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Und tschüss.
Und tschüss.(Foto: dpa)
Donnerstag, 14. April 2016

Lakers-Legende hat fertig: Egomane Kobe Bryant im Basketballolymp

Von Tobias Nordmann

Ein letztes Mal noch verspritzt die "schwarze Mamba" ihr Gift. Lakers-Legende Kobe Bryant verabschiedet sich mit einer unglaublichen Vorstellung nach 20 Jahren von der großen Bühne NBA. Es ist ein Abschied, der allerdings längst überfällig war.

Hätte Kobe Bryant in seinem letzten Spiel als Basketballprofi gegen die Utah Jazz einfach nur das gezeigt, was er in den vergangenen Wochen aufs Parkett gebracht hat, die sportliche Würdigung der Lakers-Legende hätte vermutlich so angefangen: Gut, dass es das Langzeitgedächtnis gibt. So bleibt Kobe Bryant auf jeden Fall das, was er einmal war, ein herausragend guter Basketballer nämlich, und nicht das war er jetzt noch ist: ein bitterlich ächzender Altstar, der physisch jede Grenze des Zumutbaren überschritten hat.

Zahlen und Fakten zu Kobe Bryant

Spitzname: Black Mamba
Rückennummer: 24 (seit 2006/07, zuvor 8)
NBA-Draft: 1. Runde, 13. Pick, ausgewählt von den Charlotte Hornets (1996) und sofort im Austausch für Center Vlade Divac an die Lakers weitergegeben
Teams: Los Angeles Lakers (1996-2016)
NBA-Titel: 5 (2000, 2001, 2002, 2009, 2010)
MVP der Hauptrunde: 1x (2008)
MVP der NBA-Finals: 2x (2009, 2010)
Allstar: 18x (1998, 2000-2016)
Olympiasieger: 2x (2008, 2012)
Punkte-Rekord: 81 Punkte am 22. Januar 2006 beim 122:104 gegen die Toronto  Raptors - nur Wilt Champerlain erzielte in einem Spiel mehr Punkte, 100, am 2. März 1962 beim 169:147 seiner Philadelphia Warriors gegen die New York Knicks.
50-Punkte-Spiele: 25 (Platz 3 der Historie)

Kobe Bryant aber hatte für seinen letzten Auftritt auf der großen Bühne NBA eine ganz andere Idee: Er presste jede noch irgendwo vorhandene Energie aus seinem maladen Körper und verabschiedete sich als das, was er fast 20 Jahre lang war: einer der Allergrößten, den der Sport Basketball je hervorgebracht hat. Kobe Bryant hat vergangene Nacht seine Karriere beendet. "Ich bin richtig aufgeregt und glücklich. Ich freue mich sehr darauf, zum letzten Mal meine Schuhe zu schnüren", hatte der 37-Jährige noch vor dem Schlussakt erklärt. Im Staples Center, dass 17 Jahre seine Heimat war (zuvor drei Jahre das Great Western Forum), Ort für epische Schlachten, für historische Spiele, für die großen Triumphe, hatten sich Fans, Freunde und Gegner eingefunden. Ein hochdekoriertes Spalier von Oscar-Preisträgern, Grammy-Gewinnern und NBA-Champions für Kobes Weg auf den Basketball-Olymp.

60 Punkte hat Kobe in seinem letzten Spiel aufgelegt, nahm mehr Würfe als der Rest des Teams: "Früher haben sie immer gesagt, Kobe du musst mehr abspielen. Heute haben sie gesagt: Gib mir nicht den Ball." 60 Punkte, dass ist die fünfbeste Ausbeute in seiner Karriere. Erwartet hat das niemand mehr. Zu zerstört wirkte sein Körper, verwirkt von zwei Dekaden Basketball auf allerhöchsten Niveau. Er fühle sich "wie Dreck", hatte die Lakers-Legende ein paar Tage vor seinem letzten All-Star-Game im Februar erklärt. Es war nicht die erste Wehklage auf seiner seit November, seit seinem angekündigten Abgang, dauernden Abschiedstour. Immer wieder ächzte er Sätze wie: "Mein Rücken und meine Beine bringen mich um". Immer wieder bekannte er aber auch: "Ich liebe diesen Sport". Und wie er ihn liebte. Kobe Bryant hat dem Basketball so viele schöne Momente geschenkt. So Athletisch, so ästhetisch, so selbstbewusst, fast schon arrogant hat die "schwarze Mamba" gespielt. Ein alles vernichtendes Monster - eine Basketball zelebrierende Giftschlange eben. Gefürchtet, bewundert, aber nicht wirklich geliebt.

Das Ego, ein bisschen zu groß

Kobe blieb Kobe. Er wurde von den Fans nicht als "His Airness" (Michael Jordan), nicht als "Magic" (Earvin Johnson) und auch nicht als "Dirkules" (Dirk Nowitzki) verehrt. Er wurde zur selbst ernannten "schwarzen Mamba". Bryant fand den Namen passend. Für sich, für sein Spiel. Die Gewandtheit und die Aggressivität der Giftschlange seien "eine perfekte Kombination dessen, was mein Spiel sein soll", erklärte er einst in einem Gespräch mit dem "New Yorker". Bescheiden ist das nicht. Sich selbst mit einem der tödlichsten Killer der Tierwelt zu vergleichen, es passt indes zu dem etwas zu groß geratenen Ego Bryants.

