Trotz Mega-StausSão Paulo steht niemals still
Wer in São Paulo eine halbe oder ganze Stunde zu spät zu einem Termin kommt, muss nur das Zauberwort "Trânsito" sagen und schon erntet er Mitgefühl und Verständnis.
"O Trânsito", der Verkehr, ist als Verspätungsgrund in der Mega-Metropole anerkannt, gesellschaftsfähig und stets Tagesthema. Viele sagen der größten Stadt Südamerikas schon bald den Kollaps voraus, denn die Behörden registrieren täglich 800 bis 1000 Neuzulassungen von Fahrzeugen. Schon heute heißt es oft: "Nichts geht mehr."
Den Rekord verstopfter Straßen hält für das vergangene Jahr der 10. Juni: Die Städtische Verkehrsgesellschaft CET meldete 293 Kilometer Stau. "Das war ein Tag vor dem Feiertag Fronleichnam, es gab zudem ein wichtiges Fußballspiel und dann hat es noch geregnet - eine fatale Kombination", erinnert sich Daphne Savoy vom CET- Planungsstab. Von einem drohenden Verkehrskollaps in São Paulo will sie aber nichts wissen. "Das hat man schon vor zehn Jahren gesagt und es ist nicht eingetreten. Es wird keinen Kollaps geben. São Paulo wird niemals still stehen."
Zehnspurige Straßen
17.000 Kilometer Straße hat die brasilianische Stadt. Davon beobachtet die CET 835 Kilometer mit Kameras und eigenen Mitarbeitern, die mit Ferngläsern ausgerüstet sind. 6,5 Millionen Fahrzeuge, also Autos, Motorräder und Lastwagen gibt es in São Paulo. Allerdings ist davon jeden Tag nur die Hälfte unterwegs, schätzt die CET-Verkehrsexpertin. Die Stadt greift immer wieder zu Gegenmitteln, um den wuchernden Verkehr in den Griff zu bekommen. So gilt seit 1997 das "Rodízio", wonach Autos mit bestimmten Endnummern an verschiedenen Tagen zur Morgen- und Abend-Rush-hour nicht fahren dürfen.
In diesem Jahr werden einige Hauptverkehrsrouten von jetzt schon sieben auf zehn Spuren je Richtung erweitert. Das bringt wieder Entlastung für ein, zwei Jahre. Dann wird sich auch dort wieder der Verkehr aufgrund steigender Autozahlen stauen. Nur Motorradfahrer kommen zur Rush-Hour fix voran: Sie rasen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf dem Mittelstreifen durch die stehenden Autokolonnen und zwängen sich mit akrobatischen Verrenkungen durch die kleinste Lücke.
Nutznießer der Staus
"Eine Krankheit ist das mit dem Motorrädern, eine echte Krankheit ohne Heilung", schimpft Oswaldo, der Taxifahrer. Trotz Extraspur für Taxis und Busse ist er in 15 Minuten nur 150 Meter vorangekommen. Irgendwann werden auch die Gespräche mit den Fahrgästen etwas einsilbig, denn der Preis auf dem Taxameter steht im Gegensatz zum Verkehr nicht still und klettert in astronomische Höhen.
Der Stau nervt die meisten in São Paulo, aber nicht alle, denn es gibt auch Nutznießer. Nicht nur die Straßenverkäufer, die bei jeder Rotphase an der Ampel, Bonbons, Schokolade, Schirme, Handtücher, singende Plastik-Skelette und tanzende Mini-Weihnachtsmänner anbieten. Nein, auch für einige Journalisten ist der Stau Arbeitgeber. "Rádio SulAmérica Trânsito" heißt der Sender, der von 05.00 Uhr bis 21.00 Uhr nur ein Thema hat: Verkehrsnachrichten. "Wir leben eigentlich vom Dilemma der Autofahrer", sagt der Direktor des Senders, Felipe Bueno, etwas selbstkritisch.
Doch die etwa 30 Mitarbeiter informieren nicht nur über Staus, sondern bieten auch Alternativen an, wenn auf den Straßen nichts mehr geht und auch der Krankenwagen trotz Blaulicht und jaulender Sirene hoffnungslos feststeckt. Die Staugeplagten rufen im Studio an, schicken SMS oder auch schon mal vor der Abfahrt aus dem Büro Mails und Twitter-Meldungen. "Wir bekommen so jeden Tag tausende Stauhinweise, Ausweichtipps oder Fragen von unseren Hörern." Das 2007 gegründete Radio hat eigene Außenreporter und einen Helikopter.
U-Bahn keine Alternative
Seitdem Bueno Wellenchef ist, haben sich zwei Dinge in seinem Leben geändert: "Ich kenne die Straßen São Paulo heute wie meine Westentasche und: Ich habe kein Auto mehr." Er nutzt Taxis und Busse und muss sich nicht mit der Suche nach Parkplätzen abquälen. Die U-Bahn mit ihrem kleinen Netz von knapp 70 Kilometern ist keine wirkliche Alternative. Auch das Fahrrad bleibt den Mutigen vorbehalten.
Doch in diesem Punkt keimt Hoffnung. In diesem Jahr sollen einige Fahrradspuren eingerichtet werden. Dafür hat die CET einen Etat von 21 Millionen Reais (knapp acht Millionen Euro) bereitgestellt. 54 Kilometer Radwege sollen entstehen. CET-Planerin Savoy weiß sehr wohl, dass dies nur 0,3 Prozent des Gesamt-Straßennetzes von São Paulo sind. "Aber", sagt sie, "das ist doch immerhin ein Anfang."