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"Wir kämpfen bis zum bitteren Ende": Georg Grozer.
"Wir kämpfen bis zum bitteren Ende": Georg Grozer.(Foto: imago/Conny Kurth)

Dolmetscher "quasi meine Ehefrau": Georg Grozer quält sich für Rio

Von Felix Meininghaus, Berlin

Er ist der wohl beste Volleyballer, den Deutschland je hatte. Georg Grozer will sich mit seinem Team für Olympia in Rio qualifizieren. Sein Geld verdient der tätowierte Modellathlet in Südkorea. Und hätte dort "am Anfang fast in den Eimer gekotzt".

Georg Grozer kam am Flughafen an und wäre am liebsten auf der Stelle vom Rollfeld auf das Spielfeld geeilt, um das zu tun, was er am besten kann: Hoch springen und brachial auf den Ball prügeln: "Ich bin heiß wie Frittenfett", sagte der wohl beste Volleyballer, der jemals für Deutschland ans Netz gegangen ist: "Ich will unbedingt spielen, wann geht es endlich los." Vital Heynen musste seinen Star bremsen: "Junge, schlaf Dich erst mal aus, den Rest werden wir dann sehen." Der belgische Trainer auf der Bank der deutschen Schmetterasse weiß, wie wichtig sein Star ist.

"Ich bin nach jedem Spiel fix und fertig, danach geht es sofort in das Eiswasser."
"Ich bin nach jedem Spiel fix und fertig, danach geht es sofort in das Eiswasser."(Foto: imago/Sebastian Wells)

Heynen braucht Grozer, Volleyball-Deutschland braucht Grozer, um die Mission von der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro erfolgreich zu bewältigen. Acht Nationen sind beim europäischen Ausscheidungsturnier angetreten, das bis Sonntag in Berlin stattfindet, nur der Sieger bekommt sein Ticket. Immerhin erhalten der Zweite und der Dritte im Mai in Japan noch eine weitere Chance, das Gipfeltreffen an der Copacabana zu erreichen. Bislang haben sich die Deutschen mit zwei klaren Siegen gegen Belgien und Serbien prächtig geschlagen und vorzeitig das Halbfinale erreicht.

Heute nun wartet ab 20.30 Uhr in der Max-Schmeling-Halle im Stadtteil Prenzlauer Berg mit Weltmeister Polen der letzte Vorrundengegner. Bislang war Grozer der zuverlässigste Punktelieferant, vor allem in den engen Phasen ist auf ihn Verlass. Selbstverständlich ist das nicht, denn der gebürtige Ungar ist vom anderen Ende der Welt angereist, um sein Team nach Brasilien zu schmettern. Der Mann aus Moers am Niederrhein verdient sein Geld beim Klub Samsung Blue aus der südkoreanischen Millionenstadt Daejeon. Er stieß erst wenige Tage vor Turnierbeginn zur Nationalmannschaft und musste zunächst einmal seinen Jetlag bekämpfen. Eine optimale Vorbereitung sieht anders aus, vor allem die filigranen Abläufe mit Zuspieler Lukas Kampa, der den Angreifer in Szene setzt, wollen einstudiert sein. "Aber wir kennen uns so lange, das kriegen wir schon hin."

Südkorea? "Ein Traum für einen Volleyballer"

Über seinen exotischen Arbeitsplatz weiß Grozer viel Gutes zu berichten. Dieses Engagement sei "ein Traum für einen Volleyballer", sagt der Mann, der in seiner schillernden Karriere bereits in Italien, Polen und Russland unter Vertrag stand: "Die Leute lieben Volleyball und tun alles dafür. Ich habe noch nie einen so gut organisierten Klub erlebt." Um dem Profi aus Europa das Leben zu erleichtern, haben sie Georg Grozer einen Dolmetscher an die Seite gestellt, der ihn rund um die Uhr begleitet. Der sei "quasi meine Ehefrau. Er ist bei jedem Training, er begleitet mich mittags und abends zum Essen, er geht mit in den Supermarkt - er ist wie mein Schatten. Er immer neben mir, beim Dehnen, bei den Auswärtsfahrten, in der Sauna, bei der Massage."

Ein bisschen emotionaler bitte: Georg Grozer beim Auftaktsieg gegen Belgien.
Ein bisschen emotionaler bitte: Georg Grozer beim Auftaktsieg gegen Belgien.(Foto: imago/Conny Kurth)

Diese Unterstützung ist wichtig, denn Grozer ist gefordert: Das Krafttraining sei so hart, "dass ich am Anfang fast in den Eimer gekotzt habe". Zudem bekommt der Deutsche in der Liga "60 bis 70 Bälle pro Spiel, die anderen Angreifer zehn oder 15". Das hilft, um das Salär von einer geschätzten halben Million Euro im Jahr aufzubessern. In der koreanischen Liga gibt es eine Sonderregel, nach der für drei Asse, drei Blocks und drei erfolgreiche Hinterfeldangriffe in einem Spiel ein Bonus von 1000 Dollar ausgeschüttet wird.

Grozer hat sich diese Prämie bereits dreimal verdient. Ein solch aufwändiges Pensum kostet Kraft: "Ich bin nach jedem Spiel fix und fertig, danach geht es sofort in das Eiswasser." Zudem ist es hilfreich, dass die gesundheitliche Versorgung in Südkorea den höchsten Anforderungen entspricht. Grozer hat einen eigenen Physiotherapeuten, der ihn "jeden Tag viermal ausdehnt, zudem bekomme ich nach dem Abendtraining 90 Minuten Behandlung." Der Effekt bleibt nicht aus, "seit ich in Korea bin, sind meine Schulterschmerzen weg. Dafür kriege ich riesen Oberschenkel, meine Jeans sind enger geworden." Die Deutschen dürfen sich glücklich schätzen, einen Angreifer in ihren Reihen zu wissen, der sich auf dem Höhepunkt seiner außergewöhnlichen Schaffenskraft befindet. Auch als Persönlichkeit ist der zweifache Familienvater fern der Heimat gereift. Er ist im deutschen Team nicht nur auf dem Spielfeld der Leader, sondern auch außerhalb.

Nach dem phänomenalen Auftritt gegen Serbien berichtete Grozer, wie er in der Teamsitzung das Wort ergriff. Er habe seine Mitspieler dringend gebeten, "ein bisschen emotionaler zu agieren. Schließlich geht es hier um viel." Die Kollegen sind Grozer auch deshalb gefolgt, weil der großflächig tätowierte Modellathlet mit gutem Beispiel vorangeht. Sein Credo für die Tage von Berlin lautet: "Wir kämpfen bis zum bitteren Ende. Mein Ehrgeiz ist stärker als meine Müdigkeit."

Quelle: n-tv.de

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