Ballbesuch kein LuxusWiener bleiben im Walzertakt
Walzerselig durch die Krise: In der Wiener Ballsaison wird ohne Rücksicht auf Geldsorgen gefeiert wie zu Kaisers Zeiten.
Die jährlich stattfindenden mehr als 400 Tanzfeste sind für die Wiener Wirtschaft eine sichere Bank: Jedes Jahr glänzen rund 315.000 Besucher in edlen Roben oder im Smoking. Die Wirtschaftskammer erwartet eine Wertschöpfung von 67 Millionen Euro - das sind etwa drei Millionen mehr als im Vorjahr. Auch für den Tourismus ist der Ball eine goldene Tradition. Für einen Abend im Dreivierteltakt reisen pro Saison etwa 80.000 Gäste an.
Wer kurz entschlossen am Wiener Opernball am Donnerstag tanzen will, kommt jedoch zu spät. Der noble Höhepunkt der Ballsaison ist wie jedes Jahr längst ausverkauft. Eine Karte kostet 230 Euro. Für eine Loge sind zwischen 9500 und 17.000 Euro zu bezahlen. Umringt von TV-Kameras trinken dort Prominente, Politiker und Wirtschaftsbosse Champagner. "Der Opernball ist schon noch ein Symbol der österreichischen Nation", sagt der Grazer Soziologe Manfred Prisching. "Das ist wie der Abfahrtslauf in Kitzbühel oder der Wiener Stephansdom."
"Alles" in der Welthauptstadt der Bälle
Den Ball im Sinne einer neuen Bescheidenheit abzusagen, würden die Österreicher für kindisch halten, meint Prisching. Im letzten Jahr war in der Wirtschaftsflaute jedoch eine gewisse Zurückhaltung bemerkbar. Bankenchefs, deren Institute mit Steuergeldern gerettet werden mussten, wollten nicht gern gefilmt werden. Das wird diesmal wohl nicht anders sein. "An der Stelle eines Bankdirektors würde ich schauen, dass ich hinter den Vorhang verschwinde", rät Prisching lachend.
Das Wiener Tourismusbüro vermarktet die Donaumetropole erfolgreich als Welthauptstadt der Ballkultur. Einzelne Bälle seien zwar auch in anderen Städten zu finden. "Aber eine Ballsaison hat nur Wien", sagt der Geschäftsführer von "Wien Tourismus", Norbert Kettner. Begonnen hat die Balltradition mit Festen des Adels, die vom Bürgertum übernommen wurden. In Wien blieb sie verankert. "Der Blick auf das Aristokratische hat sich in Österreich stärker gehalten als in anderen Ländern", sagt Prisching.
Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft
Nach Berechnungen der Wirtschaftskammer legt ein Besucher für einen Ballabend im Schnitt etwa 215 Euro aus. Da sind Karte, Friseur, Getränke und Taxi enthalten. Auf diese Ausgaben wird selbst in schlechteren Zeiten nicht verzichtet. "Ein Ball gehört für die meisten Leute in unserer ohnehin relativ reichen Gesellschaft nicht zum Luxus", erklärt Prisching. Auch viele junge Österreicher halten einen Ballbesuch nicht für spießig.
Selbst gegen den Opernball, der über Jahre als verhasstes Symbol des Kapitalismus galt, gehen keine Demonstranten mehr auf die Straße. Die Balltradition hat dagegen neues Gebiet erobert. Die homosexuelle Szene feiert seit Jahren im Wiener Rathaus den "Life Ball", der mit viel Glamour zur größten Wohltätigkeitsveranstaltung Europas für die AIDS-Hilfe wurde. Auch beim "Flüchtlingsball" wird für einen guten Zweck getanzt. Die Veranstalter seien mit ihren Anliegen vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gerückt, sagt Prisching. "Das ist auf einer anderen Ebene eine Fortsetzung der Demonstrationen gegen den Opernball."