Aber wo soll Bescheidenheit herkommen, bei einem der am 3. November 1996 mit 18 Jahren bereits die größte Showbühne der internationalen Basketball-Welt betrat, sie dominierte wie kaum ein Zweiter und erst am 13. April 2016 nach 20 Jahren wieder verließ?  Noch bevor die „Mamba“ letztmals den Ball in die Hand nahm, hatte der Abend sein emotionalen Höhepunkt erlebt. Der größte Ballstreichler der Geschichte, der ewige Lakers-Playmaker, Earvin "Magic" Johnson, dankte dem immer verlegener wirkenden Bryant „für 20 Jahre Exzellenz und Größe, dafür dass du nie betrogen, alles für die Fans gegeben, mit Verletzungen gespielt und uns fünf Meisterschaften beschert hast." Auf Johnson folgte Shaquille O'Neal. Der "Robin" für den "Batman" Bryant. O'Neal bedankte sich per Videobotschaft beim „besten Laker“ aller Zeiten für die gemeinsame Zeit. Das ist durchaus bemerkenswert. Denn das lange Zeit verfeindete Verhältnis zum Centerriesen sagt eine Menge über den Typ Kobe Bryant aus.

Acht lange Spielzeiten liefen die beiden Topstars gemeinsam für Los Angeles auf, gewannen in den Jahren 2000, 2001 und 2002 drei Titel in Serie. Doch was auf dem Feld in der Regel gut funktionierte, eskalierte daneben mehr und mehr. So sehr, dass selbst die Mitspieler fürchteten, dass Duo spiele irgendwann nicht mehr mit- sondern gegeneinander. Immer wieder beklagte sich der Centerriese bei den Lakers-Bossen über den Egoismus der "Mamba". Die Luft zwischen den Alphariesen wurde damals immer dicker, schließlich unerträglich. So zogen die Verantwortlichen nach der demütigenden Final-Niederlage in der Saison 2003/2004 - ein 0:4 gegen die Detroit Pistons - die Bremse. O'Neal musste gehen. Der Egozentriker Bryant hatte sich durchgesetzt. Mal wieder.

Der frustrierende MVP-Makel

Diese Egozentrik, die ihm abseits des Parketts nur wenig Freunde einbrachte, machte ihn auf den 420 Quadratmetern zwischen beiden Körben zur Legende. Ein Platz in der legendären „Hall of Fame“ scheint ihm garantiert. Im Glauben an sich selbst unerschütterlich, spielte das Bewegungsausnahmetalent oft egoistisch, aber immer aggressiv, spektakulär, erfolgreich. Am 22. Januar 2006 demütigte er die Toronto Raptors mit unglaublichen 81 Punkten. Die zweithöchste Punkteausbeute in einem NBA-Spiel aller Zeiten.

Es war das beste Spiel der "schwarzen Mamba" in einer Reihe von hunderten Herausragenden. Und dennoch ist seine Karriere mit einem Makel behaftet: Nur einmal, im Jahr 2008, wurde er als MVP, als bester Spieler einer Saison, ausgezeichnet. Für einen, dem die eigene Leistung immer das Wichtigste war, wie ein ehemaliger Mitspieler mal gesagt haben soll, ist das eine persönliche Niederlage. Vielleicht auch deswegen führte er beim All-Star-Game 2003 einen kleinen, schmerzhaften Rachefeldzug gegen Michael Jordan, der sich fünf Mal über die MVP-Ehren freuen durfte.

In seinem letzten Duell mit den NBA-Besten hatte Jordan für den Osten fünf Sekunden vor Ende zur Führung getroffen - doch die "Mamba" biss zurück, traf zum Ausgleich und rettete den Westen in die Overtime. Der von Bryant geführte Westen gewann, Jordan blieb die scheinbar sichere Ehrung als wertvollster Spieler verwehrt. Im vorletzten Spiel seiner Karriere, in der Nacht zu Montag, wird die Lakers-Legende noch einmal mit der Aktion konfrontiert. "Ich wollte Kobe zerstören. Ich erinnere mich daran, wie abfällig er sich benommen hat, als Michael Jordan zurücktrat. Das wollte ich ihm heimzahlen", erklärte Kevin Durant, Superstar der Oklahoma City Thunder, nachdem er mit 34 Punkten einen gewichtigen Teil zur deklassierenden 79:112-Niederlage von Los Angeles beigetragen hatte. Ein letzter schwerer Tiefschlag für den zermürbten Klub, für den zermürbten Star.

Die Lakers sind in dieser Saison das zweitschlechteste Team der NBA. Trotz, nein vermutlich wegen Bryant. Seit drei Jahren humpelt der einstige Superstar seiner ehemaligen Ausnahmeform meilenweit hinterher. Seit drei Jahren quält sich der 37-Jährige mit den Verschleißerscheinungen eines maroden Körpers über das Parkett und ist trotzdem nach wie vor der unumstrittene Leader, der bestbezahlte Spieler (25 Millionen Dollar) im Verein, der beste Mann im Kader. Das ist nicht nur für den Klub eine fatale Nachricht, der keinen Plan B für ein erfolgreichere Zukunft zu haben scheint, sondern auch für Bryant eine fürchterliche Erfahrung. Denn die von ihm gewohnten sportlichen Ausrufezeichen setzte er seit seiner lyrischen Rückzugsankündigung Ende November nur noch ganz, ganz selten.

Manchmal erregte er sogar Mitleid, so wie Ende März als er mit 75:123 bei den Utah Jazz die höchste Niederlage seiner Karriere erlebte. Er selbst markierte nur fünf mickrige Punkte. Ein Horrorszenario für eine Legende. Hätte Bryant auf seinen Körper gehört, er würde mit seinen 37 Jahren längst nicht mehr spielen. Er spielte weiter, weil er den Basketball liebt. Und die Lakers glaubten an die Wiederauferstehung ihres Superstars. Doch die kam erst am letzten Abend seiner Karriere. Jetzt ist es endlich zu Ende, nach 20 Jahren und 1346 Spielen. Das ist gut so.

Quelle: n-tv.de

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