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Handball-Europameister sind zurück: Berlin feiert krächzende "Bad Boys"

Von Sonja Gurris, Berlin

Die Verantwortlichen sind froh, dass es alle Handball-Europameister pünktlich nach Berlin schaffen. Fast 10.000 Fans auch: Die Halle bebt, als die Mannschaft einläuft. Die feiert standesgemäß: mit Bier, Gesang und Schale - nur ohne Stimme.

Ja, es muss eine sehr lange Nacht in Krakau gewesen sein. Die Stimmen der deutschen Handballer sind einem Krächzen gewichen. Der EM-Triumph aber bleibt und deshalb ist die DHB-Partycrew von Polen nach Berlin weitergeflogen, um sich noch einmal feiern zu lassen. Und Gott sei Dank sind alle irgendwie aus dem Bett gekommen: "Wir sind froh, dass wir alle pünktlich in die Maschine setzen konnten - das war gar nicht so einfach", scherzt Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handball Bundes: "Und ich bin ehrlich gesagt froh, wenn wir gleich fertig und sie wieder selbst für sich verantwortlich sind."

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Erst an Tag eins nach der Finalgala gegen Spanien wird vielen klar, was sie geschafft haben: Kai Häfner ist einer dieser Typen, die vor Kurzem nicht einmal vom EM-Titel träumen durften. Jetzt steht er gerührt auf der Bühne der Berliner Max-Schmeling-Halle - vor ihm Tausende frenetisch jubelnde Fans: "Ich habe letztens noch auf dem Sofa gesessen und die EM geguckt und jetzt bin ich hier Teil dieser geilen Europameisterschaft-Mannschaft."

Und was sagt der Trainer? Der Vater des Erfolgs spricht wenig und genießt um so mehr. Doch als er "Berlin ist meine alte Heimat" ruft, jubelt die Halle Dagur Sigurdsson ohrenbetäubend entgegen.

Finalticket wieder verkauft

Viele Fans standen schon Stunden vor der Party vor der Halle an, die Euphorie ist riesig, die Show auch. Jeder Mannschaftsteil wird einzeln reingerufen, die Spieler laufen durch ein Flammenspalier. Hunderte Smartphones halten das Geschehen fest. Die Fans singen immer wieder "Oh wie ist das schön".

Eine junge Frau im Publikum freut sich sehr für diese "geile Mannschaft" - doch Melanie hadert auch ein bisschen: Die Handball-begeisterte Frau hatte das erste deutsche EM-Spiel gegen Spanien live im polnischen Breslau gesehen. Nach dem 29:32 dachte sie: Endspiel und Deutschland, das wird diesmal nix - und verkaufte die Finalkarten, die sie besaß, nach der Vorrunde wieder. "Ich habe mich jetzt natürlich sehr geärgert. Aber dafür bin ich heute hier, um die Mannschaft zu feiern", sagt die Hannoveranerin. Für die Titel-Party in Berlin hat sie extra Urlaub genommen.

Die Fans strahlen an diesem Tag eine neue Handball-Euphorie aus: Kinder und Jugendliche in Trainingsanzügen von lokalen Handballvereinen, die ihre Eltern überredet haben, heute in die Halle zu kommen. Sie haben ihre Bälle mitgebracht und kämpfen um die Autogramme ihrer Vorbilder. Die größten Stars sind, gemessen an der Publikumslautstärke, die beiden Torhüter Carsten Lichtlein und Andreas Wolff. Letzterer erntet schon Sprechchöre, bevor er überhaupt in der Halle ist. Wolff hat an diesem Tag definitiv nicht nur im Netz, sondern auch in Berlin seine ganz eigene Fanbase.

Handball-Helden fürs Familienalbum

"Das ist echt eine super Stimmung hier. Ich bin Kieler, da muss man Handball mögen", sagt Markus Hartmann, der sich seine Begeisterung im Exil in Berlin bewahrt hat. Er ist nach der Arbeit hergeeilt um das DHB-Fanfest mitzuerleben, "denn sowas passiert ja nicht oft". So geht es vielen, die einen Familienausflug in die Halle machen. Ein Elternpaar aus Magdeburg ist extra hergefahren, weil ihr kleiner Sohn vor dem Fernseher stand und darauf bestand: Bei dieser Feier, da muss er dabei sein. Nun sitzt er auf den Schultern seines Vaters - und vielleicht wird auch er eines von den Kindern sein, die durch einen neuen Handball-Boom Teil dieser Sportart werden.

Die Europameister von heute waren schließlich auch mal kleine Jungs, die ihren Vorbildern nachgeeifert haben. Jetzt hat die jüngste Mannschaft des EM-Tuniers auf jeden Fall einige kleine Fans mehr. Begeisterte Teenager-Mädels in Handball-Dress und mit Zahnspange feiern Wolff, Reichmann und Co. wie Popstars.

In dem Moment, wo die Mannschaft die EM-Schale in die Höhe reckt, der Glitzerkonfetti-Regen beginnt, da sind alle - Fans und Spieler - glücklich. Über einen EM-Titel, mit dem die wenigsten in der Halle gerechnet haben. Um es mit den Worten von Carsten Lichtlein zu sagen: "Ich ziehe den Hut vor dieser jungen Mannschaft." Und damit spricht er Tausenden Zuschauern aus der Seele.

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Quelle: n-tv.de

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