub sieht für jeden anders aus. Einige Reisende haben noch ein etwas größeres Ziel: mit ihrem Aufenthalt im fremden Land möchten sie das Leben der Einheimischen verbessern. Auf der ITB in Berlin sind 135 Länder vertreten, etwa zwei Drittel davon sind Schwellenländer - und jedes Jahr reisen etwa elf Millionen Deutsche dorthin. Für die einheimische Bevölkerung ist der Tourismus ein lebensnotwendiger Wirtschaftszweig, er umfasst ein Fünftel der gesamten Wirtschaft, jeder zehnte Arbeitsplatz hängt daran. Und der Tourismus bringt Geld: alleine die Deutschen haben etwa 13,5 Milliarden Euro im Gepäck, wenn sie diese Länder besuchen.

Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, fordert auf der ITB, den Tourismus als wichtigste Einkommensquelle jener Länder zu schützen: "Der Tourismus bietet ein enormes Potenzial für die Beschäftigung junger Menschen. Mit der dafür nötigen Ausbildung geben wir ihnen die Chance auf ein eigenes Einkommen und eine selbstbestimmte Zukunft." Wie fest der Tourismus an den Wohlstand der einheimischen Bevölkerung gekoppelt ist, kann man vor Europas Haustür beobachten: Nur wenige Menschen erwägen derzeit einen Urlaub in Tunesien oder Ägypten, obwohl die touristische Infrastruktur dort nahezu perfekt ist. Die Angst vor Terroranschlägen und Unruhen ist einfach zu groß. Doch wenn aus politischen Gründen eine Region wegfällt, bricht gleichzeitig die Lebensgrundlage von Hunderttausenden weg - und das verstärkt wiederum politische Instabilität. Ein Teufelskreis.

"Tourismus beste Form der Entwicklungsarbeit"

Mit dem Elektroauto auf Safari: nachhaltiger Tourismus in der KAZA-Region.
Mit dem Elektroauto auf Safari: nachhaltiger Tourismus in der KAZA-Region.(Foto: www.futouris.de)

Mit Tourismus und Investitionen in Schwellenländern können Reisekonzerne und Urlauber ihren Beitrag leisten, um die Ursachen von Armut zu beheben. Deutsche Unternehmen und der Branchenverein Futouris unterstützen deshalb in verschiedenen Ländern Projekte vor Ort: in Afrikas größtem Naturschutzgebiet, der Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area, wird beispielsweise branchenübergreifend ein Projekt für nachhaltige Lodges umgesetzt. Das Gebiet liegt in der Grenzregion zwischen Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe.

Reiseveranstalter wie Tui, DER Touristik, Thomas Cook und andere am Projekt Beteiligte hoffen, dass auch in schwach entwickelten ländlichen Regionen eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung angestoßen werden kann und die Landflucht der einheimischen Bevölkerung vermindert wird. "Tourismus ist die beste Form der Entwicklungsarbeit", so Thomas Ellebeck von der Tui Group.

Mehr Tourismus ist nicht gleich mehr Entwicklung

Elefanten und Elektroboote. In Afrika nähert man sich dem nachhaltigen Tourismus langsam an.
Elefanten und Elektroboote. In Afrika nähert man sich dem nachhaltigen Tourismus langsam an.(Foto: www.futouris.de)

Projekte wie diese sind sicherlich ein guter Anfang für eine Tourismuswende in Richtung Nachhaltigkeit, doch Heinz Fuchs von "Brot für die Welt" sieht einen generellen Fehler im Ansatz: "Es ist nicht nachhaltig, Hunderttausende von Menschen durch die Welt zu fliegen, um sie dann in eine nachhaltige Lodge zu setzen." Heinz Fuchs fordert daher, dass die Tourismus-Branche "kein legalisiertes Modell Volkswagen" entwickle: Man solle "nicht an Stellschrauben drehen, damit der Eindruck entsteht, dass die Industrie nachhaltig ist." Laut "Brot für die Welt" erfüllt der Tourismus nämlich seine Versprechen nicht, armen Ländern mehr Entwicklung und Wohlstand zu bringen. Die Gleichung "Mehr Tourismus ist gleich mehr Entwicklung" gehe laut dem evangelischen Hilfswerk nicht auf, denn das Geld lande hauptsächlich in den Händen der Eliten der Länder.

Was also tun? Die Ausbildung junger Menschen, der direkte Zugang zur lokalen Bevölkerung am Urlaubsort und der Einsatz der wirtschaftlichen Marktmacht der Reisekonzerne spielt hier eine zentrale Rolle: der Branchenverein Futouris unterstützt Projekte, die die Jugend in den jeweiligen Ländern fördert, zum Beispiel mit Hilfe einer Hotelschule in Kambodscha. Hier lernen die Schüler, wie man ein Hotel wirtschaftlich und nachhaltig führt. Sie werden für das Thema sensibilisiert und sollen es in ihrem späteren Tätigkeitsumfeld verankern. Um die Artenvielfalt in den Schwellenländern zu schützen bringt man andernorts den Bauern bei, ihre Felder vor herumtrampelnden Elefanten mit Chilischoten und Bienen zu schützen, anstatt ihnen mit dem Gewehr auf den Leibe zu rücken.

Argentinisches Rind auf den Malediven?

Auch kann man sicherlich Reisende dazu anregen, offener für lokale Produkte zu sein: wenn der Wurstaufschnitt auf Mauritius anders schmeckt als in Deutschland, ist das vielleicht, weil er von einem lokalen Metzger hergestellt wird. Gerade das kulinarische Angebot in Hotels, Restaurants und auf Ausflügen macht für Reisende ja einen wichtigen Teil des Urlaubserlebnisses aus. Muss man auf den Malediven wirklich Rindfleisch aus Argentinien essen? Das Kennenlernen typischer Speisen und Getränke erfüllt doch den Wunsch nach einer authentischen Urlaubserfahrung.

Die Nahrungsmittelproduktion, -verarbeitung und -entsorgung ist mit vielen Problemen für die Umwelt verknüpft: Durch lange Transportwege oder die Produktion in beheizten Gewächshäusern entstehen CO2-Emissionen. Die künstliche Bewässerung von Landwirtschaftsflächen macht den Großteil des weltweiten Wasserverbrauchs aus. Hier können vor allem die Reiseveranstalter mit ihrer Marktmacht in den Schwellenländern ansetzen: Durch nachhaltigere Einkaufspolitik werden lokale Landwirte und Nahrungsmittelproduzenten gestärkt. Normalerweise benachteiligte Klein- und Kleinstunternehmer können an dieser Entwicklung teilhaben. Neben der Hotel- und Gastronomiebranche profitieren auch Bereiche wie Landwirtschaft, Handwerk und Kunsthandwerk von nachhaltiger Reiselust.

Auch der einzelne Reisende kann etwas tun: Wie wäre es, bei einer Rundreise an einer Destination länger zu bleiben? Auf diese Weise kann man die Gegend rund herum erkunden. Dabei kommt man automatisch mehr mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt, unternimmt Ausflüge ins Umland und kurbelt so die örtliche Wirtschaft an, indem man sein Mittagessen vielleicht im kleinen Dorfladen kauft.

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Quelle: n-tv.de

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