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Der zweite Wada-Bericht
Der zweite Wada-Bericht(Foto: dpa)

Korruption im Weltverband "verankert": Dopingbericht belastet Leichtathletik schwer

Schon vor der offiziellen Veröffentlichung sickern Inhalte des zweiten Dopingberichts zur Leichtathletik durch. Die Wada-Ermittler werfen dem Weltverband systematische Korruption vor - und systematisches Wegsehen hochrangiger Funktionäre.

Die Leichtathletik fürchtet den mit Spannung erwarteten zweiten Untersuchungsbericht zum Doping- und Korruptionsskandal im Weltverband IAAF. Vorab bekanntgewordene Details dürften nicht zur Beruhigung beitragen, sie rücken den Verband und seinen Präsidenten Sebastian Coe in ein schlechtes Licht. Während die IAAF beteuert, es habe keine systematische Korruption gegeben, sondern nur unentdeckte Einzeltäter, kommt die Kommission dem Branchendienstes insidethegames.biz zufolge zu dem Schluss: Es ist unmöglich, dass das IAAF-Council nichts von den verdächtigen Vorgängen rund um positive Dopingproben russischer Leichtathleten gewusst habe.

Das IAAF-Korruptionsnetzwerk

LAMINE DIACK: Der langjährige IAAF-Präsident aus dem Senegal steht im Zentrum des Skandals um die versuchte Vertuschung positiver Dopingproben russischer Sportler. In Frankreich wird gegen den 82-Jährigen wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt, angeblich ist er nur gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 500.000 Euro auf freiem Fuß. Seinen Reisepass musste Diack abgeben.

PAPA MASSATA DIACK: Der Sohn von Lamine Diack war als Marketing-Berater für die IAAF tätig und offenbar einer der Urheber des Korruptionssystems. Wurde nur nicht verhaftet, weil er sich nicht in Frankreich aufhielt. Inzwischen von der Iaaf-Ethikkommission lebenslang gesperrt. Interpol hat einen internationalen Haftbefehl für ihn ausgestellt.

WALENTIN BALACHNITSCHEW: Ehemaliger IAAF-Schatzmeister, ehemaliger russischer Leichtathletik-Präsident. Zusammen mit Papa Massata Diack tief in das Korruptionssystem verstrickt. Auch er ist inzwischen lebenslang gesperrt.

HABIB CISSE: Anwalt der Diacks. Auch er steht im Visier der französischen Justiz. Die IAAF übergab ihm 2011 das Blutpass-Management, obwohl er kein Amt im Weltverband innehatte.

GABRIEL DOLLÉ: Ehemaliger Leiter der Iaaf-Anti-Doping-Abteilung. Soll mitgeholfen haben Dopingfälle zu vertuschen, angeblich von Diack mit 140.000 Euro bestochen. Auch er wurde von der französischen Polizei festgenommen. Inzwischen von der IAAF-Ethikkommission für fünf Jahre gesperrt.

Der Bericht wird um 15 Uhr offiziell vorgestellt und dürfte nicht nur den Reformdruck auf Coe weiter erhöhen. Er dürfte den Briten sowie weitere hochrangige IAAF-Funktionäre auch in Erklärungsnot bringen. Coe, der 2015 zum IAAF-Präsidenten gewählt wurde, gehört bereits seit 2003 dem Council des Leichtathletik-Weltverbandes an. Von 2007 an war er Vizepräsident unter Ex-Präsident Lamine Diack, der als Schlüsselfigur im Leichtathletik-Skandal gilt.

Von dessen korrupten Umtrieben will Coe nichts bemerkt haben. Seine Entschuldigung: Wegen seines Jobs als Organisationschef der London-Spiele 2012 habe er nicht alles wissen können, was in der IAAF gelaufen ist. Allerdings: Zwischen den Sommerspielen in London und Diacks Abgang 2015 lagen drei Jahre, in denen Coe nicht durch olympische Organisationsaufgaben abgelenkt war.

Wie Coe saß auch Helmut Digel, ehemaliger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), von 1995 bis 2015 jahrelang im höchsten Führungsgremium der IAAF - ebenfalls völlig ahnungslos, wie er sagt. Nach der Veröffentlichung des ersten Wada-Berichts im November 2015 hatte er sich erschüttert vom Ausmaß ("Schlimmer als der Fall Ben Johnson") gezeigt und völlig verblüfft von den Anschuldigungen gegen Diack. "Das hat mich in der Tat überrascht, weil er nicht nur ein derartiges Betrugssystem betrieben hat, sondern auch der Drahtzieher in diesem System gewesen sein soll", sagte Digel damals und beteuerte, dass weder das Council noch die Exekutive davon gewusst und korrupte Praktiken keineswegs stillschweigend geduldet habe, im Gegenteil: "Wir haben uns immer als Verband verstanden, der engagiert gegen Doping kämpft."

"Keine kleine Zahl von Tätern"

Diese Sichtweise stellt der zweite Bericht fundamental in Frage. Die Autoren Richard Pound, Richard McLaren und Günter Younger folgern vielmehr: "Die Korruption war in der Organisation verankert." Für die skandalösen Vorgänge könne "keine kleine Zahl von Tätern verantwortlich gemacht werden", betonen sie. Wie groß der Kreis der Dulder, Unterstützer und Mitwisser gewesen sei, lasse sich nicht nachvollziehen. Sicher sei aber: "Es kann nicht als Handlung eines merkwürdigen Abtrünnigen, der auf eigene Faust gehandelt habe, ignoriert oder abgetan werden", zitiert die Nachrichtenagentur AP vorab aus dem 89 Seiten langen Bericht.

Diack wurde inzwischen von der französischen Justiz wegen der Vertuschung von Doping-Fällen gegen Bezahlung angeklagt. Zudem gibt es Hinweise, die IAAF hätte bereits seit 2009 von dem systematischen Doping in Russland gewusst, und Anschuldigungen, eine große Zahl von auffälligen Blutproben verheimlicht und nicht sanktioniert zu haben.

IAAF bestreitet Vertuschung

Bereits am Montag hatte die IAAF in einer Stellungnahme erklärt, es habe keine "systematische Korruption" im Verband gegeben, aber einen Mitarbeiterstab mit hohen ethischen Standards, der großartige Arbeit im Kampf gegen Doping geleistet hat". Am Mittwoch hatte Coe Vertuschungsvorwürfe gegen seinen Verband erneut zurückgewiesen. "Die Sache ist einfach: Wurden alle Unregelmäßigkeiten verfolgt? Die Antwort lautet: Ja. Wurden Strafen verhängt und publik gemacht? Ja. Wurde etwas vertuscht? Nein", sagte er in Fernsehinterviews.

Im ersten Teil hatte das Gremium massive Dopingverfehlungen in der russischen Leichtathletik festgestellt, unter anderem wurde daraufhin der russische Verband ARAF aus der IAAF ausgeschlossen. Den russischen Leichtathleten droht damit das Aus für Olympia in Rio.

Quelle: n-tv.de

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